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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 12 
Jahrg. 27 
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Am nächsten Morgen meldete ihm sein Geschäftsführer 
Forshmd, der zugleich Kassierer, Expedient und Inseraten- 
chef war, daß einhundertundsiebzehn Abonnenten die Zeitung 
abbestellt hätten. Einhundertundsisbzehn, die Hälfte der Auf 
lage! Knorring empfand einiges, was ihn veranlaßte, im Kon 
versationslexikon unter der Rubrik „Schlaganfall“ nachzu 
sehen. Darauf zog er seinen Bratenrock an, um zu dem ver 
kalktesten der ausgestopften Lebewesen vergangener Erd 
epochen zu gehen und sich von dem einflußreichen Mummel 
greis Direktiven zu holen. Er ging, er mußte gehen, obwohl er 
wußte, daß der berühmte Gang nach Canossa dagegen ein 
Frühlingspicknick mit Damen gewesen war. 
Se. Senilität befanden sich in einem Alter, in dem es ange 
zeigt ist, den eigenen Geburtstag als prähistorisches Ereignis 
zu betrachten. Se. Senilität äußerten in altertümlicher Sprache 
einige bemerkenswerte Aphorismen über Unzucht im In 
seratenteil des „Landesbanners“, würgten lange an dem letzten 
Satz, behielten ihn halb im Halse stecken und verfielen, ohne 
ihn zu beenden, in einen Schlaf, der sich vom Tode nur durch 
die absolute Abwesenheit jeglicher Würde unterschied. 
Unzucht im Inseratenteil! Im Inseratenteil des „Landes 
banners!“ Knorring fühlte Kometen in seinem Kopfe kreisen. 
Er stützte sich auf seinen Regenschirm, um nicht umzufallen, 
denn das Fossil hatte ihm natürlich keinen Stuhl angeboten. 
Wozu auch? Einem Manne, der ohnehin gerichtet war? 
Knorring bürstete geistesabwesend den Zylinder, ein Erb 
stück der Firma F. K. Knorring Söhne, gegen den Strich, ver 
beugte sich tief gegen den lebenden Leichnam und schwankte 
auf die Straße, Das Erbstück vergaß er aufzusetzen. 
Er ging wie ein Betrunkener und stieß beinahe einen Kinder 
wagen um. Die Frau, die den Wagen schob, wollte erst auf- 
begehren; aber als sie das verstörte Gesicht des Verlegers sah, 
fragte sie teilnahmsvoll: 
„Ist Ihnen nicht wohl, Herr?“ 
Knorring blieb stehen, sah sie tiefsinnig an, schüttelte den 
Kopf und sägte mit dumpfer Stimme; 
„Unzucht!“ 
Dann ging er weiter. Die Frau schimpfte hinter ihm her, 
denn sie bezog die Unzucht auf sich. Sie hatte nämlich zu 
fällig für das Kind im Wagen wirklich keinen Vater auf 
treiben können. 
Als Knorring in seine Privatwohnung kam, um den Likör 
schrank zu konsultieren, gab ihm das Mädchen einen Brief, 
der am Abend vorher angekommen War und den sie vergessen 
hatte, ihm rechtzeitig äuszufolgen. 
Knorring erblickte das Siegel des Amtsgerichts und spürte, 
wie seine Knie locker wurden. Er vergaß den Likörschrank 
und öffnete das fürchterliche Schreiben. Dann sah er auf die 
Uhr. Es war höchste Zeit. Er sollte um 12 Uhr beim Unter 
suchungsrichter sein, stand in der Vorladung. 
Auf dem Gericht hatte der Verleger das Empfinden, als 
ständen die Leute nur zu dem Zwecke auf dem Korridor, seine 
Schande zu sehen. Daß es auch ihre eigenen Angelegenheiten 
sein konnten, um derentwillen sie der Dame Justitia ihren 
Besuch machten, war eine zu weit abliegende Hypothese, als 
daß Knorring damit die Anwesenheit der Menschen hätte er 
klären können. 
Der Gerichtsdiener, ein glatzköpfiger Dickbauch von Garde 
maß, mit einem Patriarchenbart und einer Schnapsnase, deren 
Würde in umgekehrtem Verhältnis zu der erhabenen Auf 
fassung stand, die sich sein aikoholumnebeltes Gehirn von 
seiner Stellung als Hausknecht dieses Tempels der sogenannten 
Gerechtigkeit gebildet hatte, forderte Knorring in seinem 
pöbligen Kommißton auf, in Nummer sieben einzutreten. 
Früher hatte er stets stramm gegrüßt, heute aber stand ein 
„Angeschuidigter“ vor ihm, und nach göttlichen und irdischen 
Gesetzen war solch ein Individuum aller Menschenrechte 
verlustig. Das ist eine Dialektik, die sogar einem Gehirn- 
fcastraten von Gerichtsdiener eingeht. 
Fräulein Eufemia Ballestrem, von der mißgünstige Menschen 
behaupteten, daß sie Ehrenjungfrau bei der Thronbesteigung 
von Gustav Wasa gewesen sei — andere wieder sagten, der 
Teufel habe sie nur deshalb noch nicht geholt, weil der 
Antiquitätensaal der Hölle bisher keine vorgeschichtliche Ab 
teilung hätte — Fräulein Eufemia Ballestrem hatte an diesem 
Vormittag gerade in Grundbuch Sachen auf dem Gericht zu 
tun. Sie sah Knorring im Zimmer des Untersuchungsrichters 
verschwinden und beschloß, mit der Uhr in der Hand zu 
warten. Sie war ein gemeingefährliches Mitglied des Kaffee 
kränzchens „Immergrün“ und fühlte sich verpflichtet, für Ge 
sprächsstoff zu sorgen. Sie kam nicht ganz auf ihre Rechnung, 
denn der Verleger wurde nach zehn Minuten wegen eines 
schweren Ohnmachtsanfalles zur Hintertür, die außerhalb des 
Gesichtskreises der gewissenhaften Dame lag, hinausgetragen 
und in einer Droschke heimgefahren. 
Als Fräulein Ballestrem ihre Uhr so weit vorgeschritten 
sah, daß sie überzeugt war, in ihrer Kochkiste nur noch un 
definierbares Gemüsemus vorzufinden, *>ing sie heim. Am 
Nachmittag aber erzählte sich die ganze Stadt, der Verleger 
sei in Untersuchungshaft behalten worden. 
Inzwischen verhandelte der Patient mit dem alten Doktor. 
Es gibt nicht viele Leute in Ovickjook, die ihn je anders ge 
kannt haben denn als „alten“ Doktor. Ein jüngerer Arzt, der 
sich einmal in dem Kaff niedergelassen hatte, aber bald 
wieder fortziehen mußte, weil er mit neuen Methoden 
arbeitete, die mit ihren Erfolgen den alten Doktor arg in den 
Schatten stellten und darum als revolutionäre Bestrebungen 
boykottiert wurden, hatte sogar behauptet, der alte Herr sei 
ein Jugendgespiele von Fräulein Ballestrem. Aber das war 
eine Verleumdung. Man hatte aus dem Grade seiner Ver- 
trottelung auf dieses hohe Alter geschlossen. 
Der alte Doktor verordnete einen Aderlaß und Grog nach 
Belieben. Den Aderlaß, weil das in seinem Lehrbuch der 
inneren Medizin drinstand, von dem er vor sechzig Jahren 
nach Beendigung seiner Examina für die Praxis eine anti 
quarische Auflage gekauft hatte. Den Grog, weil er gern 
dankbare Patientengesichter sah und überzeugt war, daß Gott 
in seiner Allmacht auch in den Fällen dem Kranken die Ge 
nesung bescheren konnte, wo etwas verordnet wurde, was 
unser kurzsichtiger Menschenverstand für schädlich hält. 
Als das medizinische Relikt gegangen war, ließ der Ver 
leger Herrn Forshmd kommen. Herr Forslund erschien mit 
einem Ausdruck im Gesicht, der kuhwarme Milch zum Ge 
rinnen bringen konnte. Es war ein tragischer Augenblick. Die 
beiden saßen einander gegenüber wie ein geschlagener Feld 
herr seinem Generalstabschef. 
„Forslund!“ stöhnte der Kranke, und seine Hand spielte 
nervös auf der Bettdecke. 
„Bei den Wunden unseres Heilandes“, beteuerte Forslund 
und legte seine Linke auf die Stelle, wo in seiner inneren 
Brusttasche das Zigarrenetui steckte, „ich kann nichts dafür, 
Herr Knorring!“ 
„Wer hat die Inseratenkorrektur gelesen?“ fragte der 
Verleger. 
Forslund senkte den Kopf. 
„Niemand, Herr Knorring.“ 
„Nie—mand?“ . . . 
„Es war an dem Tage, als der eine Setzerkasten umfiel“, 
erklärte der Alte, „und wir brauchten noch Lettern. Wir 
mußten alle Mann sortieren. Die Auflage kam trotzdem zu 
spät heraus.“ 
„Wer hat den Umbruch gemacht?“ wollte der Verleger 
wissen. 
Forslund kraute sich eine Körpergegend, die, wie er öfter 
eidesstattlich versicherte, vor einem halben Jahrhundert Haare 
getragen hatte. 
„Das war der freche Kerl von Setzer, der am nächsten Tage 
verschwand, als er seinen Lohn weg hatte. Ich habe ihm nie 
getraut. Er schien mir immer gefährlich, denn er las Bücher. 
Er las sogar, was er setzte. Als die andern mit ihm den alten 
Witz machten, ihm seine eigene Todesanzeige setzen zu lassen, 
merkte er es sofort, und es gab beinahe Keilerei.“ 
Der Verleger sank in sich zusammen. „Die Sache bleibt an 
mir hängen, Forslund. Ich zeichne verantwortlich für den In 
seratenteil. Ich bin ein geschlagener Mann. Mein Gott, mein 
Gott, warum hast du mich verlassen!“ 
Nach einer Weile ließ der Verleger Forslund nach dem 
Mädchen klingeln, und das Mädchen brachte den erlaubten 
Grog. Die beiden alten Knaben verlöteten einen Becher nach 
dom andern, und ehe zwei Stunden herum waren, fanden sie 
das Leben schon wieder erträglich. Forslund wußte neue 
Stammtischwitze, und die beiden grauhaarigen Sünder zoteten, 
daß die Wände einer Matrosenkneipe schamviolett angelaufen 
wären, wenn sie es hätten mitanhören müssen. Schließlich 
mußte Forslund die inkriminierte Nummer des „Landes 
banners“ holen, und als das verhängnisvolle Inserat gefunden 
war, schepperten endlose Lachsalven durch das Lokal. Das 
Mädchen verlor fast die Pantoffel, so oft mußte sie springen, 
Grogwasser heiß zu machen. Als sie die letzte Terrine brachte, 
stolperte Forslund auf sie zu, fuchtelte ihr mit dem „Landes 
banner“ vor der Nase herum und gluckste: „Einen Ziegenbook 
... hiok ... mußt du heiraten, Mädchen! Er zahlt dir’s Geld 
zurück... hick ... wenn du keine kleinen Zicklein kriegst.. 
Und der Verleger saß in seinem Bett und schwenkte den 
Becher und ließ den Ziegenbook hochleben. Da ging das 
Mädchen fort, um Einkäufe zu machen, denn sie merkte, daß 
es Zeit war, die weitere Zufuhr geistiger Getränke einzustellen. 
Am nächsten Tage jedoch wandelte Forslund in einem wahr 
haftigen Tal der Tränen. Er erhielt mit der Nachmittagspost
        
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