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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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Jahrg. 27 
Nr. 11 
/ 
iyeiga 
/. „Der Pedant als Ciebfoaber" oder „Das Kopierbu.dp". 
er Dichter erzählte: 
„Ja, so war es. Es gab allerlei schaurige 
Dinge, aber doch auch mancherlei schnur 
rige Episoden, die man in der „großen 
Zeit“ zu erleben bekam. Mit uns Leuten 
von der Feder, sofern wir nicht einwands- 
frei „k. v.“ waren, und das ereignet sich ja 
bei unserer ungesund „sitzenden Lebens 
weise“ verhältnismäßig selten, wußte man, 
wie auch sonst im Leben, herzlich wenig an 
zufangen. Wir sind und bleiben nun mal die „Leute vom ver 
fehlten Beruf“. Man bevölkerte zuvörderst alle Bureaus und 
Kanzleien mit uns, in der nicht ganz irrigen Meinung, daß 
der Federkiel das uns angeborene (wenn nicht eingeborene) 
und einzig angemessene Werkzeug sei, das wir. nunmehr in 
den Dienst des Vaterlandes zu stellen hätten. Ob besagter 
Federkiel, der bisher vielleicht klassische Oden gefügt oder mit 
dramatischer Dynamik in überfüllten Bühnenhäusern die Ur- 
beweger „Furcht und Mitleid“ in Aktion gesetzt oder vielleicht 
auch nur hauchzarte, lyrische Gebilde aus dem seidigsten 
Wortgarn gesponnen, galt gleich. Die Feder konnte schreiben; 
also mußte sie nunmehr . . . auf Feldwebels Geheiß . . . 
Zahlenkolonnen über Zahlenkolonnen in geheimnisträchtige 
und mächtige Bücher eintragen oder gewissenhaft vermerken, 
wieviel hunderttausend Pfund Hülsenfrüchte oder Dörrobst 
oder Fußlappen oder Buchenlaubtabakersatz für die Ver 
sorgung einzelner Teile der hin- und herflutendcn Riesenheere 
erforderlich waren. Mancher „Poeta laureatus“, den vielleicht 
der Schiller- oder Grillparzer- oder Bauernfeldpreis oder gar 
die höchste Ehrung des Nobelpreises zierte, sah sich plötzlich 
auf irgend einem weltverlorenen Bahnhof, wo er als ver 
achtetes „Etappenschwein“ die Kontrolle zu führen hatte über 
die Margarinestullen, die Tassen Kaffee (Ersatz) und andere 
Liebesgaben, die den durchtransportierten Truppenteilen ver 
abreicht (und registriert) wurden. Ja, ja, der Größenwahn 
des arrogantesten „Dichters und Denkers“ kriegte einen ge 
hörigen Klapps ab. 
Ich hatte verhältnismäßiges Glück, indem ich als sogenannter 
Kriegsberichterstatter an den Sitz des Kriegspressequartiers 
höchstselbst befohlen ward. Mein Standort war demnach fort 
ab Charleville,. wo ich zahlreiche Schicksalsgenossen antraf, 
und von wo wir nur in gemessenen Zwischenräumen unter 
einer hinreichenden Obhut hoher militärischer Vorgesetzter 
per Automobil an irgend einen feuer- und kugelsicheren Front 
abschnitt verfrachtet wurden, um daselbst in gebührender 
Ehrerbietung aus dem Munde besagter Vorgesetzter unsere 
kriegerischen Eindrücke zu vernehmen und aus diesem wohl- 
geordneten Material alsdann unsere wildromantischen Impres- 
sibnen aus halb zerstörten, verschütteten, aber mannhaft 
gehaltenen Schützengräben (die wir niemals gesehen) oder 
schweflig vergasten Feuerlinien (deren Bekanntschaft wir 
ebensowenig gemacht) stilvoll zu formen und den von uns 
bedienten Zeitungen der Heimat zu übermitteln hatten. Unser 
Daseinszweck hieß gemeinhin: Stimmung im Hinterlandc hoch 
zu halten (bisweilen auch „aufzupumpen“), und unsere Tätig 
keit war von dem Segen einer gewissen Beschaulichkeit über 
blüht. Daß wir „Federfuchser“ von unseren wirklichen mili 
tärischen Kameraden in Charleville mit sonderlichem Respekt 
behandelt worden wären, konnte man füglich nicht behaupten. 
Indessen, wir setzten uns über diesen offensichtlichen Mangel 
kameradschaftlicher Hochschätzung hinweg, indem wir es uns 
in den Intervallen zwischen unseren Front- und Feuererleb 
nissen in dem französischen Kleinstädtchen bei Wein, Weib 
lichkeit und anderem Komfort für rauhe Krieger nach Kräften 
wohl sein ließen. Ich hatte in einem freundlichen Bürgerhause, 
das von seinen ursprünglichen Bewohnern verlassen war, zwei 
behagliche Stuben angewiesen bekommen mit all dem bunten 
Bric-a-Brac und dem etwas großväterlichen Zierat, der fran 
zösischen Kleinbürger-Häuslichkeiten zu eigen ist. Der 
ungewöhnliche Luxus meiner Behausung aber (unge 
wöhnlich bei französischen Wohnungen), um den ich allgemein 
beneidet wurde, war ein kleiner Raum für . . . intimste 
menschliche Bedürfnisse, ein kleiner Raum, sagte 
ich, aber mit der großen Sensation einer wohlfunktionierenden 
. . . Wasserspülung. Mithin das, was man in den Bereichen 
mitteleuropäischer Zivilisation ein „W.-C.“ zu nennen pflegt. 
Und nun kam das Seltsamste: mein doch nur interimistisch 
in Besitz genommenes Quartier schien vordem von einem 
überaus korrekten, ja, man dürfte wohl schon sagen, pedan 
tischen Bürgersmann bewohnt worden zu sein. Denn siehe; in 
jenem, intimster Menschlichkeit geweihten Raum, befanden 
.sich auch jene gewissen, viereckig geschnittenen Blättchen, die 
man in solchen Räumen anzutreffen gewohnt ist. Nur das 
diese sorgfältig geschnittenen und geschichteten Blättchen 
nicht aus dem eigens für diese Zwecke hergestellten, dünn- 
faserigen Papier bestanden, sondern, daß sie vielmehr offen 
sichtlich einem ehemaligen . . . Kopierbuch entstammten. 
Lind zwar einem Kopierbuch, das in der überaus sauberen 
und etwas ängstlichen Handschrift eines Menschen geschrieben 
war, der dem Leben und dem Schicksal gegenüber sozusagen 
ständig in „Habachtstellung“ zu verharren schien. In dieser 
immanenten Ehrfurcht vor dem Begriff „menschliches Dasein“ 
hatte der Besitzer und Verwalter besagten Kopierbuches denn 
auch alle Ereignisse und Begebenheiten, nicht nur seiner beruf 
lichen Existenz . . . (er schien ein wackerer Kleinhandelsmann 
gewesen zu sein, der Soll und Haben seines Siebenkrämchens 
sorgfältig aufgezeichnet hatte) . . . sondern darüber hinaus 
auch die sentimentalen Begleitumstände seines Lebenslaufes, 
besonders da, wo sie sich zu amoureusen Episoden 
verdichtet hatten, gewissenhaft zu Papier gebracht und . . , 
noch gewissenhafter ... in sotanes Kopierbuch übertragen. 
So kam es, daß ich in der unromantischsten Situation, die 
einem Menschen Vorbehalten ist, sozusagen in einem Zustande 
selbsttätig animalischer Funktion, wo Geist und Phantasie 
gemeinhin zu verstummen pflegen, ohne meinen Willen und 
mein Zutun in die lyrisch-romantische-dramatische Episode 
einer mir völlig unbekannten, menschlichen Existenz verwickelt 
ward. Justament auf den Blättchen nämlich, die meinem 
täglichen Gebrauch dienten, hatte mein pedantischer Vor- 
wohner eine ganz reelle Liebesgeschichte mit einer 
mir unbekannten Mademoiselle X. in allen Einzelheiten 
pathetisch dargestellt. Hier saß ich, ich konnte nicht anders, 
Gott helfe mir . . . Amen! Jedesmal, daß ich in die Niede 
rungen tierischer Notdurft hinabsteigen mußte, mußte ich 
mich auch gleichzeitig wieder in die Höhen romantisch be 
schwingter Menschlichkeit einportragen lassen, Denn siehe, 
auf den Blättchen, die ich sparsam, aber doch mit einem ge 
wissen soldatischen Ordnungssinn zu verbrauchen gezwungen 
war, standen alle Fort- und Rückschritte von „Gewähren und 
Versagen“ der Herzallerliebsten meines Kopierbuch-Autors 
mit unerbittlicher Genauigkeit verzeichnet. Mademoiselle X. 
schien ein ausgekochter kleiner Racker ... so, was man im 
höheren Sprachgebrauch eine ,,C a n a i 11 e“ zu nennen pflegt, 
gewesen zu sein, ihr schreibseliger Verehrer hingegen ein 
rechtschaffener Tolpatsch und Dummkopf in eroticis. So mußte 
ich denn, und man denke, ausgerechnet in dieser Lebenslage, 
alle einzelnen Phasen (und Phrasen) mitmachen (oder vielmehr 
nacherleben), vom ersten schüchtern gestammelten Geständnis 
an bis zum ersten Händedruck unter dem Tisch, dem ersten 
Stelldichein unter dem Hollunderbusch, wo Fräulein Canaille 
ihren Trautgesell neckisch versetzte; vom ersten, unter Zittern 
und Zagen geraubten Kuß und der .als Antwort wohlgezielten 
(wenn auch nicht gerade bitter ernstlich gemeinten) Backpfeife, 
die Mademoiselles lose Hand mit einer Grazie verabreichte; 
von den ersten minnesamen Geschenken des Liebenden an die 
Geliebte (hier wurde der kaufmännische Registrator natur 
gemäß besonders ausführlich, indem er die Unkosten, die seine 
He; :dame ihm . . . und bisher ohne jegliche Gegenleistung . . . 
auf Heller und Pfennig verrechnete und in die Kolonnen 
seines Kopierbuches, unter genauer Angabe der Gegenstände, 
ihres Wertes und der Bezugsquelle ... ja, sogar der Um 
tausch- und Rückgabemöglichkeit . . . eintrug. 
Schließlich, man konnte offenbar nie wissen, wie die Dinge 
sich noch entwickeln würden.
        
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