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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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Nr. 13 
Ja/irg. 27 
so schickte er dem angstvoll harrenden Ritter Gunzo sein 
Bräutchen, sauber gewaschen, mit herzhaften Grüßen zurück: 
„ist mir leid gewesen, hab’s aber nit anders gekunnt; hab’ ja 
auch nur mein altes Recht genommen. Nun halt sie mir warm 
und wert, das zarte liebe Tierlein, bis daß ich wieder einmal 
zu euch komme! 
Euer getreuer von Klütze.“ 
Einen also beschriebenen Zettel nestelte Gunzo vom Ge 
wände seiner Götelindis los, als sie zu ihm in die Kammer 
trat. 
Die Brautlichter gingen flackernd im Luftzuge aus. — 
Als über neun Monate ein Knäblein geboren wurde, da 
hatte es weder Gunzo’s flächsernes Haar, noch Götelindens 
braunes — wohl aber ringelte sich auf dem eckigen Häuptlein 
sichtbarlich schon — ein rotes Schöpfchen. — 
II. 
Die Meinungen über Siegmund Crailsheimer, Blechspielzeug 
en gros und en detail, Kontorhaus Krausenstraße, waren ge 
teilt unter dem Personal der Firma: schimpften der Prokurist, 
die Buchhalter und Reisenden ihn einen „rücksichtslosen Lüst 
ling und quietschigen Gannef“, so nannten ihn die Steno 
typistin, die Fakturistin, die Adressenschreiberin einen schar 
manten, unwiderstehlichen, famosen Menschen“ und dies zum 
endlosen Verdruß der männlichen Genossen! Siegmund Crails 
heimer war nämlich vor seinen weiblichen Angestellten ein 
korrekter, eleganter, liebenswürdiger, freigebiger Chef, der 
aber auch erwartete, sich allerlei kleine Zärtlichkeiten erlauben 
zu dürfen. So wußten sie sich sehr im Vorteil, wenn sie ihn 
in allen Ehren — gelegentlich zärtlich werden ließen. Zum 
mindesten teilte er dann Schokolade unter alle reichlich aus. 
War also sein Verhältnis und Ton zu den Kontordamen 
friedlich und galant (notabene; häßliche Angestellte duldete 
er nicht um sich) so war der Ton zwischen ihm und den 
Büroherren fast stets ein gereizter, voreingenommener; denn 
ebenso wie sie sich über seine Freigebigkeit gegen die Damen 
gifteten, (nur weil er sie hinter den Musterschränken „ab 
küssen“ durfte) 1 während er gegen die Herren geizig und kurz 
angebunden war, so nahm er ihnen auch alle Chancen bei den 
Kohtordamen fort, obwohl allgemeiner Flirt in den Kontoren 
doch gebräuchlich war! 
Dieser unausstehliche Schwerenöter mit seinem tadellosen 
Gehrock, der unwiderstehlich zwanglosen Krawatte, den hoch 
feinen Einsatzstiefeln, der ließ den üblichen Kontorflirt hier 
gar nicht aufkommen, der beanspruchte alles für sich!? 
Wie gesagt, die Kontorherren bezogen ein schofles Salair 
>— aber das sollte und mußte anders werden! 
Im März unternahm der erste Buchhalter, Herr Klemens 
Holzkauer, das Wagnis, sich zu verloben. 
Natürlich konnte diese Tatsache auch dem unausstehlichen 
Chef nicht verborgen bleiben. Doch Klemens ahnte nicht die 
ganze Schwärze in Siegmund Crailsheimer’s Gemüte, er unter 
schätzte dessen Bosheit; denn ganz unbefangen und arglos 
stellte er ihm seine junge Braut, Fräulein Belinde May, an 
einem lichten Morgen im Büro vor — — — schon, um das 
Hochgefühl; den Neid der anderen zu genießen! 
Siegmund Crailsheimer begrüßte die anmutige und fesche 
Blondine mit unwiderstehlichster Herzlichkeit, über die er, 
der „Gannef“, in solchen Momenten verfügte . . . 
Als Belinde ging, überwältigte ihn das eine Gefühl: den 
Käfer mußte er i&ich einfangen!! 
UftlVS riL, 
Sfrun, 
Wie, dieser waschlappige Bocker von Klemens unterfing sich, 
ein so fesches, liebes Ding ehelichen zu wollen? 
Zu schade; nee, wirklich zu schade für den! 
Kurz darauf, am 31. März, hatte Klemens Holzkauer triftigen 
Grund, und somit auch den Mut, den Chef um eine Gehalts 
erhöhung zu bitten, da er zum Juli heiraten wolle! Zwar 
fürchtete er von vornherein, abschlägig beschieden zu wer 
den, doch wollte er es versuchen; denn das war er Beiinden 
schuldig. 
Und schließlich: es gab auch noch andere Büros . . . 
Zu seiner Überraschung nahm Sdegmund Crailsheimer das 
Ansuchen des Buchhalters nickend, gedankenbauend, hände 
reibend entgegen! 
„Tja, mein bester Holzhauer, Sie wissen, wie sehr ich Ihre 
Mitarbeit bei der Firma schätze und daß ich Sie nicht missen 
möchte — aber — diese schlimmen Zeiten, die großen Aus 
fälle durch die elende Valuta und zurückgekommene Export 
sendungen, die große Kontobelastung durch Porto- und Fracht 
verteuerung — und soll ich Ihnen sagen?! Das gestattet mir 
keine weitere Belastung meines Kontos . . . allerdings, ja ich 
würde mich unter Umständen doch veranlaßt sehen, Ihre 
Bezüge zu erhöhen, wenn Sie — wenn Sie — ja, wissen Sie, 
mit Ihrem Fräulein Braut, da ließe sich vielleicht leichter über 
diese delikaten Dinge reden. Ich bin überzeugt, mein lieber 
Holzkauer, daß es Ihr pekuniärer Schaden nicht sein würde, 
wenn Sie mir lieber erlauben wollen, diese für Sie beide so 
bedeutsamen Angelegenheiten mit Fräulein May persönlich 
durchsprechen zu dürfen. Wissen Sie, ich bin nämlich meinen 
Geschlechtsgenossen gegenüber von einer gewissen zarten 
Scham in solchen Dingen, während ich bei einer Dame viel 
eher das geeignete Wort finden würde . . . also — ich will 
Ihnen helfen — ich möchte aber lieber mit Ihrem Fräulein 
Braut darüber reden, Herr Holzkauer!“ 
Sc 
Holzkauer war arglos — und um so hoffnungsvoller, da 
seine Braut dem Gannef gewiß eine Gehaltserhöhung ent 
locken und abschmeicheln würde, indem sie für ihn sprach — 
den Chef rührte und überzeugte . . . 
* 
Fräulein Belinde May besuchte, auf des Verlobten Anraten 
und Bitten hin, Herrn Siegmund Crailsheimer!! 
Zum großen Erstaunen Holzhauers wiar der Erfolg bald da. 
Die Gehaltserhöhung für ihn war glatt gewährt worden —> 
aber Siegmund Crailsheimer hat ein hohes Opfer verlangt: 
Fräulein Belinde mußte ihm einmal wenigstens angehören. — 
Und er machte es ihr nicht allzuschwer. — 
tekftei! 
ehern. König). Kriminal-Kommissar, 
Berlin W 36, Potsdamer Str. 123 a, 1. 
Fernsprecher: Lützow 8019 
Auskünfte, Ermittelungen, Beobachtungen. 
Diskrete Erledigung aller Vertrauensangelegenheiten, 11 jährige 
amtliche, 16 jährige private Tätigkeit. Erstklassige Empfehlungen
        
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