Path:

Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr 14 
Jafigt. 2? 
4 
Hast du bemerkt, wie einschmeichelnd seine Stimme ist? . . 
Es kommt einem vor, als liebkose er einen mit seinen Worten, 
die er in undefinierbaren Tönen erklingen läßt . . . und die 
einem die Nerven peitschen. 
Du wirst sicher annehmen, daß ich dich eifersüchtig machen 
will. 
Und wenn es nun so wäre? 
So hören Sie denn, verehrter Herr, daß Ihr Freund sich . . . 
mit einem stürmischen Schwünge, der mir durchaus nicht 
mißfallen hat . . . erdreistete . . . aber ich war auf der Hut. 
In solche Lage hast du mich dadurch gebracht, daß du mich 
ganz allein gelassen hast. 
Nun, nun? 
Wer kommt da? 
Herein! 
Liebster, der Hausmeister verkündet mir eben feierlich: „Der 
Herr Vicomte Henri de Courtines 1“ . 
Ich bin sehr zufrieden! Mein großer Bruder Henri ist ein 
so lieber Kerl, daß es einem immer unendliche Freude macht, 
ihn zu sehen. Gedulde dich . . . ich bin bald wieder hier, 
Liebster.“ 
Drei Tage sind vergangen . . . und die junge Gräfin de 
Livarol hat mehrmals an ihren Mann gekabelt. 
Jetzt ruckt und zuckt der goldene Federhalter mit der 
Smaragdschlange seltsam in ihren ungewöhnlich nervösen 
Fingern. 
Immer noch an demselben Briefe schreibt sie weiter . . . 
Der Zusammenhang ist ein wenig locker; 
„Du mußt mir diese Unterbrechung verzeihen, liebster 
Georges ... ach, deine Frau ist bekümmert. 
Ja! 
Die sechste und siebente Nacht waren geradezu unaus 
stehlich! Mit lautem Geschrei verlange ich . . . ein Eckchen 
. . . verstehst du? . . . denn das Leben ist mir nichts mehr 
nütze. 
Du hast aus mir . . . eine Anbeterin der Liebe gemacht . . . 
Teuerster! 
War das wohl klug??? 
Und doch liebe ich dich, der du mich die Liebe gelehrt hast! 
Aber es ist zum Verzweifeln, wenn man — so ganz allein 
— in einem Bett liegt, und ringsherum ist alles öde und leer!! 
Vorgestern hatte sich Henri gerade in seinen Liebiingssessel 
niedergelassen ... da erschien Maurice de Jonzac . . . strahlend 
wie gewöhnlich. 
Ich weiß nicht warum . . . aber es kam mir so vor, als ob 
die beiden einander eine Zurückhaltung zeigten . . . die sonst 
bei ihnen nicht üblich ist. 
Liebster — sollte mein Bruder die eifrigen Besuche . . . 
deines Freundes Jonzac nicht gern sehen??? 
Er brauchte doch wirklich nicht königlicher zu sein als der 
König! Du — : als mein Mann — wußtest ja im voraus, daß 
deine nächsten Freunde — durch meine plötzliche Verein 
samung — über die Maßen beunruhigt sind — und sofort die 
Gelegenheit benutzen würden, um sich zur Stelle zu melden 
Ich bin jetzt achtzehn Jahre alt, liebster Georges! Ich war 
hübsch . . . und du hast mich zu einer Schönheit gemacht. . . 
Also ..... 
DIE BLONDE LENE 
in i ■ ■ 1 m nt 
Von Kurt Erich. 
Nichts Schön res kann’s auf Erden gehen, 
Als eine Sängerin za sein; 
Seit frühster Jugend war mein Streben, 
Der großen Oper midi zu weih’n. 
Doch meine Stimme, ach, behagte 
Den Herren Direktoren nie; 
Denn meine Stärke, jeder sagte, 
Liegt in der Kehle, die — am Knie. 
Drum tanz ich, liebes Publikum, 
Hier auf den Brettern rum. 
Ich bin die blonde Lene 
Vom Sommer-Variete; 
Ja, keene schmeißt die Beene 
Wie ich so in die Höh’. 
Gern schmettert’ ich nach Noten 
’ne Arie, die euch packt, 
Doch das ist mir verboten 
Laut Kontrakt/ 
Schwer ist's dem künstlerischen Drange 
Zu wehren, wenn er in uns steckt. 
Ganz sicher werd’ auch im Gesänge 
Ich noch als Meisterin entdeckt. 
Bis dahin maß Geduld ich fassen, 
Im Busen tragen still mein Weh, 
Und von der Welt bewundern lassen 
Die große, statt des hohen C. 
Doch spendet ihr redit laut Applaus, 
Komm ich noch mal heraus. 
Ich bin die blonde Lene 
Vom Sommer -Variete; 
Ja, keene schmeißt die Beene 
Wie ich so in die Höh’. 
Gern schmettert’ ich nach Noten 
’ne Arie, die euch packt, 
Doch das ist mir verboten 
Laut KontraktI 
Verehrer hab’ ich eine Masse; 
Und einst das große Glück mich traf: 
Es bot sein Herz mir nebst der Kasse 
Ein richtiggeh'nder, alter Graf. 
Doch als er mich, dann hielt umschlungen, 
Und ich ihm eine Probe gab 
Von meiner Kunst, ihm eins gesungen, 
■Da sank er gleich — vor Schreck ins Grab. 
Ach, meine Glut und Leidenschaft 
Ging über seine Kraft. 
Ich bin die blonde Lene 
Vom Sommer-Variete; 
Ja, keene schmeißt die Beene 
Wie ich so in die Höh’. 
Gern schmettert’ ich nach Noten 
’ne Arie, die euch packt, 
Doch das ist mir verboten 
Laut Kontrakt!
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.