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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jafirg. 27 
Nr. 13 
HIMMEL UND HOLLE 
HANS OSTWALD 
u willst uns allein lassen? Ich hatte gedacht, du 
^ würdest mir die paar Minuten widmen — und nun?" 
„Ja—ich muß, ich muß. Denk dir nur, die armeFrau 
liegt da im Hinterhaus ganz allein mit dem kleinen 
Kind. Der Mann ist den ganzen Tag zur Arbeit. 
Niemand sieht nach ihr. Verwandte hat sie nicht. 
Man kann sie doch nicht umkommen lassen." 
„Weißt du, ich gehe mit! Ich helfe dir. Ich mache 
Feuer an. Du, das kann ich fein! Mit einem einzigen Kohlenanzünder!" 
Sie hatte sich ganz ereifert,- ihre kleinen Hände fuhren hastig in 
der Luft herum. Der Reflex des mattroten Lampenschirms ließ nicht 
erkennen, wie ihr das Blut in das Gesicht geschossen war. 
Viktor lag im dunklen Nebenzimmer, zu dem die Schiebetüren 
geöffnet waren, auf dem Ruhebett und rauchte seine Nachraättagszigarre. 
Johanna klopfte der Freundin auf die Backe. 
„Nu, nu/ mit einem Mal so hauswirtschaftlich?" 
Dann wandte sie sich ins Nebenzimmer. 
„Viktor, hörst du, wie wenig sich Hilde aus dir macht?" 
Er antwortete nicht. 
„Na — denn nicht! Weißt du, Hilde, du setzt dich einfach hier 
an meinen Schreibtisch und nimmst dir ein Buch vor — da, Lucians 
Schriften, die neuste Entdeckung! Ich kann dich wirklich nicht mit» 
nehmen. Die Frau ist furchtbar nervös. Die kann niemand um 
sich sehen als midi. Wirklich, nimm es mir nicht übel, daß 
ich dich allein lasse. Aber der alte Brummbär da drin ist doch nun 
mal so. Es dauert ja auch nicht lange. Höchstens eine gute 
Viertelstunde. Ja nicht bös' sein! Und — auf Wiedersehen!" 
Sie strich ihr zärtlich mit der schmalen, knochigen Hand über 
Schläfe und Stirn und ging mit einem energischen Ruck hinaus. 
Hilde stand und stand. Immer auf demselben Fleck. Sie hörte, 
wie die Korridortür ins Schloß fiel. Sie hörte, wie Johanna die 
Treppenstufen hinabging. Sie hörte auch, wie ihre Freundin über 
den Hof ging, ihren festen harten Schritt. 
Er war längst verhallt, und noch immer stand Hilde in der Mitte 
des großen Eßzimmers, des Fenster nach dem Hof hinaussah. Sie 
wußte selbst nicht, warum sie sich nicht an den Tisch setzte und 
ein Buch vornahm. Am liebsten hätte sie ein Fenster geöffnet, um 
ihren heißen Kopf in der frischen Luft zu kühlen. 
Aber sie blieb stehen. 
Sie blieb stehen und sah unverwandt nach der großen dunklen 
Öffnung in der Wand, nach der Tür zu Viktors Arbeitszimmer. 
Der große, rot und hellgrau gemusterte Teppich ließ in dem 
schwachen Lichtschimmer, de; auf ihn fiel, seine Farben spielen. 
Einzelne Möbelstücke tauchcen aus der Finsternis auf. Das Messing 
brett des Rauchtisches vor dem Ruhebett blinkte grell. Dahinter 
war eine dunkle, unförmige Masse zu sehen — ganz verschwommen. 
Als ein kleiner roter Punkt leuchtete die Zigarre Viktors ab und 
zu auf und ließ die Umrisse eines Gesichtes erraten. 
Hilde konnte nicht erkennen, ob er sie mit seinen Augen ver 
folgte — mit diesen Augen, die bald treu erscheinen konnten, wenn 
sie blau leuchteten, die bald falsch und gefahrdrohend schillerten, 
wenn irgend eine Erregung sie grün und blaß färbte — und die 
so dunkelgrau brennen konnten, wenn er sich für etwas begeisterte. 
Sie starrte hinein. Ob sein blasses Gesicht mit dem erdfarbigen 
Haar ihr zugewandt war? Ob er sie hier so hilflos stehen sah? 
Er sollte sie nicht so sehen. 
Sie drehte sich um und ging nach dem Schreibtisch zu. Sie fühlte, 
wie unsicher sie ging, wie sie schwankte. 
Und da hörte sie es leise hinter sich her: „Hilde!" 
Es war nicht bittend — nicht befehlerisch. 
Aber es war doch, wie wenn sie ein elektrischer Strom am Vor 
wärtsschreiten hindere. 
Sie raffte sich mit aller Gewalt zusammen. 
Nur nicht hören, nicht hören! 
Mit beiden Händen fuhr sie sich nach den Ohren und preßte sie zu. 
Aber sie hörte, wie er wiederholte: „Hilde!" 
Abwehrend streckte sie die Arme aus, als stände er hinter ihr; 
„Ich will nicht. Ich will nicht!" 
„Hilde!" 
Sie hörte, wie er sich emporrichtete. 
Und wie er ruhig sagte: „Komm doch mal her ..." 
„Wie können Sie du zu mir sagen!" 
„Wie wie ich mein Mann — Ihre Frau ich sag's 
Ihrer Frau!" kreischte sie. 
Er erhob sich und kam gerade auf sie zu: 
„Nun bitte ich dich, mach' keine Geschichten, Kind! Was weißt 
du, wie kurz das Leben ist — wie wenig wir am Ende genossen 
haben? Und — wollen wir dann dastehen und bereuen? Wollen 
wir sagen; Ja, das haben wir versäumt — das Leben hat uns mehr 
geboten, als wir genommen haben? — Wollen wir das?" 
Er hatte den Kopf vorgestreefct. Seine Augen traten leuchtend 
heraus. Das Haar klebte ihm auf der Stirn, über die sich ein paar 
dicke Adern zogen. Dabei hatte er nicht laut, nur gedämpft ge 
sprochen. Aber eindringlich, mit ganzer Seele, 
Und sie fühlte, wie er diese Fragen halb an sich richtete. Sie 
atmete schon auf. Vielleicht würde ihn sein Hang zum Grübeln 
ablenken. Vielleicht versann er sich wieder so, daß die Zeit ver 
ging und Johanna inzwischen wiederkam. 
Wenn sie nur fort gekonnt hätte. 
Aber der Johanna davonlaufen? Was hätte sie sagen sollen? 
Schließlich würde es ein Skandal geben. 
Sie versuchte es, hinaus zu gehen. 
Aber sein leidenschaftlich verzerrtes Gesicht ließ sie keinen Schritt 
vorwärts machen. 
Und schon kam er auf sie zu. Ohne Worte. Nur mit ausge 
breiteten Armen. 
Sie streckte ihre Hände vor: 
„Ich schreie!" 
„Oh — du!" sagte er nur zärtlich und rückte ihr die Hände mit 
der Linken nieder. Mit der Rechten faßte er ihren Kopf und bog 
ihren Mund an seine lechzenden Lippen. 
Er flößte ihr Feuer ein. Er sog ihr jeden Gedanken aus. 
Fiebernd drückte sie sich an ihn, erlöst von allem Bewußtsein, 
von aller Vernunft. 
Auf seinen mageren aber sehnigen Armen trug er sie in das 
Nebenzimmer, in dessen Dunkel nur der ferne Schimmer der 
Lampe fiel ... . 
Stumm küßten sie sich und küßten sich wieder. Sie konnte nicht 
lange genug an seinen Lippen hängen, 
„Küsse mich noch mal den Hals hinab bis dort, wo meine Brust 
beginnt", bat sie flüsternd. „Reiße mir noch einmal die Bluse auf 
und drücke deinen Mund auf meine Brust." 
Er schob sie leise, mit energischer Handbewegung von sich fort: 
„Nun ist's genug. Vom Glück darf man nie zu viel trinken. 
Nie darf man bis auf den Grund kommen- Da liegt die Hefe . . . 
Na — nun steh auf und kühl dich mit Wasser . . . Oder soll 
Johanna dich so finden?" 
Er ging in das erhellte Eßzimmer und griff nach der Zeitung. 
Sie blieb noch eine Weile sitzen. 
Es wirbelte in ihrem Kopf alles jäh durcheinander. Himmel und 
Erde — ihr Mann — das Kind — Ehebrecherin, Ehebrecherin! 
hallte es in ihr auf. Dann sah sie seinen Kopf — wie Gold 
lag das Licht in den Haaren. Ob sie hinging, ihn zu küssen - da 
hinten, am Halse, der so stark aus dem Kragen emporstieg? Ob 
sie ihn dort biß? 
Sie hatte eine Lust, ihm wehe zu tun. 
Aber dann lief sie hastig nach der Wasserflasche, trank und kühlte 
sich. Und nun — sah sie alles mit ganz anderen Augen. 
Tränen stiegen ihr auf. Sie war ja keine treue Frau mehr. 
Aber sie unterdrückte sie. 
Diese Lust, ihm wehe zu tun, wurde jedoch immer größer. Mit 
irgend einem Marterinstrument, mit einer brennenden Pechfackel hätte 
sie ihn schlagen und peinigen mögen. Sie schrie ihn nur heiser an: 
„Ich erzähle alles meinem Mann — alles!" 
Er wurde bleich — streifte sie mit einem Blick. 
„Meinetwegen!" Damit sah er wieder in seine Zeitung, 
Da schrie sie auf und weinte. 
Er zuckte nur die Achseln: 
„Hab dich doch nicht so! . . . Ich denke, ich habe dich in den 
Himmel geführt?" Seine leise Ironie reizte sie — „Und nun tust 
du, als schmortest du in der Hölle . . ." 
„Ja, in der Hölle" — sagte sie schauernd, halb entsetzt, halb 
drohend. Sie trocknete ihre Tränen und setzte sich ihm mit einem 
Buche gegenüber. 
In diesem Augenblick klingelte es. 
Johanna kam zuröde. 
Sie bra'hte eine Wolke reiner Luft mit herein. Aber diese Luft 
verflüchtigte sich bald in dem warmen, mit Blumenduft, Parfüm und 
Rauch geschwängerten Zimmer. 
Hilde war wieder ganz ruhig. In einem unbewachten Augen 
blick flüsterte sie ihm zischend zu: 
„Ich sag's!" 
Er lächelte, als habe sie ihm einen Scherz erzählt. —
        
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