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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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Jaßrg. 27 
Nr. 13 
immer 
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ichts war Ewald Stettner so unsympathisch wie ein 
Mann, der keine Sockenhalter trug. 
Nicht, daß er gerade sonderlich auf die internen 
Bekleidungsgegenstände des männlichen Geschlechts 
geachtet hätte; im Gegenteil: eigentlich interessierte ihn nur, 
was das weibliche Geschlecht besaß, teils an natürlichen, teils 
an solchen Reizen, die Frau Mode launisch erfindet, um da 
hinter ihr Raffinement zu verbergen. 
So wußte Ewald mit den Strumpfhaltern der eigenen Gattin 
fast genau so gut Bescheid wie mit denen ihrer sämtlichen 
Freundinnen — bis auf eine Ausnahme; doch davon später! 
Hier gilt es lediglich festzustellen, daß Ewalds ästhetisches 
Gefühl erheblich verletzt wurde durch die nachlässige Art, 
wie Herr Baron Wilhelm von Langeführ, Majoratsbesitzer aus 
Ostpreußen, seine baumwollenen Socken trug. Denn Ewald 
war dazu verurteilt, diese den ganzen Tag über unter den 
schlecht gebügelten Beinkleidern des Barons hervorlugen zu 
sehen, weil dieser der einzige Fremde war, der außer Ewald 
in dieser Zeit, da alle Welt in der Schweiz und in Italien 
weilte, auf die Idee gekommen war, hier in diesem abseits ge 
legenen Hotel Thüringens eine „Frühlingsfrische“ zu beziehen. 
„Sehen Sie, verehrtes Dokterchen“, erklärte der ostpreußische 
Genosse seiner Einsamkeit fast jeden Tag, dem darüber 
durchaus nicht mehr erstaunten Ewald’, „das könnt Ihr Stadt 
unken aus Berlin eben jar nicht bejreifen. Nu kommt der 
Sommer und all die viele Plackerei auf dem Lande; da muß 
man vorher etwas Waldesstille und Höhenluft jenießen. Der 
Winter war eklig jenug in diesem Jahre!“ 
Ob Ewald das verstehen konnte! War er doch selbst aus 
dem Trubel und dem Lärm Berlins mit seiner in diesem Jahre 
gar nicht enden wollenden „Saison“ entflohen, um hier, abseits 
von der großen Landstraße und ungekannt von den hunderten 
von Berliner Bekannten endlich einmal ein paar Tage richtiger 
Erholung und Ruhe genießen zu können. 
Dem großen Schwarm, der jetzt im wärmeren Süden den 
Segen der deutschen „Hochvaluta“ genoß, war er wohlweislich 
aus dem Wege gegangen; denn er hatte keine Lust, irgendwo 
am Genfer See oder unter der emsigen Rauchfahne des 
Vesuvs plötzlich von ganz gleichgültigen Männern oder von 
sensationssüchtigen Frauen als der Mann angesprochen und 
gefeiert zu werden, dessen Komödie; „Die wahre Liebe ist 
das nicht“ der eigentliche Clou der literarischen Wintersaison 
Berlins in diesem Jahre gewesen war. 
Hierher, in das noch eine Stunde Wagenfahrt von der 
nächsten Bahnstation entfernte Hotel im Herzen Thüringens, 
würde sich wohl sicherlich keiner seiner zahlreichen Freunde, 
keine seiner zahlreichen, unternehmungslustigen Verehrerinnen 
aus Berlin verirren. Mit dem sonderbaren Kauz aus Ost 
preußen, dem man ja nicht zuzuhören brauchte, wenn er 
stundenlang von seiner Klitsche erzählte und der von „Die 
wahre Liebe ist das nicht“ nie etwas gehört hatte, mußte man 
sich eben abzutinden suchen. Da er der einzige Gast außer 
Ewald war, so konnte man eine völlige Isolierung nicht durch 
führen. Aber: Gott sei Dank, er war nicht aus Berlin, wußte 
nichts von Ewalds dramatischen Erfolgen, war kein gesell 
schaftlich ehrgeiziger Emporkömmling vom Kurfürstendamm 
und erst recht kein kußlüsternes Weibchen aus der soge 
nannten guten Gesellschaft der Hauptstadt. Da konnte man 
den Anblick der herunterhängenden Socken schon mal ruhig 
mit in Kauf nehmen. 
So saß Ewald eines Morgens, nichts Böses ahnend und ge 
mütlich mit dem biederen Baron zusammen am Frühstücks 
tisch in der kleinen, glasgedeckten Gartenhalle des Hotels 
und ließ die warme Lenzessonne sich in die Kaffeetasse und 
auf seine sich prächtig entwickelnde Glatze scheinen. Er hatte 
soeben einen Brief von seiner Frau aus Berlin gelesen, worin 
diese ihm mifgeteilt hatte, daß zu Hause alles in bester Ord 
nung sei, und daß sie und Elsabetha, Ewalds einzige, jetzt 
zwölfjährige Tochter wohl und munter seien, als, einigermaßen 
geräuschvoll und nicht ohne eine gewisse Würde, Herr Lam 
penschild, der Besitzer des Hotels, den Frühstücksraum betrat 
und geraden Weges auf Ewald zusteuerte. 
Der sah erst ein wenig unruhig auf, erkannte dann den 
stets freundlichen Herrn des Hauses und wollte eben das all- 
morgenliche Gespräch über die Witterungsaussichten mit ihm 
beginnen, als Lampenscbild mit einer wahren Hotelamtsmiene 
dicht an Ewald herantrat und diesem mit gesenkter Stimme, 
aber immer noch laut genug, daß der Baron es hören konnte, 
zuraunte: „Herr Doktor Stettner, heute früh um 7 Uhr 30, hat 
ihre Frau Gemahlin aus Berlin hier angerufen. Sie schliefen 
noch, und als ich sie fragte, ob ich Sie wecken sollte, hat sie 
gemeint, das wäre durchaus nicht nötig. Sie läßt ihnen sagen, 
Sie möchten heute Nachmittag einen Wagen zum 5 Uhr-Zuge 
nach der Station schicken, sie wird Sie auf einige Tage 
besuchen.“ 
Ewald blieb, ob dieser Mitteilung, ein Bissen kalter Braten, 
den er soeben noch harmlos hungrig verschlingen wollte, jäh 
im Munde stecken. 
In rapider Schnelligkeit jagten die Gedanken durch das 
Hirn unseres Freundes: seine Frau, nein, das war ja unmöglich, 
eben hatte er ja noch ihren Brief gelesen, worin sie so be 
haglich berichtete, wie gut alles zu Hause stände; und für 
Überraschungen war seine gute Mathilde schon gar nicht 
zu haben. Also die war’s nicht, die da kommen wollte. Und 
blitzschnell überlegte Ewald weiter: Lilly hatte keine 
Ahnung, wo er steckte, E v c h e n war mit ihren Eltern in 
Montreux, Ilse stak mitten in den Vorbereitungen zu ihrer 
Hochzeit, Margot war ohne Mann in Italien, Lotte war 
ihm ernstlich böse, weil er ihre Freundin Hella zum Hoch- 
schulball begleitet hatte und dann nichts wieder von sich hatte 
hören lassen. Wer zum Teufel also konnte ihn hier in seiner 
herrlichen Einsamkeit aufstöbern und stören wollen? 
Vergeblich zerbrach sich Ewald den Kopf, dann beschloß er, 
am Nachmittag persönlich zur Bahn zu fahren, um seine 
„Frau“ abzuholen. 
Ewald hatte mit den Frauen in seinem Leben schon 
mancherlei Überraschungen erlebt, und, wenn er ehrlich sein 
wollte, mußte er zugeben, daß es nicht immer „liebsame“ 
waren. Als er aber am Nachmittag selbigen Tages auf dem 
Bahnhofe von Tiefwalderode seine angeheiratete, leibhaftige 
Nichte Kitty aus dem Berliner D-Zuge steigen sah, stand ihm 
das Herz doch für einige Sekunden still, und erst als die kleine, 
seinem Neffen Albert, dem Rechtsanwalt, erst vor/einem 
halben Jahre ehelich angetraute Frau ihm unt^jf-meißen 
Schwüren versichert hatte, sie würde sich unter die Räder des 
— inzwischen wieder harmlos abgedampften — Schnellzuges 
werfen, wenn er sie von sich wiese, entschloß sich Ewald 
schweren Herzens, Kitty mit hinauf ins Waldhotel zu nehmen, 
wo der dienende Herr Lampenschild schon vor der Tür auf 
„die gnädige Frau Doktor“ wartete.
        
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