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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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Jcfirg. 27, 
Nr, 12 
OZarie Luise uon fbourbon- T'arma, Königin uon Spanien. / Ihr erster Liebhaber / Ortiz, der indiskrete 
DZemoirenscforelber / (yescfrujätzigkeit DZarle Luises beim ersten Chebrucfr / Oer ungetreue Qraf 
VlgnateCÜ / Don Ludwig Qodoy, der gute Qüarrespieler / OZanuei Qodoy, der bessere QltarrespieCer, 
aii muß gerecht sein. Die modernen Königinnen und 
Exköniginnen sind tugendhafter als ihre Standes- 
genossinnen in früheren Jahrhunderten waren, es gab 
in jenen Zeiten gekrönte Ehemänner, die an Schwäche 
und Blindheit heutzutage kaumnoch ihresgleichen haben. 
Karl IV. von Spanien und Marie Luise von Parma waren, unter 
diesem Gesichtspunkt betrachtet, eines der seltsamsten Ehepaare, 
das je auf einem Thron gesessen. Diese lasterhafte Königin war 
eine interessante Persönlichkeit. Und die Lebensschicksale ge 
krönter Sünderinnen fesseln und spannen stets mehr als die Eskapaden 
bürgerlich geborener Frauen. 
Man läßt die Gestalt der Königin Marie Luise von Bourbon- 
Parma gern noch einmal aufleben, denn sie ist eine Vorfahrin der 
Exkaiserin Zita von Österreich, mit der sie. nicht nur eine auf 
fallende Ähnlichkeit der Gesichtszüge gemein hat. 
Die Gemahlin Karl IV., die im Alter von vierzehn Jahren den 
damaligen Kronprinzen von Asturien heiratete, war niemals schön, 
viel eher das Gegenteil, aber sie verstand den Mangel körperlicher 
Reize mit einer raffinierten Toilettenkunst auszugleichen. Zeit 
genossen heben vor allem den häßlichen braunen Teint dieser 
Königin hervor und an demselben Schönheitsfehler krankte auch 
die Exkaiserin Zita, die heute das Dasein der Verbannten in Madrid 
lebt, in derselben Stadt, in der auch ihre Urahne einst ihr wenig 
tugendsames Dasein spann. 
Die alte Geschichte, die ewig neu ist, spielte sich auch hier ab. 
Man hatte dem Prinzen von Asturien ein sehr geschmeicheltes 
Portrait seiner Zukünftigen gezeigt, das Illusionen in ihm weckte, 
die die Wirklichkeit keineswegs erfüllte. Und der Prinz, der 
niemals ein Diplomat war noch wurde, machte aus seiner 
Enttäuschung ungalanter Weise der jungen Gemahlin gegen 
über durchaus kein Hehl. Marie Luise bekam wahrlich von 
der traditionellen Süße der Flitterwochen nicht einen Hauch 
zu spüren. 
Aber das Bild änderte sich im Laufe der Zeit. Trotz ihrer ge 
ringen Anziehungskraft verstand es Marie Luise, ihren Gatten zu 
einem obersten Vasallen zu machen, der in der Folge nur das sah 
und hörte, was seine Gemahlin für gut und richtig befand. Schon 
als Kronprinzessin begann sie den Ehekontrakt gefährlich zu durch- 
löchem. Ihr Schwiegervater machte den jeweiligen Liebschaften 
jedes Mal ein Ende, indem er den betreffenden Günstling auf 
irgend eine ferne Insel verbannte. Aber der Skandal wurde damit 
nicht aus der Welt geschafft, es war nur der Held, der immer 
wieder Gestalt und Namen wechselte. 
Der Prinz von Asturien war allerdings kein Mann, der einer 
Frau wie Marie Luise gefallen konnte. Er war ein sogenannter 
guter Mensch, der im Billardspiel und in der Jagd aufging, im 
übrigen mit Gott und der Welt in Frieden lebte, schon weil 
das eine sehr bequeme Angelegenheit war. Marie Luises Geschmack 
in bezug auf die Männerwelt war nicht gerade komplizierter 
Natur. Geistige Ansprüche stellte sie nicht. Dafür desto größere 
an äußere Schönheit. Ein stattlicher Wuchs mit der notwendigen 
Eleganz in der Gesamterscheinung fanden Gnade vor ihren Augen 
und Sinnen. Und wenn ein junger Adonis noch obenein ein 
Künstler auf der Gitarre war, so konnte es ihm bei der könig 
lichen Nymphomanin überhaupt nicht fehlen. 
Marie Luise pflegte ihre Liebhaber zumeist aus der königlichen 
Leibwache zu beziehen. Nur der erste Günstling, der Marquis 
von Teba, machte davon eine Ausnahme. 
Wie alle seine Nachfolger glaubte er mit Recht, sich eine 
glänzende Zukunft zu sichern, wenn er den Lockungen der nicht 
schönen aber eleganten Thronfolgerin nachgab. Der Marquis hatte 
jedoch den Überschwang der Gefühle einer ersten Liebesleiden- 
schaft nicht in seine Berechnungen eingestellt, dem die junge 
Prinzessin notwendigerweise erliegen mußte. Sie schwatzte von 
ihrem Abenteuer zu den Hofdamen, der König erhielt Kenntnis 
davon und verbannte den Marquis von Teba auf eine Insel der 
Antillen. 
Der Graf von Lancaster wurde sein Nachfolger. Er galt für 
den schönsten Kavalier von ganz Europa. Und er besaß, was 
Marie Luise nicht einmal verlangt hätte, Geist und Witz. Auch 
ihm schmeichelte der Gedanke, aus der Liebschaft mit der Prin 
zessin von Asturien gewisse Vorteile ziehen zu können. Auf Be 
treiben des Ministers Ploridablanca, der den König auf dem laufenden 
hielt über die verliebten Launen seiner Schwiegertochter, mußte 
der schöne Graf Lancaster nach einer fernen spanischen Insel 
auswandem. 
Seine Nachfolge trat Graf Pignatelli an, Offizier der königlichen 
Leibwache. Die Vorgeschichte seiner Verbannung ist ein ganzer 
Liebesroman, ein Eifersuchtsdrama mit unglücklichem Ausgang. 
Es war das Schicksal Marie Luises, daß keiner ihrer Günstlinge 
sie liebte, ein jeder nahm das ihm hingeworfene Taschentuch der 
Prinzessin nur um äußerer Vorteile willen auf und deshalb war 
ihr keiner der schönen Männer, die sie sich zur Befriedigung ihrer 
unersättlichen Leidenschaften hielt, treu. 
Pignatelli liebte die exzentrische, elegante und hübsche Herzogin 
von Alba, eine der tonangebenden Modedamen von Madrid und 
Hofdame der Prinzessin von Asturien. Aber diese Liebe befand 
sich noch im Anfangsstadium, denn die Herzogin gefiel sich in 
der Rolle der tugendsamen Jungfrau, die dem Geliebten allenfalls 
einen Kuß auf die Fingerspitzen gestattet — aber mehr nicht. 
Und gerade nach dem letzteren gelüstete es den verliebten Grafen. 
Er begriff die Tragweite der fiir ihn günstigen Konjunktur, als 
Marie Luises begehrliche Augen auf ihn fielen. Wenn er die 
schöne Alba eifersüchtig machte. Wenn er ihre Leidenschaft zum 
Überschäumen brachte, indem er der königlichen Frau Potiphar 
gegenüber nicht den keuschen Joseph spielte? Holde süße Mög 
lichkeiten umschmeichelten seine Sinne und spiegelten ihm ver-
        
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