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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jatrg. 27 
Nr. 12 
12 
Jambo- Jumbo- Jambo-Jumbo- Jambo- Jumbo 
WENN DER, VATER, MIT DEM SOHNE 
er junge Herr Bertrand de Nattier, der in Paris lebte, er 
hielt eines Tages ein Schreiben seines Vaters des Inhalts, 
daß der alte vor kurzem verwitwete Mann das Leben 
nicht mehr ertragen könne und daß ihm bei jedem Besuche 
am Grabe seiner Frau, Bertrands seliger Mutter, der verzweifelte 
Wunsch erfaßt, seinem elenden vereinsamten Leben ein Ende zu 
machen. Es folgten Vorwürfe gegen den Sohn, der seinen trost 
losen Vater so schmählich verlassen habe, um in ruchloser Weise 
in der Hauptstadt das Leben zu genießen, und schließlich die wieder 
holte Drohung; der Vater werde sein Leben wegwerfen und seinen 
undankbaren Sohn verfluchen, wenn dieser sich nicht alsbald seiner 
annähme. 
Nun — Bertrand kannte die Schrullen seines alternden Vaters, er 
wußte, daß man diese Drohungen nicht allzu ernst zu nehmen 
brauchte, aber immerhin bedachte er auch das impulsive Wesen des 
Greises und beschloß für alle Fälle, den Vater aufzusuchen und 
ihn zu trösten. 
Er ließ seine Pferde satteln und ritt mit zwei Dienern voraus, 
während sein Gepäck mit einem Wagen nachfolgte. Er wollte den 
Vater durch ein schnelles Kommen in gute Laune versetzen. Da 
der Landbesitz der Familie nicht weit von Paris entfernt lag, langte 
er noch vor der Dämmerung nach einem scharfen Ritt am Eingang 
des Parkes an. Er wollte den Alten allein aufsuchen und unan 
gemeldet überraschen, da er sich davon eine heilsame Wirkung ver 
sprach. Er hieß seine Begleiter also mit den Pferden den Wirt 
schaftshof aufsuchen und wollte sich auf dem nächsten Parkwege 
zum Schloß begeben. 
Wie erstaunt war er aber, als er von ferne zwischen den hohen 
beschnittenen Hecken eine helle Stimme leichte anmutige Verse de 
klamieren hörte und bald darauf feststellte, daß diese Stimme aus 
dem Naturtheater kam. Bertrand beschleunigte seine Schritte und 
trat geräuschlos an die Hecke, die das kleine Theater umfriedete. 
Die Sprecherin war gerade zu Ende und man hörte die Claque 
des einzigen Zuschauers. Bertrand schüttelte ungläubig den Kopf — 
aber die Stimme seines Vaters, die nun ertönte, belehrte ihn von 
der Wirklichkeit dieses erstaunlichen Schauspiels. Ein Blick durch 
eine welke Stelle der Hecke gab ihm ganze Gewißheit über den ge 
trösteten Zustand des Greises. 
„Mein Engel, mein Leben! Komm an dies alte Herz, dem du 
neuen Mut gespendet hast, zu schlagen! Mein süßer Engel — so!" 
Damit hob Monsieur de Nattier-Vater die reizende Schäferin über 
die kleine Vertiefung, die das Orchester aufnehmen sollte, wenn 
man hier Singspiele agierte. In der Tiefe hinter den natürlichen 
Kulissen vernahm Bertrand jetzt ein unterdrücktes Gelächter der 
übrigen Schauspieler, das ihn noch mehr beschämte als die Worte, 
die aus nächster Nähe an sein Ohr drangen. 
Der Alte hatte die niedliche Schäferin auf seine Knie zu ziehen 
versucht, aber sie zog es vor, neben dem Gönner Platz zu nehmen 
mit den Worten: „Aber nein, Monsieur, so weit sind wir noch lange 
nicht!" — „Warum? Warum? Mein süßes Leben?" flüsterte der 
Greis. „Glauben Sie denn, eine Künstlerin verkauft sich selber mit 
ihrem Vortrag! Oh, Monsieur, da sind Sie sehr im Irrtum!" Der 
Schloßherr langte nach seiner Börse. „Aber nicht doch!" wehrte die 
Schöne ab und brachte ihr Kostüm sorgfältig in Ordnung. „Was 
denken Sie sich! Aber so ist es in diesem elenden Komödianten 
dasein," seufzte sie dann, „man wird behandelt wie —" Ihre Worte 
erstarben in stillem Schluchzen. 
Der alte Herr war ratlos. „Oh! Oh! Mein Kind! — Wie? 
Hätte ich dich gekränkt? Pardon! Oh, mein Gott — nein, nein, nichts, 
nichts von alledem!" — „Ha, Sie haben es gut gemeint, Monsieur, 
aber sehen Sie: man ist arm, man ringt um Anerkennung — und 
begegnet überall nur der Lüsternheit". — „Oh! Oh!" bemerkte der 
Patron. „Ach, ich möchte dieses ganze Leben hinwerfen, dieses 
elende Leben!" — „Ah, wie merkwürdig!" nahm der Alte erfreut 
die Wendung auf, „dieses Zusammentreffen! Diese Duplizität der 
Fälle; Auch ich, meine Teure, auch ich war nahe daran, meinem 
Dasein ein Ende zu machen. Der Himmel nahm mir — nun, es 
ist gut. Ein Sohn, ein einziger undankbarer Sohn vernachlässigt 
seinen trostlosen Vater auf das Schändlichste. Ja, nun sehen Sie, 
meine Liebe: Sie — in derselben Lage: — es ist ein Wink des 
Himmels! Bleiben Sie! Bleiben Sie bei mir! Verschönen Sie einem 
armen Vater den Abend eines kummervollen Lebens. Wie? — 
Wollen Sie, mein Engel?" 
Die Schäferin hatte längst aufgehört zu schluchzen und die 
Tränenspuren im gepuderten Gesichtchen verwischt. Sie sprach nun 
nach kurzer Überlegung: „Nun wohl, Monsieur, ich wäre bereit
        
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