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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 12 
Jahrg. 27 
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Ihnen meine Kunst zu opfern." „Ach! Dank, Dank, mein süßer 
Engel!" stammelte der Alte und versuchte ihren Arm zu liebkosen. 
„Aber bedenken Sie", fuhr die Kleine nun fort, „was das heißt; ich 
opfere Ihnen damit mein Leben!" — „Dein Leben!" echote Vater 
Nattier gerührt. „Ja — und dann wäre es doch nicht mehr wie 
billig, Monsieur, daß Sie mich für dieses Leben versorgten. Ich 
meine — auch vor dem Gesetz." — „Pardon —" fiel der Alte ein, 
aber die Schäferin fuhr fort: „Ich meine, Ihr Herr Sohn —" — 
„Ach — der ist weit!" versuchte der Gönner den Fluß ihrer Rede 
zu dämmen. „Nein, nicht jetzt — später," setzte die Liebliche un 
entwegt ihre Gedanken fort, „später wird man mich verleumden, 
verstoßen — ins Elend. Oh, man kennt das!" Damit erhob sie 
ihre Veilchenaugen bittend, zagend zu dem Angesicht des alten 
Herrn, so daß dieser sie an sich ziehen mußte mit dem Gelöbnis: 
„Alles, alles mein Engel, für diesen Augenblick — alles!" Damit 
erhob er sich und führte sie dem Schlosse zu, 
Bertrand, der von seiten des Alten schon manche Überraschung 
erlebt hatte, war über diese Wendung doch nicht wenig erstaunt. 
Aber er prägte sich das Gehörte gut ein und begab sich gleichfalls 
eiligst nach dem Schlosse. Er hatte beobachtet, wie sein Vater 
mit der Schäferin in ein Gemach zu ebener Erde eingetreten war, 
das er als den sommerlichen Lieblingsplatz des Alten erkannte. 
Dorthin lenkte er seine Schritte, aber so, daß man ihn von drinnen 
nicht erblicken konnte bis er dicht vor der Glastür stand, die nach 
dem Garten hinaus führte. 
Kaum hatte der Vater Nattier es sich mit seiner Schäferin auf 
einem Sofa bequem gemacht, als der Sohn eintrat und dem auf» 
springenden Vater um den Hals fiel mit den Worten: „Mein teurer 
Vater! Gelobt sei der Himmel, daß ich Sie lebend in meine Arme 
schließe! Vergeben Sie ihrem undankbaren Sohne! Oh, ich bekenne, 
ich habe Sie auf das Schändlichste vernachlässigt. Wie kann ich es 
wieder gutmachen?" — All dieses sprach Bertrand mit dem Rücken 
gegen die schöne Schäferin gewendet, die erschrocken und erzürnt 
auf dem Polster hin und her rückte und sich am liebsten aus 
dem Staube gemacht hätte. Indes stammelte der Alte verlegen: 
„Oh, oh, mein Sohn, es hat nichts zu sagen, gar nichts, nicht das 
Geringstel . . , Willst du dich aber nicht erst erfrischen? — Du 
kamst zu Pferde?" „Welche Erfrischung wäre mir lieber, als Sie so 
gesund, zufrieden, heiter und ruhig zu sehen, mein Vater?" ent» 
gegnete der Sohn mit gerührter Stimme. Dann fuhr er, sich um» 
sehend, fort: „Ah, Pardon! Sie haben Besuch! Verzeihung, meine 
Gnädigste, daß sich der Sohn des Hauses so ungeniert aufführt. 
Aber das Wiedersehen eines der Verzweiflung anheiragefallenen 
Vaters ist schon ein Anlaß, die Gesetze des Anstandes außer Acht 
zu lassen! Verzeihen Sie mir also!" Damit küßte Bertrand der 
Widerstrebenden höflich die Hand. Der Alte schwieg betreten, viel 
mehr: er schnappte wie ein Karpfen, der auf der Schlachtbank liegt. 
„Man spielt hier Theater?" fragte der Sohn nun harmlos inter 
essiert. „Wie reizend! Gewiß, um Ihnen, mein Vater, die trau 
rigen Umstände vergessen zu machen? - Wie liebenswürdig von 
Ihnen, meine Gnädige!" — „Gewiß, gewiß!" brachte Vater Nattier 
jetzt heraus. „Fräulein Cloris ist eine vorzügliche Künstlerin." — 
„Ach — wie mich das interessiert! Sie sind gewiß auf einer lustigen 
Kunstreise mit Ihrem Ensemble? — Werden Sie diesen Winter in 
Paris agieren?" — Cloris zuckte wehrlos, wortlos die weißen Schul 
tern. „Aber welch ein Opfer bringen Sie meinem Vater," setzte 
Bertrand seine Hinrichtung fort, „wenn Sie ihm außerhalb des Spieles 
noch Ihre kostbare Zeit schenken, die Sie gewiß sonst den Studien 
und der Erholung zu widmen pflegen! In der Tat, ein nicht ge 
ringes Opfer! Sie beschämen damit einen undankbaren Sohn! Ach, 
welche engelhafte Güte, die das eigene Leben schier opfert, um es 
einem alten Mann wiederzuschenken, ein altes müdes Herz neu zu 
ermutigen!" — 
„Verzeih!" unterbrach ihn hier der Vater in höchster Ungeduld, 
„verzeihen Sie, mein Fräulein, ich — ich habe Geschäfte, mir fällt 
ein — ich bin sogleich wieder hier." Damit entschlüpfte der Greis 
ins Innere des Schlosses. 
Cloris wich dem triumphierenden Blicke aus, mit dem Bertrands 
Augen die ihrigen suchten. Sie erhob sich gelangweilt, beleidigt und 
trat zum Fenster. 
Bertrand fand Sie entzückend und hätte seinem Vater fast ver 
ziehen. „Mein Fräulein," hauchte er. Sie stampfte wütend mit 
dem Füßchen, Er trat hinter sie: „Sie sind mir böse?" Cloris 
schwieg. „Ich finde es recht amüsant unter den Lebensmüden," 
neckte er und ergriff eins der bunten Bänder, die an ihrem reizenden 
Kostüm herabhingen. Sie kehrte sich um und warf ihm einen strafen 
den Blick zu: „Ihre Art, mit einem alten Vater umzugehen, ist in 
der Tat merkwürdig!" — „Wenn Sie schon Mutterstelle bei mir ver 
treten wollen, so fangen Sie es in der Tat gut an," neckte Bertrand 
weiter und ergriff ein zweites Band. „Sie sind unverschämt!" 
zürnte die Kleine. „Und Sie rachsüchtig. Was kann ich dafür, daß 
ich heute hinter der Hecke zu stehen kam bei ihrem entzückenden 
Vortrag?" — „Schmeichler!" schmollte Cloris schon milder gestimmt, 
„Nicht im geringsten!" gab Bertrand zurück. „Wirklich?" fragte die 
Schäferin sich halb urawendend, „Ganz gewiß! Ihr Spiel war reif 
für die erste Bühne des Königreichs." Die Augen der kleinen Ko 
mödiantin leuchteten auf. „Wollen Sie im Winter in Paris auf» 
treten?" fragte Bertrand verheißungsvoll. „Oh, wie gern!" rief 
Cloris voll Hingebung. „Nun, ich habe Verbindungen," — „Wirk 
lich? Oh, bitte, bitte!" flehte sie süß. Er drängte zu ihr. „Werden 
Sie nun artig sein?" Sie blickte zu Boden, „Werden Sie meinen 
Edelmut belohnen?" Cloris zog ein Mäulchen. „Das Handgeld 
hole ich mir selber." Damit zog der junge Herr von Nattier die 
schöne Schäferin an sich und küßte sie auf den blühenden Mund. 
Und es muß ihr besser bei ihm gefallen haben als bei dem alten Herrn/ 
denn sie folgte Bertrand noch am selben Abend in die Hauptstadt. 
Dort trat sie im Winter in einem Vorstadttheater auf und war 
manchmal zufrieden, meist aber verfluchte sie das Komödianten 
leben. Dann half ihr Bertrand wieder über alle Schmerzen hinweg. 
Nachdem sich der alte Nattier die Komödiantengesellschaft, die 
ihm Schwierigkeiten wegen der entführten ersten Kraft machte, end- 
lieh vom Halse geschafft hatte, schwor er, sich nie wieder von Thalien 
trösten zu lassen. 
Aber wie es oft im Leben kommt — er ließ sich von der Liebe, 
der ja kein Zaun zu hoch ist, bekehren. Als sein Sohn der Schau 
spiele der kleinen Cloris müde geworden war, trat er als Zuschauer 
wieder in Aktion ... 
Als Zuschauer, sagen wir, denn wir wissen, was dem Alter zu 
kommt. 
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