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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 13 
Jafirg, 27 
13 
Cin fnimoristLscfior ‘Roman 
6. Q. <Str. 
uf der Rennbahn lernte der Kommerzienrat das junge, 
hübsche Mädchen kennen. Sie hieß Lo . . , Lo hieß sie, 
weil sie filmte und Lotte sich sehr unvorteilhaft an 
hörte. Der Kommerzienrat verliebte sich in Lo und er ver 
brachte süße Stunden mit der jungen Dame, während seine 
Gattin bald ein Manko in seinen Gefühlen gegen sie entdeckte. 
Sie beschloß auf der Hut zu sein . . , 
Aber Grete’s Verehrer, ein gewisser Herr Kühl, der sehr 
leidenschaftlich war, entdeckte seinerseits ein Manko bei Lo 
und er fragte sie in erregtem Tone: 
„Lo, betrügst du mich oder bist 
du mir treu?“ 
Lo erwiderte, was alle Treulosen 
in solchem Falle entgegnen: 
„Ich liebe dich, mein Freund, und 
ich bin dir treu wie Gold.“ 
Da aber Herr Kühl an die Treue 
des Goldes nicht mehr glaubte, (cfr. 
Nibelungen) so schrie er sie an: 
„Blondes Mädchen, du betrügst 
mich! Ich habe Beweise.“ 
Sie lachte und — um sich keine 
Unannehmlichkeiten zu verschaffen, 
nahm sie den Bräutigam hastig in 
den Arm und sagte: 
„Du bist zwar mein Bräutigam, 
aber Gott —“ Sie schwieg und er 
war für den Augenblick zufrieden. 
Da kam des Kommerzienrates Frau 
zu Herrn Kühl und sie sagte; 
„Herr Kühl, Ihre Braut hat einen 
anderen ... sie gängelt mit meinem 
Mann.“ 
„Also doch!“ zischte Herr Kühl. 
„So ein Lump, der Herr Gemahl!“ 
Die Frau sagte nichts, aber ihr Herz zitterte. 
Nach einer Weile sagte sie: „Handeln wir.“ 
Und sie saßen stundenlang im eleganten Herrenzimmer des 
Herrn Kühl und berieten. Herr Kühl spendierte edlen Wein 
und süße Schokolade. Frau Kommerzienrat fühlte sich bald 
heimisch bei ihm und als der Abend kam, tafelten die Herr 
schaften zusammen. Nach Tisch legte sich die Dame auf die 
Chaiselongue . . . wie sie sagte, für einen Augenblick. Herr 
Kühl saß daneben und nun wirkte sich die Hitze des Weines 
bei Herrn Kühl wie bei ihr intensiv aus. 
Herr Kühl bot ihr das „Du“ an und sie akzeptierte zu Ehren 
der Sache ... So rächen sich die Sterblichen, wenn der Haß 
unsterblich ist bei ihnen . . . Anderen Tages ging die Kom- 
merzienrätin zu Lo und hier kam es zu heftigem Auftritt. 
Lo sagte der Kommerzienrätin auf den Kopf zu, daß sie 
bei ihrem Bräutigam war. 
Woher sie darauf komme? fragte sie die Rätin. 
„Man weiß alles!“ erklärte Lo. Die Rätin sagte im Verlauf 
der erhitzten Diskussion: 
„Sie haben meinen Gatten verführt.“ 
Lo lachte sie an: 
„Es ist eine umgedrehte Weltordnung.“ 
* 
Als der Herr Kommerzienrat vom 
Bräutigam aufgesucht wurde, gab es 
einen Kampf auf Tod und Leben. 
Man griff zu beweglichen Dingen 
und man maß seine Kräfte. 
„Sie sind ein Schurke, Herr!“ 
„Sie sind ein Erzhalunke, Herr!“ 
Nachdem sich die Gemüter aber 
nach zwei Stunden beruhigt hatten, 
reichte man sich die Hand und jeder 
schwor, daß solche Szenen sich nie 
mehr ereignen dürften. 
Herr Kühl fragte am Ende der 
Zusammenkunft; 
„Lieber Kommerzienrat, vielleicht 
habe ich die Ehre, Ihre Frau Ge 
mahlin kennen zu lernen.“ 
Der beruhigte Rat entgegnete: 
„Ich glaube, sie wird Ihnen sogar 
gut gefallen.“ 
« 
Lo stand über der Situation. Während dieser Tage hatte sie 
Gelegenheit, in einem mondänen Nachtlokal einen sehr reichen 
Herrn kennen zu lernen. Er sprach ein Wort von Ehering und 
von Großfarra in Batavia. Das genügte ihr. 
Rasch verschaffte sie sich den Paß und die Utensilien zur 
Reise und dampfte ab. Der Herr aus Batavia nämlich sagte: 
„Mein Kind, wir haben in den niederländischen Domänien 
auch hervorragende Standesämter . . . Reisen wir erst ein 
mal dorthin.“ 
Diese Erklärung genügte Lo und sie bestieg das Schiff acht 
Tage später. Und die drei anderen? Die Sache ent 
wickelte sich logisch, amüsant und vor allem: modern . . . 
Wefcßes Bfatt gef äfft jeder Dame und jedem Herrn 9 
„J>cr £ebensspie£et“ 
CS i e He letzte UmschCagseite)
        
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