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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jahrg. 27 
Nr. 11 
Häusermeere. Oder man jagte durch die endlosen Vieh 
weiden Brasiliens oder sann gedankenverloren in die 
Schönheit italienischer Landschaft. 
Da loderten schwarze Zypressen in den rotglühenden 
Abend am Trasimenischen See und unter dem aben 
teuerlichen Geäst eines Ölbaumes lehnte der Hirten 
bub in Träumen. Ganz in Träumen. Sein lässiger Arm 
hob eine Flöte an die Lippen. Und über die weite Flur 
sang und schwang und schnellte ein vor Süßigkeit 
trauriges Lied. 
Sie hatte den Hirtenbub lange betrachtet. Die Jacke 
hing ihm über die Schulter und ließ den sehnigen Kör 
per halb bloß. Den hatte die Sonne wie Kupfer ge 
bräunt. Das schwarze dichte Haar hing ihm über die 
Stirn bis zu den Brauen, die sich in feingezeichnetem 
Bogen über sehnende Augen spannten. 
Die zahmen Reize des Jünglings hatten sich tief in 
ihre Sinne eingeschmeichelt. Jetzt, wo sie wieder daran 
dachte, wurde sie dessen erst recht gewahr . . . 
Frau Thea Dewitz schrak zusammen. 
War es wirklich der Jüngling mit der Flöte, an den 
sie dachte? Umschmeichelten, tasteten nicht ihre Blicke 
die schlanken Linien des Pagen ab, der ihr gegenüber 
die schwere Türe mit den Facettgläsern drehte? Seit 
Stunden schon drehte? 
Frau Thea Dewitz hob sich aus den tiefen kühlen 
Polstern des Sessels und ging zur Türe. Der Page drehte 
die schweren Facettscheiben und sah der stolzen Dame 
nach, die keinen dankenden Blick für ihn hatte. 
Am Nachmittag aber saß Frau Thea wieder im Sessel 
und sah bewußt mit tastenden Blicken nach der drehen 
den Türe. 
... In der Nacht träumte Frau Thea vom italieni 
schen Hirtenbub. Der stand im Foyer des Hotels und 
drehte die schweren blitzenden Facettscheiben. Die Vor 
nehmen Gäste wunderten sich über den Jungen mit der 
bloßen Brust und den armseligen Lumpen am Körper. 
Und dann stand wieder der Page vom Hotel mit 
seiner knappen, grünen Uniform unter dem abenteuer 
lichen Geäst jenes Ölbaumes und spielte die Flöte. Und 
sie — Thea Dewitz — ging auf ihn zu, nahm ihm sachte 
die Flöte aus der Fland, bog seinen Köpf zurück und 
küßte seine frischroten Lippen. 
Als Frau Thea erwachte, wurde ihr bewußt, daß sie 
von Stimmungen beherrscht wurde, die ihr Handeln ge 
waltsam bestimmten. Sie war nicht mehr Frau Thea 
Dewitz, sie war irgend eine andere, der die Meinung 
der Gesellschaft gleichgültig war und die unbeschadet 
mit ihrem Rufe spielen konnte. 
Mit heißem Herzen und klopfenden Pulsen wartete 
Frau Thea auf den Nachmittag. In der Zeit von 1 bis 3 
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