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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

JaBrg. 27 
Nr. 2 
4 
„Und den bewirtest du mit Tee und Kuchen?“ 
„Ja, warum nicht?“ 
„Heinz!“ Lizzie trat von dem Teetisch, den sie mit prüfen 
den Blicken überflogen hatte, zurück, stellte sich vor Heinz 
hin und sagte mit blitzenden Augen und strengem Ton; „Das 
sieht nach Damenbesuch aus.“ 
„Aber, Liebling —“ er versuchte sie an sich zu ziehen. 
„Laß mich“, wehrte sie ihm. „Du betrügst mich. Mein guter 
Stern führte mich hierher, um dich zu entlarven.“ 
„Aber. Lizzie — so beruhige dich doch.“ 
„Ruhig soll ich bleiben. Wenn ich sehe wie du mich hinter 
gehst? Und das vier Wochen vor unserer Hochzeit?“ 
„Ich erwarte doch keine Dame.“ 
„Du erwartest keine Dame?“ Ein niederschmetternder Blick 
traf ihn. „Oh, du bist ja ein ganz niederträchtiger Heuchler! 
Du willst also behaupten, daß du —“. Lizzies Augen weiteten 
sich, hefteten sich auf den Schreibtisch, ihre Hand krampfte 
sich in seinen Rockärmel: „Mein Photo — mein Photo — ha 
— er hat es entfernt, damit die andere es nicht sehen soll.“ 
„Ich beschwöre dich —“ 
„Sei still — ich will nichts mehr hören. Du bist überführt. 
Gott sei Dank, daß ich deine Lasterhaftigkeit noch rechtzeitig 
erfahre. Hier, mein Herr, ist Ihr Ring zurück, zwischen uns 
ist es aus.“ Mit einer schnellen Bewegung streifte sie den Ring 
vom Finger und hielt ihn ihm unter die Nase. 
Er lachte gezwungen. „Lachhaft! Überführt! Weil hier ein 
gedeckter Teetisch steht und zufällig dein Bild sich nicht auf 
dem Schreibtisch befindet? Das nennst du überführt? Übrigens“ 
— er gab sich einen energischen Ruck, „wenn ich nun wirklich 
eine Dame erwarte, wie kommst du dazu, gleich dahinter etwas 
zu wittern? Es könnte sich doch um eine geschäftliche Ange 
legenheit handeln oder auch könnte die Frau eines Freundes 
mich um einen Rat ersuchen. Warum vermutest du gleich eine 
Liebesgeschichte?“ 
„Weil es eine ist oder eine werden soll.“ 
„Bist du dessen so sicher?“ 
„Du hofftest auf ein Liebesabenteuer. Ich spürte ja ordentlich 
dein Fieber und die Gier in deiner Stimme.“ 
„In meiner Stimme??“ 
In Lizzies Gesicht stieg eine helle Röte. „Leugnest du etwa 
noch?“ 
„Nein, Lizzie, ich leugne nicht, daß ich eine Dame erwartet 
habe, eine Dame, die es verstanden hat, mich durch ihre 
entzückende Plauderei zu betören.“ Er haschte nach ihrer 
Hand. „Lizzie — war das recht von dir, mir eine solche Falle 
zu stellen?“ 
„Ich wollte wissen, woran ich mit dir bin.“ 
„Ja, das weißt du nun. Nämlich, daß ich wieder deinem, 
Zauber unterlegen bin und immer unterliegen werde.“ 
„Du hattest ja keine Ahnung, daß ich es bin, mit der du 
sprachst.“ 
„Allerdings, mein Lieb, ich wußte es nicht, aber ich habe es 
gefühlt. Glaube mir, keiner anderen Frau konnte es gelingen 
mich von dir abspenstig zu machen. Nur du hast heut mich 
von ihr gelockt. Du bist deine eigene Rivalin.“ 
„Faule Ausreden! Laß mich los. Es ist aus zwischen uns.“ 
„Und um mir das zu sagen, bist du hierher gekommen?“ 
„Allerdings.“ 
„Das hätten Sie mir ja auch schriftlich mitteilen können, mein 
Fräulein. Da Sie aber in höchst eigener Person gekommen 
sind —“ 
„Um zu sehen, wie weit du gehen würdest “ fiel sie ihm ins 
Wort, 
„Sehr weit, sehr weit, Lizzie — aber — und weil du es bist. 
Du hast mich in Versuchung geführt. Nun gut, ich unterliege. 
Glaube nicht, daß ich dich fortlassen werde. Du hast dich mir 
auf Gnade oder Ungnade ergeben.“ 
„Du bist ein Ehrenmann.“ 
„Ich bin dein Verlobter und in vier Wochen dein dir an 
getrauter Ehemann.“ 
„Nein“, schrie sie und strebte von ihm fort. „Es ist aus 
zwischen uns.“ 
„Das ist es nicht.“ Mit einem schnellen Ruck zog er sie an 
sich. „Süße kleine Lizzie, du hast dich in deiner eigenen Falle 
gefangen — nein — es hilft dir kein Sträuben — du hättest 
mich schriftlich verabschieden sollen — mündlich — Lizzie 
— das ist weder dir noch mir möglich — komm — gib mir 
deine Lippen.“ 
HE ibbM AN N tTACI6EN 
n einem französischen Sportblatt stand kürzlich die auf 
sehenerregende Nachricht, daß eine junge Australierin 
durch systematische Körperpflege dahin gelangt sei. daß ihre 
Körpermaße in allen Teilen mit denen der Venus von Milo 
übereinstimmten. Daß hierbei auch die Maße für die Arme 
angegeben waren, scheint die Pariser weiter nicht gestört zu 
haben. Welcher Franzose kennt die Venus, die doch im 
Louvre steht? 
Da ich von jeher die Neigung gehabt habe, erzieherisch zu 
wirken, machte ich meiner Freundin Elli den Vorschlag, sich so 
fort sportlich zu betätigen. Denn was die Australierin erreicht 
hatte, mußte Elli doch auch können. Die erste Schwierigkeit 
war die, daß Elli, obwohl sie wirklich keine Französin ist, die 
Venus völlig unbekannt war. Es dauerte einige Zeit, bis ich 
dahinterkam, daß sie sie mit der Hille Bobbe des Franz Hals 
verwechselte. Und da entstand in mir ein teuflischer Plan. 
Auf meinem Schreibtisch steht — aus der Zeit, da die Schrift 
stellerei noch etwas einbrachte — eine leidlich gute Nach 
bildung der Venus. Echte Bronze. (Wer ruft da: „Schieber!?“) 
Und da Elli sich bisher standhaft geweigert hatte, mich in 
meiner Junggesellenbude zu besuchen, lud ich sie ein, die 
Venus bei mir zu besichtigen. Daß das Original im Louvre zu 
Paris steht, habe ich ihr wohlweislich verschwiegen, denn so 
wie ich Elli kannte, mußte ich -befürchten, daß sie eher bereit 
sein würde, mit mir nach Paris zu fahren, als mich in meinen 
vier Wänden zu besuchen. Es hat immerhin einige Tage ge 
dauert, bis Neugierde und Eitelkeit siegten. Aber schließlich 
hatte ich das bindende Versprechen. Und Elli hielt es. 
Daß sie an dem verabredeten Tage tief verschleiert kam, war 
eine unnötige Vorsichtsmaßregel. Denn wer sollte sie in meiner 
Gegend kennen? Im Westen bin ich längst nicht mehr kon 
kurrenzfähig, seitdem er Neurußland geworden ist, und ich 
habe mein Heim in einer etwas entlegeneren Gegend aufge 
schlagen. Aber trotzdem ist es bei mir ganz nett, und auch 
Elli mußte das zugeben. Der Venus hatte ich zur Feier des 
Tages einen Hintergrund von roten Rosen gegeben, und ich 
konnte mir nichts anderes denken, als daß Elli sie mit Be 
geisterung als Vorbild eines idealen Menschenkörpers aner 
kennen würde. Aber es kam anders, ganz anders. 
Mit steigender Entrüstung blickte Elli abwechselnd bald auf 
die Göttliche, bald auf mich. Zunächst sprachlos. Und als 
sich die Erstarrung dann löste, fand sie die denkwürdigen 
Worte; „Was. diese Dicke da? Der soll ich ähnlich werden?" 
Ich hätte die größte Mühe, sie zu beruhigen und zu versöhnen. 
Mußte meine Venus in der dunkelsten Ecke meines Zimmers 
verschwinden lassen. Und die roten Rosen rnnden-Verwendung 
■für einen Kranz um Ellis Bubenkopf. Was dann geschah? 
Ich sagte es schon: Wir versöhnten uns. Und ich hatte 
reichlich Gelegenheit, vergleichende Betrachtungen anzustellen. 
Schließlich mußte ich einen heiligen Eid leisten, daß mir mein 
schlankes Kätzchen lieber sei als alle heidnischen Göttinnen 
zusammen. Ich habe da nicht einmal einen Meineid ge 
schworen. Denn als ich Elli heim geleitete, hatte ich wirklich 
das Gefühl, daß sie mir, so wie sie ist, wirklich mehr ist, als 
wenn sie durch Müllern und andere nützliche Dinge die Formen 
der Venus erreicht hätte. 
Und, meine Damen und Herren, Hand aufs Herz; Ist auch 
Ihnen die moderne Linie nicht mehr als die göttlichen Formen 
der armlosen Dame im Louvre? Können Sie sich diese Dame 
im Pyjama vorstellen? 
Ich bedauere die arme kleine Australierin, die auf den Ein 
fall gekommen ist, sich aus einem entzückenden kleinen Käfer, 
der sie vielleicht einmal gewesen ist, zu einer Göttin um 
zuwandeln.
        
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