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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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Jafirg, 27 
Nr. 2 
JOLANTHE M A R £ E 
Iso um vier Uhr morgen Nachmittag — 
nein — es wird Sie niemand sehen — 
meine Wirtschafterin schicke ich fort — 
ich selbst werde Ihnen öffnen.“ Er legte 
den Hörer auf den Apparat zurück, 
sprang vom Schreibtischstuhl empor, ging 
im Zimmer auf und ab, murmelte vor 
sich hin: „Ich bin ein niederträchtiger 
Kerl — aber an solcher Klippe scheitert 
ein jeder Mann. —- Im übrigen weiß ich 
ja nicht, wie weit die Sache gehen wird 
— schließlich — wenn ich hier bei mir eine Dame empfange, 
so begehe ich damit noch keine Untreue. — Allerdings — die 
Umstände — und die Erregung, in die sie mich seit einer 
Woche versetzt hat — ich weiß nicht, ob meine kleine gold 
blonde Lizzie das nicht schon auf Konto Untreue setzen 
würde.“ 
Oh, dieses wundervolle goldblonde Haar seiner Braut, das 
das zarte Oval ihres Gesichts wie ein Heiligenschein umgab, 
wie liebte er es! Die andere, die ihn morgen besuchen wollte, 
die er nicht kannte, war sie blond, braun oder schwarz? 
Er hatte sie nie gesehen. Er wußte nichts von ihr. Er ahnte 
nur, daß sie jung war und in ihn verliebt sein mußte. Denn 
diesem Spiel, das sie seit einer Woche betrieb, lag wohl nichts 
anderes zugrunde als das Verlangen, ihn in ihre Netze zu locken. 
Sie schien nicht zu wissen, daß er eine Braut hatte, die er liebte, 
daß er niemals eine Untreue begehen würde. Er hätte es ihr 
sagen können, hätte sich ablehnender verhalten sollen. Aber 
— es war so reizvoll, sich dieser Verführungskunst hinzugeben 
und — warum auch sollte er diesem kleinen Abenteuer, das so 
kurz noch vor dem Abschluß seines Junggesellenlebens sich 
ihm in den Weg stellte — ausweichen? In einem Monat wird 
er unter die Aufsicht einer liebenden Gattin gestellt werden, 
dann würden telephonischen Annäherungsversuchen sich wohl 
einige Schwierigkeiten entgegensetzen. 
Ja, telephonisch hatte sie ihre Fühler ausgestreckt, ganz ohne 
Umstände. Ich habe Sie gesehen — interessiere mich für Sie 
— lassen Sie uns ein wenig plaudern — Mund an Mund — nur 
der Leitungsdraht zwischen uns — womit eine Verbindung her 
gestellt ist. Allerdings, ob diese Verbindung eine richtige ist, 
das kann wohl erst nähere Bekanntschaft entscheiden. 
Jeden Tag um dieselbe Zeit hatte sie ihn angerufen. Er saß 
schon immer ungeduldig vor dem Apparat, ihren Anruf er 
wartend. Vorgestern, als sie zehn Minuten später als ge 
wöhnlich anrief, hatte ihn Verzweiflung gepackt. Hing er schon 
ganz von ihrer Laune ab? Er hatte sie nicht dazu bewegen 
können, ihm ihren Namen zu nennen, noch sonst irgend eine 
Angabe über ihre Persönlichkeit zu machen. Auch telephonierte 
sie nicht von ihrer Wohnung aus. Ihr telephonischer Anruf 
kam stets aus dem Postautomaten. Welcher Mann wäre dem 
Zauber einer so geheimnisvollen weiblichen Persönlichkeit 
nicht unterlegen? 
Seine Lizzie zwar würde das nicht als Entschuldigungsgrund 
gelten lassen, aber immerhin konnte man mildernde Umstände 
annehmen. Allerdings, sein Gewissen regte sich ein wenig. 
Aber — es war vorher noch nichts geschehen. Er wollte diese 
pikante Situation auch nur platonisch genießen. Nicht mal zu 
einem Kuß sollte es kommen. Das heißt — wenn sein Tem 
perament mit ihm durchging? Vorsätzel Was nutzten in 
einer solchen Situation Vorsätze? Nein, sich Richtlinien geben 
zu wollen, das war vollkommen zwecklos. Er müßte ja kein 
Mann sein, wenn er nicht den Versuch machen wollte die 
Gelegenheit zu nutzen. Sein letztes Abenteuer! Der Abschied 
von seiner ungebundenen Freiheit sollte es sein. 
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Die Wirtschafterin setzte den Kuchenteller auf den Tisch, 
stellte den elektrischen Kocher zurecht, rückte noch einmal 
die Tassen hin und her und ging dann langsam zur Tür. Dort 
blieb sie wie zögernd stehen. 
„Wollen Sie noch etwas, Frau Broderich?“ 
"Nein, Herr Doktor, ich habe alles bereit gestellt.“ 
.Na, dann schwirren Sie ab, so schnell wie möglich.“ 
Frau Broderich hatte sich niemals erlaubt Handlungen und 
Lebensgewohnheiten ihres Herrn zu kritisieren. Niemals hatten 
ihre Gesten oder Augen Billigung oder Mißbilligung ausge- 
drückt, heut aber wollte es Heinz Wernicke scheinen, als träfe 
ihn ein vorwurfsvoller Blick. 
„Ich gehe schon.“ Die Tür klappte zu. Heinz wandte sich, 
sah prüfend auf den vorbereiteten Teetisch. Dann ging er zum 
Schreibtisch, nahm das Photo seiner Braut, das neben dem 
großen schwarzen Marmorschreibtisch stand, in die Hand. 
„Süße kleine Lizzie, du sollst nicht dabei sein, wenn die anders 
kommt.“ Er zog das Schubfach auf und legte das Bild hinein. 
Die Andere! Wer mochte es sein? Frau oder Fräulein? 
Dame oder Dämchen? Seine Erwartung war aufs höchste 
gestiegen. Unruhig ging er im Zimmer auf und nieder. Wenn 
sie ihn enttäuschen würde? Wenn sie alt und häßlich und 
absolut nicht sein Geschmack? Nun — auch dann würde er 
sich nicht langweilen, denn zu plaudern verstand sie. Sie war 
klug und schlagfertig, das hatten ihre telephonischen Unter 
haltungen gezeigt. Allerdings wäre es ihm lieber — 
Es klingelte. So laut und scharf, daß er erschrak. Das 
mußte sie sein. Er ging um zu öffnen. Durch das kleine Guck 
loch wollte er sehen. Es war verdunkelt. Ihre Gestalt stand 
davor. Als er geöffnet hatte, erstarrte er vor Schreck. 
„Lizzie — du — du kommst zu mir — und allein??“ Seine 
Hand umklammerte noch immer die Türklinke, seine Gestalt 
füllte den Türrahmen. Es hatte den Anschein, als wolle er 
ihr den Eintritt wehren. 
„Ich flüchte mich zu dir, weil ich belästigt wurde. Ein Herr 
verfolgte mich. Da ich in der Nähe deiner Wohnung — aber 
— willst du mich vor der Tür stehen lassen?“ 
„Nein doch — nein —“ Er trat zurück, machte den Ein 
gang frei. 
„Mein Besuch scheint dir unangenehm zu sein?“ Lizzie Heß 
die Tür ins Schloß fallen, heftete ihre kornblumenblauen 
Augen auf ihren, noch immer in Erstarrung versunkenen 
Verlobten. 
„Unangenehm —? Durchaus nicht — aber — es schickt sich 
doch nicht, daß du allein —“ 
„Natürlich schickt es sich nicht. Doch — vergiß nicht — 
ich bin auf der Flucht — ich komme doch nur gezwungen. 
Überdies können wir ja Frau Broderich ins Zimmer bitten, 
wenn du überhaupt die Absicht hast mich hinein zu lassen, 
denn — wir stehen ja noch immer auf der Diele. 
„Frau Broderich? Die ist ja gar nicht da.“ 
„Na, dann wird ja überhaupt niemand erfahren, daß ich bei 
dir gewesen bin und — weißt du —■ ich finde es doch sehr 
interessant, in deiner Junggesellenwohnung mit dir allein zu 
sein —- und — in vier Wochen heiraten wir^ ja doch.“ Sie 
rankte ihre Arme um seinen Hals. „So schüttele doch endlich 
dein Staunen ab und — weißt du, daß du mir noch keinen 
Kuß gegeben hast?“ 
Mit einer schnellen Bewegung zog Heinz sie an sich, preßte 
seinen Mund auf ihre Lippen. Dann sprach er mit überlauter 
Stimme, denn es war ihm, als hätte er das Rascheln von 
Frauenkleidern vor der Tür gehört. „Natürlich freue ich mich, 
daß du gekommen bist — die Überraschung hat mich ver 
steinert.“ 
Er ließ sie von sich, trat zur Flurtür und legte die Sicher 
heitskette vor. „So, nun soll uns niemand stören. Und wenn 
es klingelt, dann machen wir einfach nicht auf.' Er schrie 
so laut, daß Lizzie sich die Ohren zuhielt, 
„Warum schreist du denn so, daß man es auf der Treppe 
hören kann?“ 
„Du nennst das schreien? Na, dann kannst du noch was 
erleben. Aber, nun komm endlich hinein. Warum halten wir 
uns so lange hier draußen aus?‘‘ 4 
„Ja, das weiß ich doch nicht. 
Die Miene der Überraschung ging von Heinz auf Lizzie über. 
„Ah — du erwartest Besuch. _ 
„Ja — Friese wodte kommen.
        
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