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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jahrg. 27 
Nr. 12 
16 
A FLT H U PL ES TM E 
chtzehn Jahr — welch ein köstliches Alter 
für einen Mann! Und zu diesen achtzehn 
Jahren denkt euch den Frühsommer des 
Jahres 1914 hinzu. Jenen Sommer, in dem 
das reiche europäische Leben sich noch 
einmal zu einer vollen, sonnenbeschienenen 
Woge erhob, ehe es sich überschlug und 
in den Abgrund rauschte. Das war eine 
Zeit! Ich beklage es nicht, heute bereits 
den Senioren der Jüngeren Generation anzugehören/ denn ich 
hatte das Glück, noch gerade rechtzeitig achtzehn Jahr zu werden 
und durch die Natur von jenem lästigen Schilde „Jugendlidien 
ist der Zutritt verboten" befreit zu werden, als es hinter diesem 
Schilde noch etwas wirklich Sehenswertes zu sehen gab. 
In diesem Zustande kam ich nach L. Ich sollte dort mein 
erstes Semester studieren. Ein weites Feld dazu bot die eben 
eröffnete Weltausstellung; da fand man die Welt im Kleinen. 
Eine Eisenbahn umlief das Gelände/ man konnte aus der 
Höhe des Troglodyten hinüber ins Heidelberger Sdiloß gehen,- 
die Alhambra stand in der Nähe eines Hottentotten»Krals/ 
italienische Nacht mit Tausenden von Lampions durchglühtc 
die „Straße der Nationen", und um dies alles herum breiteten 
sich die allernatürlichsten, üppigen und in den warmen Sommer» 
nächten über die Ausstellung hin duftenden Kornfelder, 
Aber das Schönste von allem war das Wellenbad „Undosa". 
Laßt euch von „Undosa" erzählen! Ich vergöttere es in meiner 
Erinnerung wie die erste Geliebte. Es war ein Schwimmbad 
mit großem Bassin, Aber dies Bassin war nur das Rudiment 
zu dem Bade! Vorerst; in diesem Bassin bewegten sich grün» 
liehe Wellen. Scewellen! Sie verebbten und schlugen ganz 
klein und plätschernd an den dunkelroten Fliesenstrand, der 
sich kurz vor der Treppe aus dem Bassin erhob. Dort saßen 
Damen und Herren, die einen Augenblick des Wellenspiels 
müde waren, auf orientalische Art und ließen die Wellen ihre 
kleinen Zungen herstrecken. Und nun das Wellenspiel; man 
spielte Wasserball; die Damen nahmen oft den Ball fest in die 
Arme und ließen ihn sich von einer Horde Herren entringen, 
wobei der Schulterhalter des Badekostüms sich manchmal öff» 
nete.... Aber mehr: um die vier Wände des Bades zog sich in eines 
Stockwerks Höhe eine Galerie, und diese Galerie war der Schau» 
platz eines auserlesenen Cafebetriebes. Durch das weite Ge» 
länder des Balkons sah man Herrlichkeiten! — es war damals 
wie heute die Mode der Schlitzröcke, Gefiel einem nun eine 
Dame besonders gut, so gab man dem Wasserball einen kleinen, 
gutgezielten Faustschlag und einige Tropfen, die über das 
Seidenstrümpfchen rannen, wurden mit einem Lächeln belohnt. 
Zehn Minuten später konnte man sicher sein, die Dame aus 
dem Cafe ins Bad steigen zu sehen. Dies alles spielte sich 
unter freiem Himmel ab; das Zeltdach war bei Sonne immer 
zurückgerollt und man sah in den blauen Himmel. 
Dies war der Schauplatz, wo ich der Prinzessin von S.»H. 
begegnete. Ich werde dieses Morgens ewig gedenken! Es 
hatte der ganzen Anstrengung meiner achtzehn Jahre bedurft, 
um mich zu vergewissern, daß in diesem Familienbade — keine 
Familien badeten. Aber eine kleine Furcht, bei den Schleich» 
wegen in Frauenaugen unvorsichtigerweise die Falltür einer 
Ehefrau zu betreten, hing mir noch an. Wie anders mußte 
mir da werden, als zum ersten Male eine ähnlich ängstliche 
Seele sich mir erschloß und vertraute! 
Ich habe immer ein Faible für die Mitglieder von Fürsten 
häusern gehabt. Vor der Photographie einer Prinzessin von 
Rumänien habe ich schon als Zehnjähriger gelegen und mir 
f eschworen, nur eine solche zu heiraten. Ich ka n nichts dafür, 
licr macht der leint die Musik. Kurzum: nur dies Faible 
erklärt mir heute, wo ich lächelnd zurückdenke, die Tollpatschig» 
keit, mit der ich mich in dies Wagnis gestürzt habe. 
Ich war müde vom Bade. Selbst die neue Leidenschaft, 
die prachtvolle, jung »naturhafte Blonde, die sich seit gestern 
zu den Badenden gesellt hatte, hielt mich nicht mehr. Idi stieg 
aus dem Bassin und setzte mich auf die weichgepolsterte Bank, 
die das Bad umlief. Ich konnte auch von hier die stracken, 
jähen und doch elegant-beherrschten Bewegungen meiner Venus 
betrachten. Wir kannten uns schon so weit, daß ich sie bei 
einem besonders gut gezielten Schlag glückwünschend anlächeln 
durfte. Ich glaubte zu bemerken, daß dies sonst niemand durfte. 
Man wird mein Glück ermessen. 
Nach einer Weile entstieg auch sie dem Bade. Ich war hin 
gerissen: wie in den Rinnsalen des Wassers an ihrem schwarzen 
Badeanzug die Lichter und Tiefen ihres Leibes spielten, die 
lange Rückenfurche, die Grübchen über den. Hügeln . , . aber 
ich vergaß doch nicht, aufzustehen und ein wenig zu gehen. 
Wenn sie sich setzte, durfte ich doch nicht ihr zumuten, sich 
neben mich zu setzen! 
Als sie an mir vorbeikam, lächelte sie unter einem Kälteschauer 
zusammenfröstelnd. „Wissen gnädiges Fräulein, daß die Bänke 
geheizt sind?" fragte ich mit jähem Mut. Sie sah mich er 
staunt an, und ich konnte nicht erkennen, ob erstaunt über die 
Anrede selbst oder ihren Inhalt. „Unter den Bänken läuft die 
Zentralheizung hin", fuhr ich hilfloser fort, „man wärmt sich 
gut hier". Sie sah mich an, lächelte und sagte dann; „Die 
Herren im Bade waren mir zu aufdringlich — ich werde es 
hier oben besser finden?" Gottlob, fiel ihr in diesem Augen 
blick der Bademantel von den Schultern auf den Boden — ich 
hätte nicht gewußt, was antworten. So hob ich den Mantel 
auf, breitete ihn auf der Bank aus und lud sie mit einer Be 
wegung zum Sitzen ein. „Was wollen Sie?" sagte sie, eigent» 
lieh darf ich mich nicht setzen. Aber Sie zwingen mich. Sie 
erregen Aufsehen", Ich hatte das nicht gemerkt, sah aber, 
ihren Blicken folgend, auf der Galerie einen Herrn — Feudal» 
aristokraten vom Scheitel bis zur Sohle — zum Geländer treten 
und uns fixieren. Meine Venus winkte kurz und lächelnd, ein 
wenig verstört, und er erwiderte ihren Gruß, indem er leicht 
den Hut lüftete. Die Falltür! Dachte ich und sann auf Mittel, 
mich apart aus der Affaire zu ziehen. Aber da geschah das 
Seltsame — o das Verwirrende! das Herzumschmeichelnde! — 
zum ersten Mal in meinem jungen Leben rankte sich aus einem 
Frauenherzen ein Straudi des Geheimnisses und des Vertrauens 
herüber zu mir und ich glaubte in den Blüten dieser Pforte 
zu lesen: „Der du hier eintrittst, laß alle Vorsicht fahren!" 
„Erbat mich gesehen!" flüsterte sie vor sich hin, merkbar 
wenig den Mund bewegend und doch deutlich zu mir her, „ich 
muß mich Ihnen entdecken, sonst ist alles aus". 
— Das da oben war der Baron von Sz. Sie war mit ihm 
aus dem Schloß von H., der Hauptstadt von S.-H., geflohen. 
Sie war in ihn verliebt — gewesen. Sie hatte eine politische 
Heirat machen sollen und war ihm deshalb um so lieber ge 
folgt, Er wollte sie auf seine Besitzungen nach W. in der 
Nähe von Prag mitnehmen, dort die Hochzeit mit ihr begehen 
und dann nach H. Nachricht geben. Bis hier nach L. war sie 
ihm gefolgt. Die Grenze war nicht mehr fern. Hier oder nie 
würde sie ihm entschlüpfen. Schon vorgestern hatte sie ihn 
verlassen und glaubte sich von ihm befreit. Bis eben zur 
Sekunde . . . Was tu ich? „Oh, gestatten Sie", fuhr sie nach 
dieser Erzählung fort, „gestatten Sie, daß ich sage; was tun 
wir? Ich habe Vertrauen zu Ihnen. Sie sind jung wie ich. 
Sie wollen das Schöne — ich sehe das Ihren Augen an,— --■" 
Ich war gerührt, bezaubert. Wer hatte je so zu mir ge 
sprochen und nun sie, diese! — — Ich rückte ihr ein wenig 
näher, so daß die Härchen unserer Arme sich berührten; nie 
habe ich seitdem wieder ein so seliges Gefühl erlebt. 
Was tun! Was tun! hämmerte cs in meinen Schläfen. Ich 
dachte energischer nach als selbst in jener kritischen Minute 
des „Mündlichen" im Abitur.
        
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