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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jahrg. 27 
Nr. 13 
WO Wo. 
<h saß heute in einer sommer 
lichen Laube und las im unsterb 
lichen Giacomo Casanova. Las 
von seiner ersten Liebe Bettina, die 
in Padua zärtlich seine Perücke 
kämmte und nach neckischer Gunst 
bezeugung ihn heftig mit dem rusti- 
kanen Cordiavi betrog. 
Das alles hatte der etwas arterienverkalkte Casanova noch sehr 
lebendig in Dux, wo er seine Memoiren niederschrieb, geschildert. 
Man wundert sich über das Gedächtnis dieses Mannes und die 
heiße Glut, die aus den Liebeskapiteln strömt. 
Und als ob ein Fluidum aus jener Zeit sich erhalten und sich in 
unsere Tage herübergerettet, so wird das „Herz von 1924" dabei 
in Schwingung versetzt. 
Alle Aventiuren dieses verliebten Glücksritters werden von 
Lebenswillen durcheilt und alles jauchzt und jubelt mit dem ver 
pönten oder begehrten Rokokohelden der italienischen und franzö 
sischen Salons. Bettina, das kleine Mädchen, das so geschickt die 
vom Teufel Besessene spielte, erscheint in ihrer gottbegnadeten 
Treulosigkeit und man freut sich ihrer leuchtenden Augen und der 
verlogenen Tränen. 
Ich klappe den göttlichen Casanova zu . . . trage ihn in meine 
Wohnung, gehe spazieren und setze mich auf eine Bank im Schöne 
berger Stadtpark nieder. 
Neben mir flüstert erregt ein Paar. Der Herr, ein Student, ist 
empört, denn sein' Mädchen hat ihn genasführt. . gestern um neun 
Uhr tat sie das ... im Friedrichshain ... er ist ihr nach ge 
schlichen . . . dann ist das andere Paar in ein Haus verschwunden . .. 
in der ersten Etage . . . Licht habe man angesteckt . . . elendes Gas 
. . . eine gemeine Gar<?onwohnung ... der Student hat alles von 
der Straße aus gesehen. Trugbilder ausgeschlossen! 
Das Mädchen fragte nun auf der Bank: „Jupiter heiratest du mich 
etwa?" Jupiter «klärte: „Wie käme ich dazu?!" Darauf lachte 
Fräulein Venus. 
„Dann geht dich mein Dasein nicht» an, junger Mann?" Der 
Jüngling, cand. med., ein Herr mit zerschlissenen Hosen, stand 
empört auf und stieß durch die Zähne: 
„Elende, dich verachte ich. Pfui! Dreimal Pfui!" Sie hatte nur 
zwei Worte auf den Lippen: „Si dejä! Wenn schon!" 
Jupiter ging und Venus blieb. 
In Berlin braucht in amournusen Dingen ein verheirateter und 
ein anderer Mann keine Übergänge ... Als Fräulein Venus eine 
Stunde später in meiner Wohnung saß und zufällig den guten, alten 
Schwerenöter aus Venedig beim Wickel hatte, blättert sie darin . .. 
Mein Lesezeichen bindet ihre Aufmerksamkeit ... Sie liest er 
haben mit Pathetik: 
„Mir blutete das Herz bei dem Gedanken an dich, habe mir keinen 
Vorwurf zu machen, und es ist nichts vorgefallen, das . . . ." 
Die Dame aus Berlin lachte über die Dame aus Padua. 
Sie liest weiter und von keiner größeren Bildung beschwert, 
sagte sie. 
„Hören Sie mal, lieber Freund, das Buch ist wohl ganz neu . . . 
ganz aus dem Leben . . . und der Verfasser . . 7" 
Sie liest die Titelseite: „Casanova! — Ein Neuer? An den 
schreibe ich . . . der hat Rasse. 
Mein Fall! Wo wohnt Casa 
nova?" Und sie setzte hin 
zu: „Seine Bettina oder 
Bettina ist genau so'n 
Luderchen wie ich 0, 
auch , . Prost 
Kleeneri"
        
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