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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jahrg. 27 
Nr. 14 
6 
Parfüm 
Gondesse^oL^ 
Crnst C lifit%scf) 
Helwig-Strehl 
iemand -wunderte sich darüber, daß sich die 
Komtesse Clo auch diesmal verspätete, und 
der Tee der Frau von Lieven fast vorüber 
war, als sie endlich in den Salon trat. Nahe 
zu alle Gäste, vor allem die Herren, -waren 
bereits gegangen, und nur noch die nächsten 
Freundinnen saßen um den reizenden Tee 
tisch. Die Komtesse wurde von der Dame 
des Hauses mit einem schmollenden Blick empfangen. Sie 
versuchte aber auch erst gar nicht, eine Entschuldigung zu 
stammeln, sondern nickte liebenswürdig nach allen Seiten in 
dem Bewußtsein, daß man ihren Hauptfehler, die Unpünkt 
lichkeit, bereits kenne. Sie nahm einfach Pussy, das chine 
sische Palasthündchen der Hausfrau, in die Hände und drückte 
das kleine Knäuel seidiger Haare an ihre vom schnellen 
Laufen geröteten Wangen. Ebenso schnell war sie dabei, Joko, 
den Südseepapagei, von der Stange zu heben und auf ihren 
schneeigen Arm zu setzen und mit ihm durch das Zimmer 
zu wirbeln, daß das sehr ehrwürdige Stubenmädchen der Frau 
von Lieven die Hände über den Kopf zusammenschlug, was 
sie vielleicht auch wegen des aufreizend kurzen Kleides von 
Komtesse Clo tat, denn bei jedem Schritt glitt der Rock über 
das Knie zurück — und mit neunzehn Jahren ist man den 
kurzen Kleidern der Backfischzeit eigentlich entwachsen. 
„Sie sind immer noch der allerliebste Irrwisch, Komtesse“ 
sagte Frau von Lieven, die ihr den Teller mit Teegebäck 
herüberreichte. 
„Sie haben recht, mich zu schelten“, entgegnete Komtesse 
Clo, „aber vergessen Sie bitte nicht, daß ich eigentlich noch 
sehr jung bin. Sobald ich die Dreißig überschritten haben 
werde, sollen Sie mich nur noch in zeremoniöser Pose sehen, 
als ob ich die Oberhofmeisterin eines regierenden Hauses 
wäre.“ 
„Ich bin auch nicht sehr viel älter als Sie, liebe Freundin“, 
fiel die Dame des Hauses ein, deren Unglück es war, mit 
Zweiundzwanzig für Dreißig gehalten zu werden, „aber mir 
fehlt der herrliche, süddeutsche Humor, mit dem Sie sich über 
die schwierigsten Situationen hinwogzusetzen verstehen. Darf 
ich Ihnen verraten, daß genau dasselbe vor ungefähr einer 
halben Stunde der Kapitänleutnant Rochow sagte, der gewiß 
noch gewartet hätte, wenn er sicher gewesen wäre, Sie zu 
treffen!“ 
Die lustige Komtesse kräuselte ihre feingeschwungenen, erd- 
beerfarbigen Lippen und zog den Rock etwas über das Knie, 
weil sie soeben den beleidigten Blick einer alten Exzellenz 
bemerkt hatte, die kopfschüttelnd die Kürze des Kleides zur 
Kenntnis nahm. „Ich lege wirklich keinen Wert auf die Galan 
terien des Herrn von Rochow“, entgegenete sie dann. „Und 
ich verstehe nicht, meine Damen, weshalb man ihn wie ein 
Wundertier in unseren Kreisen betrachtet. Ich kenne ihn nur 
ganz flüchtig, aber ich muß trotzdem sagen, er ist ein ab 
scheulicher Mensch.“ 
Von allen Seiten stürmten die Entgegnungen auf Komtesse 
Clo ein, die mit ihren letzten Worten den stärksten Unwillen 
erregt hatte. 
„Da muß ich wirklich energisch widersprechen“, meinte 
Frau von Lieven erregt und fächelte sich nervös Luft mit 
einem Fächer aus Schwanenfedern zu, obgleich es nicht über 
mäßig heiß im Zimmer war. „Ich habe Herrn von Rochow als 
vollendeten Gentleman kennen und schätzen gelernt.“
        
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