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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 13 
Jairg. 27 
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ich dir’s denn überhaupt erst noch sagen, daß meine Ehe mit 
Edgar einfach unerträglich ist? Muß ich dir’s sagen, daß mich 
nichts mehr mit diesem Mann — ich weiß, du nennst ihn deinen 
Freund — verbindet und daß . . . daß . . . “ 
Frau Hella stand plötzlich auf, warf sich Hartmut an den 
Hals; „Nur du, du!! . . . Dich liebe ich mit der ganzen Glut 
meines Herzens! . . . Alles, was ich denke und fühle, alles 
gehört dir . . . küsse mich . . . küsse mich, mein Junge . . . “ 
Hartmut zwang mit eiserner Hand die Frau auf ihren Sessel; 
„Sei vernünftig, Hella! Gewiß, ich weiß,, daß deine Ehe nicht 
glücklich ist. Daß keine Gemeinschaft dich mit Edgar ver 
bindet, das freilich wußte ich nicht. Aber, ich kann dir nicht 
helfen ... so nicht, wie du es willst. Ich bin euch beiden 
Freund, und wenn du auch fühlen magst, daß die Wage meiner 
Freundschaft nach einer Seite neigt — Hella, ich beschwöre 
dich; versetze dich in meine Lage. Was würdest du von dem 
Mann sagen, der seinen Freund mit dessen Frau betrügt? Es 
gibt Dinge im Leben, die man einfach nicht tut, Empfindungen, 
die man überwinden muß, wenn man vor sich selbst bestehen 
will. Ich will das Wort nicht aussprechen . . . Komm, sei 
vernünftig! . . . “ 
„Ist das der einzige Trost, den du einer Frau geben kannst?“ 
Hellas Augen starrten in den halbdunklen Raum. Eigentlich 
enthalten deine Worte nichts als Demütigungen und ich müßte, 
wenn ich ihnen glauben würde, die Folgerungen ziehen. Aber, 
ich will ihnen nicht glauben . . . hörst du, ich will es nicht! . . . 
Hol’ die Peitsche, wenn du willst, peitsche mich zum Haus 
hinaus . . . nachher . . . “ 
Hella war aufgesprungen, katzenartig. Flog zur Tür. Knipste. 
Die Lampen des Kronleuchters erloschen. Es war finster im 
Zimmer. 
„Hella, was soll das?“ Auch Hartmut war aufgesprungen, 
tastete sich im Dunkeln nach der Tür. 
„Keinen Schritt weiter, Hartmut. Ich habe mich für diesen 
Fall vorgesehen . . . Keinen Schritt, sage ich . . . Für mich gibt 
es nur noch einen Ausweg und diesen . . . Weg . . . Hartmut, 
zwinge mich nicht dazu, einen anderen Weg zu wählen . . . 
Bleibe dort stehen . . . Wenn du mich daran hinderst . . . dann 
. . . haben wir beide . . . ausgespielt . . Eins . . . zwei . . . “ 
Hartmut stand wie angewurzelt. Er brachte keinen Ton aus 
der Kehle. Ihm war, als höre er ein Knistern . . . 
„Drei“, zählte Hella. 
Hartmut meinte ein Knacken zu hören. Da — plötzlich 
flammte das Licht wieder auf. Fünfzehn Schritt vor ihm stand 
—■ — eine nackte Frau. Eine blendend weißer Leib zitterte, 
zwei straffe Brüste keuchten. Hüllenlos stand Hella vor ihm. 
Nur die Beine von hellgrauen Strümpfen umflort. 
Und ehe Hartmut zu sich kommen konnte, umschlangen 
zwei nackte Arme seinen Hals, bissen sich scharfe Zähne in 
seine Lippen, preßten sich die Brüste gegen sein Herz. 
„Nun, wirf mich hinaus, wenn du kannst, Hartmut“ keuchte 
Hella, indem sie ihn zur Seitentür drängte. 
DER ZAUNGAST 
LOTHAR SACHS 
s schlug gerade neun, als ich den Speisesaal 
fl des Hotels Atlantik betrat. Ein elegantes, 
mondänes Publikum erfüllte den Riesen 
raum, in dem die lockenden Klänge einer 
diskreten Tafelmusik mit lebhaftem Stim 
mengewirr und silbernem Lachen schöner 
Frauen in einer Woge von Fröhlichkeit, 
Stimmung und Lebensfreude Zusammen 
flüssen. Schon eine flüchtige Orientierung genügte zu der 
Feststellung, daß große Findigkeit dazu gehörte, hier einen 
Stuhl zu erobern. Ich war bereits im Begriff, wieder umzu 
kehren, da entdeckte ich in der Nähe des Musikpodiums, ganz 
isoliert wie eine kleine Insel im Meere, ein Tischchen, an dem 
eine junge, bildhübsche, sehr soignierte Dame saß. Der Platz 
gegenüber war frei. Rasch entschlossen bahnte ich mir einen 
Weg und machte eine sehr korrekte Verbeugung: „Gestatten 
Sie?“ 
Die Dame war gerade in das Studium der Speisenkarte ver 
fielt Meine Anrede ließ sie leicht aufschauen. Mein erstes 
Emprinden war, daß sie eine fast unwillige Absage auf den 
Lippen hatte. Aber dann besann sie sich und musterte mich 
scharf. Die Prüfung schien zu meinen Gunsten ausgefallen zu 
sein. ,„Ich erwarte zwar nach dem Theater noch jemand“, 
sagte sie zögernd und doch mit liebenswürdigem Unterton“, 
aber nehmen Sie, bitte, vorläufig Platz!“ 
„Danke verbindlichst“. Ich setzte mich. Mein schönes Ge 
genüber bestellte indessen bei dem Ober ein recht erlesenes 
Menu: Krebssuppe mit Reis, Karpfen blau mit zerlassener 
Butter, Kalbschnitzel garniert. Als Nachspeise Omelette 
Soufflee . . . „Und was darf ich Ihnen bringen, mein ^Herr?“ 
wandte sich der Kellner an mich. „Bitte — das gleiche“, sagte 
ich lakonisch. Meine Tischdame lächelte. So bot sie mir will 
kommene Gelegenheit, ein Gespräch anzuknüpfen: „Verzeihen 
Sje, meine Gnädigste, daß ich gewissermaßen Plagiat an Ihrer 
Menukarte begehe, aber Sie haben vollkommen meinen Ge 
schmack getroffen.“ 
„Sind Sie immer so bequem?“ Spitzbübisch-boshaft kam’s 
aus ihrem Munde. 
„Ich setze mich gern an gedeckte Tafeln.“ 
„Das ist wohl auch symbolisch zu verstehen“, spöttelte sie 
weiter. „Die Männer von heute wollen alles auf dem 
Präsentierteller serviert bekommen.“ 
„Alles?“ wiederholte ich fragend. 
„Jawohl, alles — sogar die Liebe“, bestätigte sie. 
„Da muß ich denn doch protestieren“, entgegnete ich leb 
haft, „das Menu stelle ich mir selber zusammen.“ 
Jetzt lachte sie hell auf, fröhlich und unbekümmert wie ein 
Kind. Ich sah, daß die anfängliche Blasiertheit, die sie zur 
Schau trug, nur eine Maske war und fühlte, daß diese junge 
Frau glücklich war, einmal in sorglosem Geplauder die lästige 
Hülle konventioneller Zurückhaltung abstreifen zu können. 
Der Kellner brachte die Speisen. Er hatte alles auf einer 
Platte anrichten lassen, vielleicht in der irrigen Annahme, daß 
die Dame und ich zusammengehörten, vielleicht auch aus dem 
instinktiven Empfinden heraus, daß sich hier etwas „ent 
wickeln“ könnte . . . Ich bestellte erst blumigen Mosel, dann 
Sekt. Wir tranken uns zu wie zwei alte Bekannte; der Wein 
löste die Zungen und die prickelnde Musik peitschte Nerven 
und Sinne auf. Meine Tischnachbarin kam in Laune, • meine 
Chancen stiegen . . . Da warf sie einen raschen Blick auf die 
Armbanduhr: „Nicht möglich, schon 11 Uhr. Und mein Mann 
ist noch nicht da.“ Mir war’s, als schüttete jemand aus einer 
Gießkanne eiskaltes Wasser über meinen Rücken. Sogar der 
Sekt schmeckte mir nicht mehr. Da hatte ich nun den ganzen 
Abend alle Don Juan-Künste angewandt um die kleine Frau in 
Stimmung zu bringen. Und alles — für einen anderen. 
Noch hatte ich mich nicht von meiner Enttäuschung erholt, da 
bewegte sich auch schon eine kleine, rundliche Gestalt, mit 
feisten Bäckchen, leicht ergrauten, zurückgestriegeltem Haupt 
haar auf unseren Tisch zu. 
„Da kommt ja mein Mann.“ 
Herrgott, den Herrn kannte ich doch — vom Klub. 
Natürlich: Kommerzienrat Selbach. Jetzt entdeckte er mich 
auch. „Nein, das ist ja ein reizender Zufall, lieber Doktor“, 
begrüßte er mich, nachdem er seiner Gattin die Hand geküßt. 
„Sie haben meiner Frau Gesellschaft geleistet.“ 
„Ohne die leiseste Ahnung zu haben, daß es Ihre Gattin ist“, 
fiel ich ihm mit resigniertem Lächeln ins Wort. 
„Wir haben uns glänzend unterhalten“, berichtete die Frau 
Kommerzienrat. „Ich bin heute bei Stimmung, Dickerchen, bei 
Stimmung. . . . Alles könnte ich jetzt auf den Kopf stellen . .“ 
Am Tage darauf erhielt ich von Kommerzienrat Selbach 
folgenden Brief, dessen Inhalt halb ernst, halb ironisch an 
mutete: 
„Lieber Herr Doktor! 
Empfangen Sie nochmals herzlichsten Dank, daß Sie meine 
Gattin gestern abend in so liebenswürdiger Weise Gesellschaft 
leisteten. Ich habe Trudel noch selten in so sprudelnder Laune 
gesehen. Wir haben noch zu Hause in fröhlichstem Beisammen 
sein Ihrer gedacht. Wenn meine Frau wieder einmal schlechter 
Stimmung sein sollte, werde ich nicht verfehlen, Sie zu bitten, 
mit ihr von 9—11 Uhr im Hotel Atlantik zu soupieren . . .“ 
Ich kondolierte mir und zerriß den Brief in tausend kleine 
Fetzen ....
        
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