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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 12 
Jährg. 27 
11 
lockende Bilder vor. Zwischen der Kronprinzessin und ihrer Hof 
dame bestanden keine guten Beziehungen, und daran war nicht 
Marie Luise schuld, sondern die neidische unbotmäßige Herzogin, 
die ihrer hohen Herrin nicht genug Possen spielen konnte. Sie 
mißgönnte ihr einfach alles. Stellung, Schmuck und Toiletten. 
Die beiden hohen Damen hatten dieselbe Schneiderin und den 
selben Friseur. Schon diese Tatsache führte zu mancherlei Ver 
stimmungen, die noch eine Verschärfung erfahren mußten, wenn 
sie sich denselben Liebhaber anschafften. Pigantelli hatte, kurz 
sichtig wie ein Mann in solchen Weiberangelegenheiten zu sein 
pflegt, die Rivalität der beiden Nebenbuhlerinnen, die ohnehin 
zeitweise bedenkliche Formen annahm, nicht in Erwägung ge 
zogen. Und das sollte sein Verderben werden. 
Marie Luise schenkte ihm in Anerkennung seiner Verdienste 
eine goldene, mit Brillanten besetzte Tabaksdose von auserlesen 
schöner Arbeit. Die Herzogin von Alba sah dieses aparte Stück 
bei ihrem Geliebten. Denn Pigantellis Erwartungen waren herrlich 
in Erfüllung gegangen, die ihm so offensichtlich gezeigte Gunst 
der Thronfolgerin hatte ihre Hofdame in seine Arme getrieben. 
Der Graf Pignatelli war kein Kavalier, der genießt und schweigt. 
Er schildert die Liebesfreuden, die ihm zuteil wurden, mit einer 
recht imdiplomatischen Mitteilsamkeit. Nie hatte ein Mann sie 
berührt. Nie war sie durch die Buhlschaft eines wollüstigen Hofes 
befleckt. 
Die Herzogin von Alba bezeigte großen Gefallen an der Dose 
und der nunmehr Glücklichste der Sterblichen krönte seine bis 
herigen Unvorsichtigkeiten und Unklugheiten durch eine neue, 
indem er seiner Geliebten den reizenden Gegenstand, das Geschenk 
einer Prinzessin, zu Füßen legte. Es wäre zweifellos alles sehr 
gut abgelaufen, wenn nicht das Fest des Handkusses dazwischen 
gekommen wäre. Die Alba aber machte dem Grafen einen wunder 
schönen Brillantring aus ihrem Besitz zum Präsent, und dieses 
Präsent sollte ihm durch das Fest des Handkusses zum Verderben 
werden. Die Kronprinzessin saß bei dieser höfischen Zeremonie 
vor einem Tisch und auf ihm lag ihre Hand, die die vorüber 
defilierenden Höflinge männlichen und weiblichen Geschlechts mit 
den Lippen zum Kusse berührten. Auch die Herzogin von Alba 
mußte sich dieser Devotionsbezeigung unterziehen und bei dieser 
Gelegenheit entdeckte sie ihren Ring am Finger der Prinzessin, 
den Pignatelli ihr geschenkt. Die Herzogin begriff sofort den 
Zusammenhang und man kann sich ungefähr den Empfang aus 
malen, den der undiplomatische Graf Pignatelli bei ihr fand. Er 
log sich mit all der Geschicklichkeit heraus, die ein Mann und 
Liebender in solchem Fall zu entwickeln pflegt, die Alba beruhigte 
sich, hatte jedoch die Wahrheit erraten und handelte darnach. 
Sie schenkte die bewußte Tabaksdose dem Hoffriseur mit der Be 
dingung, sie auf seinen Gängen zur Kronprinzessin zu benutzen. 
Marie Luise sah sofort die selten schöne Tabaksdose, die der Leib- 
friseur zur Pomadendose herabgewürdigt hatte, erriet die Wahrheit 
und handelte darnach. Die fürwitzige Hofdame wurde ihres Amtes 
entsetzt und bekam fern von Madrid Gelegenheit über ihre Streiche 
nachzudenken, und der Graf Pignatelli wanderte in die Verbannung 
wie alle seine Vorgänger. 
Aber die königliche Leibwache war ein unerschöpfliches Reser 
voir schöner Männer. Wieder war es ein Gitarrespieler, der das 
verwaiste Herz Marie Luises in Flammen zu setzen verstand. Er 
nannte sich Ortiz und war von niederer Geburt, doch die Prin 
zessin, die sich mittlerweile auf Grund ihrer praktischen Erfahrungen 
zur Kapazität in eroticis entwickelt hatte, hatte gelernt, daß man 
durchaus nicht an des Thrones Stufen geboren sein brauche, um ein 
tüchtiger Kämpfer der Liebe zu sein. Ortiz war jung und jung 
ist bekanntlich identisch mit unvorsichtig. Die hohen Ehren, mit 
denen ihn seine Herrin überschüttete, verdrehten ihm den Kopf, 
er wurde geschwätzig. Diese Geschwätzigkeit brach ihm den Hals. 
Aber Ortiz scheint ein weit seiner Zeit vorangeeilter junger 
Mann gewesen zu sein, denn er benützte als pensionierter Lieb 
haber seine Mußestunden, um seine Memoiren zu schreiben, die 
wohl kaum das Interesse der Mitwelt erregt haben würden, 
wenn nicht Marie Luise unter dem Pseudonym Zelmire 
als ihre Heldin fungiert hätte. Man lernt die hohe Frau 
aus den Schilderungen des in Ungnade gefallenen 
Günstlings als eine recht geschickte Regisseurin der 
Liebe erkennen, die es wie eine Meisterin der Zunft 
verstand, die Leidenschaft der Männer zu reizen und 
ihren Sinnen zu schmeicheln. 
In einer Rosenlaube war es, au einem lauen Frühlings 
abend, als Marie Luise sich zum ersten Mal dem jungen 
Gitarrespieler hingab. „Wenn ich zwanzig Mal auf den 
Eiderdaunen der königlichen Betten mit Zelmire der 
Liebe genoß, so waren die Vergnügen nie so reizend, 
nie so innig, wie in der paradiesischen Laube. Fast 
eine ganze Stunde lebten wir in Entzücken.“ Und er 
fügte noch einige Bemerkungen hinzu, die Bezug nehmen 
auf die körperlichen Reize seiner Geliebten, deren 
Wiedergabe sich jedoch der in modernen Anstandsbegriffen er 
zogene Mensch schenken muß. 
Eine Rosenlaube ist sicher ein sehr entsprechender Schauplatz 
für eine junge Liebe, doch Marie Luise empfand nichtsdesto 
weniger die Notwendigkeit eines wetterfesteren Asyls, denn nicht 
immer blühen die Tage der Rosen. Und sie ließ sich an einem 
entfernten Ende des Schloßgartens einen Tempel der Lust erbauen, 
in dem auch der kälteste Mann zum feurigen Liebhaber werden 
mußte. 
Don Ludwig Godoy bedeutete im Liebesieben der Prinzessin 
von Asturien nur eine sehr vorübergehende Episode. Auch er war 
der Vorratskammer der königlichen Leibwache entnommen, 
und auch er spielte die Gitarre, Der Kronprinz überraschte 
eines Tages ihn und seine Gemahlin in einer recht verfänglichen 
Situation, die nicht auf gemeinschaftliche musikalische Studien 
schließen ließ. „Ich habe Godoy um die Zeit gefragt“, sagte 
Marie nicht sehr geistreich und der Herr Gemahl glaubte 
ihr. Jedoch Don Ludwig Godoy hielt seiner Herrin nicht die 
angelobte Treue und wurde verbannt. 
Mit Manuel Godoy war die Schicksalsstunde der Prinzessin ge 
kommen. Er wurde der ruhende Pol in der Erscheinungen Flucht. 
Auch er war aus der königlichen Leibwache ausgemustert worden, 
auch er spielte die Gitarre, und noch viel meisterlicher als sein 
älterer Bruder. Und auch sonst besaß er alle jene Qualitäten, 
die Marie Luise von den Hof beamten ihres persönlichen Dienstes, 
verlangte, Er wurde sogar der Vater ihrer zwei jüngsten Kinder, 
was aber nicht weiter störte auf Grund des bekannten Rechts 
satzes pater est quem nuptiae demonstrans. Also waren es recht 
mäßige Infanten, denen der spätere Karl der lg. wie seinen anderen 
Kindern seine väterliche Liebe schenkte. 
Manuel Godoy war klug und verschwiegen. Aber nicht diesen 
Vorzügen allein verdankte er die Dauerhaftigkeit seiner Günstlings- 
stellung. Karl der III. starb und die Gattin seines Nachfolgers, die 
Königin Marie Luise, hatte eine noch größere Bewegungsfreiheit 
bekommen als sie sich bereits als Kronprinzessin zugebilligt. 
Godoy stieg zu den höchsten Ehren empor, sein Verhältnis mit 
der Königin artete zum Skandal aus und es ist kaum zu viel 
behauptet, wenn man in Godoy 
einen der Faktoren erblickt, die 
zur Abdankung Karl IV. führten, 
umsomehr als Marie Luise als 
Königin von politischem Ehrgeiz 
befallen worden war. Napoleons 
wachsamem Auge entging die für 
ihn in Spanien günstige Konjunktur 
nicht, die er schlau auszunützen 
verstand, nachdem er Marie Luise 
durch Schmeicheleien und Ge 
schenke gefügig gemacht. Denn 
kein Staats 
mann hatte 
mehr in Spa 
nien zu ge 
bieten, vom 
König ganz zu 
schweigen, 
seit Marie 
Luise und ihr 
Günstling die 
Herrschaft an 
sich gerissen.
        
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