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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jahrg. 2/ 
Nr. 13 
8 
Die Sänfte 
Plantikow 
räulein Ronvala, ich engagiere Sie“, sagte 
der Direktor Sturmhöfel. „Aus Ihren Zeug 
nissen geht hervor, daß Sie als Ringkämpferin 
auf der Bühne noch keinem Menschen unter 
legen sind. Ihr Privatleben geht mich nichts 
an.“ — 
„Was d a s anbetrifft . . “, wollte die voll 
schlanke, spätjunge Künstlerin erwidern, aber der Direktor des 
Olympiatheaters (80 Sitzplätze, zwei Mann Orchester, wovon 
einer zugleich als Schnellkomponist auf Stichwortzuruf ton 
setzte!) erklärte mit großer Handbesvegung, die Zeit dränge. 
Erst die Kunst, dann das Vergnügen. Sie müsse sich umgehend 
in die Garderobe begeben, da sie in zehn Minuten als lebendes 
Zugstück vor dem Entree des Theaters zu fungieren habe. 
Fräulein Ronvala kannte das, aber sie stellte die Bedingung, 
daß sie dabei nichts zu reden habe. Auch bemerkte sie, daß 
tür dieses zur Schaustellen der Erscheinung von anderen Unter 
nehmen eine Extragage gezahlt werde. 
„Wieso? Von solchen Neuerungen ist mir nichts bekannt“ 
sagte Direktor Sturmhöfel kurz und goß öl in seine Mähne, 
mit der er als Zauberkünstler Fulgatini zu glänzen pflegte. 
„Das ist ja geradezu Erpressung.“ 
„Na, dann nicht!“ seufzte die Ronvala. „Nur mache ich Sie 
darauf aufmerksam, daß ich es auch nicht dulde, daß mich der 
Ansager zwecks Begreiflichmachung meiner Muskelkoloratur 
öffentlich betastet, wie das bisweilen üblich ist.“ 
„Das machen Sie mit Herrn Prietzel aus. Von mir aus — 
ich bin auch nicht für öffentliches Betasten. Es hält nur den 
Sturm auf die Kasse auf. Und nun ziehen Sie sich schon um, 
Fräulein Ronvala.“ 
Die neue Akquisition des Olympiatheaters verschwand hinter 
der als Garderobe für Damen bezeichneten Räumlichkeiten, in 
der bereits zwei Kolleginnen im Ringerkostüm ihre Abend 
frisur aufsteckten. 
„Was zahlt er Ihnen denn, Fräulein?“ fragte die rothaarige 
Alma die Eintretende ohne Wißbegierde, musternd. 
„Fünf Emm.“ 
„Dann haben Sie mehr als wir, wie wir anfingen. Und weil 
sie nur fünfe kriegte, ist die Schweden-Ingrid jestern jetürmt. 
Sie hätten sechse verlangen sollen pro Abend. Nu haben Sie’s 
wohl schon kontraktlich?“ 
„Mündlich. Es ging ja alles so wuppdich.“ 
„Ja, dies haben wir durch den Vorhang mit anjehört“, 
nickte die schwarze Ruth. „Na, hilft nu nichts. Wir drei 
werden uns schon nichts tun. Und wegen der popligen Gage,
        
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