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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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Jaßrg. 27 
Nr. 14 
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afcob trug sein Vogelnest so vorsichtig, daß 
seine Hand steif wurde. Wenn kleine 
Jungen vorbeiliefen, hielt er auch noch die 
andere Hand davor. Als er auf der Brücke 
stand, heulte der Wind auf. Jakob schützte 
mit beiden Händen sein Vogelnest. Der 
Wind hob seinen Hut und warf ihn in den 
Fluß. Jakob blieb erschreckt und hilflos 
stehen. 
die Dame stehen, die ihm entgegenkam. 
wollte etwas sagen. Aber als der Wind 
plötzlich aufhörte zu heulen, und die Luft so still wurde, 
daß man das Abendglockenleuten hörte, besann sie sich 
und ging weiter. Sie trug einen weißen Pelz. Als sie an 
Jakob vorbeiging, streifte dieser Pelz seine kalte Hand. Jakob 
atmete ein ganz feines, zartduftendes Parfüm ein. 
Er schüttelte erstaunt den Kopf. Er sah der Dame nach. 
Ihr Kleid war schwarz, glänzte und flatterte. Sie ging ruhig 
und sah zu Boden. Bei einem Schaufenster blieb sie stehen. 
Jakob wurde neugierig, was für ein Schaufenster das sein 
könnte. Er ging ihr schnell nach. Sie ging weiter, ehe er bei 
ihr war. Er warf einen flüchtigen Blick in die Auslage, 
Hinter dem Glasfenster hingen Lotterielose. 
Die Dame drehte sich um, zögerte. 
. . . Sie möchte ein Los haben . . . dachte Jakob ... sie 
träumt von Reichtum. Sie träumt sicher von sehr schönen 
Dingen, denn sie lächelte so mitleidig, als mein Hut fortflog. 
Sie lachte mich nicht aus. Nein, sie lächelte . , , Ich werde 
ihr ein Los schenken. 
Jakob stürzte in den Laden. 
„Schnell . . . “ sagte er. „Ein Los“. 
Er stand in der offenen Tür und sah besorgt der sich Ent 
fernenden nach. Der Verkäufer fragte etwas. Er hörte es 
nicht. 
„Ja, ja, ja ... “ sagte er. 
Er warf einen Geldschein hin, steckte den Rest eilig ein 
und nahm das Los. 
Als er wieder auf der Straße war, sah er die Dame nicht 
mehr. Er stürzte zur nächsten Ecke. Sie war fort. 
„Gott ... 1“ sagte er. 
Er sah so traurig aus, daß zwei Mädchen, die Arm in Arm 
kichernd an ihm vorbeigingen, verstummten und ihn scheu 
ansahen, 
Jakob kehrte wieder langsam um. Auf der Brücke blieb er 
stehen, atmete tief. An dem Pfeiler, bei dem sein Hut ins 
Wässer gefallen war, sah er über die Brüstung. Der Fluß 
schoß gelb- und weißschaumig dahin. 
Jakob hob plötzlich seine eiskalte, steif gewordene Hand 
mit dem Vogelnest an seine Lippen. 
„Das war ein ganz keusches Parfüm“, flüsterte er, „es war 
wie dies Lächeln. . . Ich bin sehr traurig, daß ich ihr nicht 
danken konnte.“ 
❖ $ * 
Jakob liebte seinen neuen Hut nicht. Er trug den Kopf 
darunter zu gerade und rückte oft nervös an der Krempe. 
Als er in die Untergrundbahn stieg, nahm er den Hut ab. 
Er setzte sich in die Ecke und schloß die Augen. 
Plötzlich richtete er sich ruckartig auf und sah sich um. 
Das Parfüm! 
Ihm gegenüber saß eine geschminkte Kokotte’. Sie sah ihn 
herausfordernd an und zeigte ihre dünnen Strümpfe. 
Neben ihm saß eine Dame, deren Gesicht er nicht , sehen 
konnte, weil ihr großer, schräger Hut es nach dieser Seite 
hin verdeckte. Sie trug einen schwarzen, weichen Mantel. 
Ihre Füße waren gekreuzt und staken in kleinen, schwarzen 
Samtschuhen. 
Der Zug hielt. Die Kokotte stieg aus. 
Jakob wurde schwindelig. 
„Gnädige Frau ..." sagte er heiser. 
Die Dame sah ihn an. 
„Hurra!“ sagte er. ,„Sie sind es wirklich.“ 
„Kennen Sie mich?“ fragte die Dame. 
„Natürlich“ sagte Jakob. „Vorgestern traf ich Sie auf der 
Brücke. Ich tat Ihnen leid, weil mein Hut ins Wasser flog.“ 
Die Dame erinnerte sich. Sie errötete und lächelte. 
„Ja“, sagte sie, „Sie waren das?“ 
„Ich heiße Jakob Heide“, sagte er. 
„So?“ Sie lächelte. „Ich heiße Cornelia.“ 
„Ach“ sagte er. Er freute sich. „Das ist hübsch.“ 
Sie lachte leise. 
„Warum . . . was denn . . . ?“ 
„Daß Sie mit mir sprechen. Daß Sie sich nicht zieren.“ 
„Nein“, sagte sie, „das tue ich freilich nicht.“ ■ 
„Sie hätten gerne ein Los gekauft?“ sagte Jakob. 
Sie sah ihn überrascht an. 
„Ja“, sagte er, „und weil Sie es nicht taten, wollte ich Ihnen 
eins schenken. Ich beeilte mich sehr. Aber Sie waren schon 
fort, als ich herauskam. Ich war sehr traurig.“ 
Sie sah ihn immer noch stumm an. 
Er zupfte an seiner Kravatte. „Ja , , . heute habe ich es 
nicht bei mir ..." sagte er verlegen. „Ich gehe ins Theater.“ 
„Ich auch“ sagte sie unsicher. Sie starrte ihn an. 
„Was sehen Sie?“ fragte' er schnell. 
„Sturm“, sagte sie. 
„Ich auch . . , ich auch! Da . . . da ist meine Karte.“ 
Sie betrachtete sie, 
„Loge . . . “, sagte sie. „Ich sitze im Parkett.“ 
„Bitte“, sagte er, „nehmen Sie meinen Logenplatz.“ 
„Aber . . . “ 
„Ja ... ja, Sie müssen ihn nehmen. Dann kann ich Sie in 
der Pause besuchen. Das darf ich doch?“ 
„Ja . . . “ sagte sie schüchtern. Sie nahm seinen Platz und 
gab ihm ihre Karte. 
Sie stiegen aus. Er half ihr. 
„Oh . . . “ rief sie, als er ihre Hand hielt, „Was für einen 
schönen Ring Sie haben!“ 
„Bitte“, sagte er, „nehmen Sie ihn.“ 
„Nein . . . “ Sie fuhr zurück. 
„Doch, doch. Warum sehen Sie denn so erschrocken aus?“ 
„Sie sind so sonderbar“, sagte sie ängstlich. 
„Nein“, sagte er, „ich finde es von Ihnen sonderbar, daß 
Sie zögern.“ 
Er blieb unter dem Licht stehen. 
„Sie haben ja blondes Haar!“ rief er entzückt. „Sie müssen 
ihn nehmen!“ Er drängte ihr den Ring über den Handschuh. 
Die Fahrgäste schoben sie zur Seite. 
Sie folgte ihm stumm nach dem Ausgang. 
* » * 
Er sah hinauf nach der Loge. Er beobachtete sie unausge 
setzt. Auch während des Spiels sah er sie durch das Glas an. 
In der Pause kam er in die Loge. Die Übrigen waren in das 
Foyer gegangen. 
Da blieb auch 
Sie lächelte und
        
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