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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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Jahrg, 27 
Nr. II 
ie heiße Sommersoime scheint in das Boudoir der 
Komtesse Eleonora von Czyatowska. Sie kitzelt ihr 
hübsches Naschen, daß sie von Zeit zu Zeit niesen 
muß. Aber sie hält sie nicht von der Arbeit ab. 
Eleonora malt. Sie hat das Miniaturmalen in Paris gelernt, 
wo sie alles gelernt hat, was die Tochter eines Starosten 
braucht: die neuesten Tänze, Französisch parlieren, die neueste 
Literatur, kurz, alles, was das Leben auf dem verwahrlosten, 
weltabgeschiedenen Familiengut etwas erträglich macht. 
Sie malt auf einer kleinen Elfenbeinplatte einen Amor. Der 
Amor ist rund und gesund und seine großen dunklen Augen 
sitzen in dem weißen Gesicht wie Rosinen im Kuchenteig. 
Eleonora ist stolz auf ihre Kunst. Eines Tages wird sie einen 
Bazar eröffnen, wie man es in der großen Pariser Gesellschaft 
in allen Salons macht, und sie wird alle hochgeborenen Nach 
barn einladen und sie wird ihre Kunstwerke zum Besten der 
Armen versteigern. 
Der lustige Klang einer Ziehharmonika schreckt sie aus ihren 
schönen Träumen auf. 
„Maritzkal“ 
Das Kammermädchen läuft eilends herbei. Sie hat gerade in 
den seidenen Wäschestücken ihrer jungen Herrin gestöbert 
und hat ein schlechtes Gewissen. Aber Angst hat sie nicht. 
Die alte Gräfin verteilte in solchen Fällen Ohrfeigen und 
Schlimmeres. Die Junge ist nicht so; sie runzelt nur die Stirn 
und das tut den Backen nicht weh. 
„Maritzka, hat der Leibeigene Jegor nicht heute Hochzeit?“ 
„Ja, Herrin, heute.“ Und Maritzka kichert ein bißchen. 
„Warum lachst du?“ fragt Eleonora streng. 
„Weil die Herrin fragt und weil Annuschka doch heute zum 
hochgeborenen Herrn Grafen 
Eleonora läßt sie nicht ausreden. Flammende Röte übergießt 
ihr Gesicht, daß es einen Augenblick in der Farbe ihrem 
Amor ähnelt. „Du lügst. Es ist eine Lüge, daß Annuschka —“ 
Sie bekommt den Satz nicht zu Ende. 
Maritzka tritt zurück. „Wenn die Herrin meint —“ sagt sie 
bescheiden. 
Eleonora beugt sich wieder über ihr Elfenbeinplättchen. 
„Du vergißt die neue Zeit, So etwas gibt es doch nicht mehr?“ 
Das klingt wie eine Frage und Maritzka versteht sie auch 
ganz richtig. „Es ist bei jeder Hochzeit so üblich“, sagt sie und 
setzt schnell hinzu: „Natürlich nur bei uns Leibeigenen.“ 
„Es kann gar nicht sein“, murmelt Eleonora. 
„Ja, wie denn? War es nicht immer so?“ 
Eleonora fühlt, daß man sie belehren muß. „Ist es etwa ein 
Naturgesetz, wie? Du solltest einmal dieses Buch hier lesen“, 
und sie greift schon nach Rousseaus „Emile“. Aber das ver 
dutzte Gesicht des Mädchens zeigt ihr, daß sie es anders an 
fangen muß. Die Unglückliche kann ja gar nicht lesen. 
Ärgerlich schickt sie sie hinaus. Diese Bauern sehen alledem 
zu wie die Tiere. Nein, sie muß bei ihren Kreisen anfangen. 
Aber wie? 
Plötzlich wirft sie die Malerei hin und läuft hinaus zu ihrem 
Vater, durch den Korridor mit den Elch- und Hirschgeweihen, 
durch einige halbverfallene Zimmer, und stürmt, ohne anzu- 
kiopfen, herein. 
Der alte Graf Czyatowski ist noch gar nicht recht vom 
Mittagsschlaf erwacht, als sie ihre Rede schon halb heraus 
gesprudelt hat. Er hat nur etwas von „Naturgesetzen“, von 
dem frei geborenen Menschen und von Rousseau gehört und 
blickt sie genau so verständnislos an, wie vorhin Maritzka. 
Während sie, erst sprudelnd, dann immer stürmischer-ihn zu 
überzeugen sucht, angelt er nach dem zweiten Pantoffel, der 
sich im Bett verkrochen haben muß, und denkt: „Mon Dieu, 
was für ein Temperament das Kind hat! Der gute Stanislas 
Zelewski kann sich gratulieren, wenn er sie kriegt.“ Und seine 
schlaffen Lider heben sich neugierig. 
Nun ist Eleonora fertig. „Nicht wahr, Papa, du bist meiner 
Meinung?“ 
„Nicht ganz, cheri. Adel beruht auf Überlieferungen. Wenn 
er sie aufgibt, gibt er sich selber auf.“ 
„Dann soll er sich aufgeben! Der Mensch ist frei. Du weißt 
es nur noch nicht. Ich will es dir aber beweisen.“ Sie beweist 
es mit vielen Zitaten aus Rousseau. Sie hat alles von ihm 
gelesen. Sie hat ihn sogar mit ihrer mütterlichen Freundin in 
Paris gesehen in der Rue Platriere, verehrt wie einen Gott, 
gekleidet wie ein Bettler. Sie ist Feuer und Flamme. 
Der Graf hat seinen zweiten Pantoffel wiedergefunden und 
damit seine Überlegenheit. Er lächelt duldsam und versucht, 
das erregte Töchterchen am Kinn zu kitzeln. Aber sie sprüht 
wie eine gereizte Katze. 
Der dicke Mann begreift gar nicht, daß sie sich für diese 
Leute aufregt. Er begreift nur, daß er sich mit ihr auseinander 
setzen muß. „Aber, ich bitte dich, bijou, es ist doch längst 
nur eine Formsache “ 
Sie stampft auf, daß der hohe, nadelspitze Absatz abzu 
brechen droht. „Eine Formsache — eine Formsache!“ Weiter 
bringt sie nichts hervor. Sie zittert vor Wut. 
Während der Vater bedauert, daß er der allgemeinen Mode 
gefolgt ist und seine Tochter ins Ausland geschickt hat, be 
ginnt Eleonora von neuem ihn zu überzeugen; diesmal fährt 
sie stärkeres Geschütz auf: sie kennt ganze Kapitel Rousseaus 
auswendig. 
Er beginnt, sich sträflich zu langweilen. Solche Sachen lesen 
die jupgen Leute von heute also? denkt er — wir lasen anderes, 
mon Dieu, wenn wir schon Französisch lasen . , . 
Er will sie nach Crebillon und Diderots Nonne fragen, aber 
er überlegt sich noch rechtzeitig, ob sich das wohl für ein 
junges Mädchen passe. Nein, es schickt sich wohl nicht, daß 
er von seinen literarischen Kenntnissen hier spricht . . . 
„Nicht wahr, dies sogenannte Recht existiert nicht mehr 
bei uns?“ 
Er schmunzelt. „Du wirst mir am Ende noch zumuten, alle 
Leibeigenen freizumachen?“ 
„Gewiß.“ 
„Du vergißt, daß wir dann betteln müßten und daß du dann 
arbeiten müßtest, mon bijou.“ 
Damit hatte er öl ins Feuer gegossen. Als ob sie etwas 
anderes wünschte! Als ob es nicht überall in den guten Kreisen 
Mode sei, auf dem Lande zu arbeiten!! Als ob nicht Marie 
Antoinette im Trianon sich eine Ströhhütte auf gebaut habe, um 
Lämmer zu hüten! ln ihrer Pension hätten sie seidene Bänder 
gestickt für ihre Lieblingslämmer zu Hause . . . 
Er lachte breit und schwer. Aber er ist viel zu müde, um 
diesen Kindskopf da zu belehren. „Was würden wohl die 
Nachbarn dazu sagen? Etwa der Stanislas Zelewski, he?“ 
„Unser Vorbild würde sie bessern. Ist nicht die Reinheit 
und Einfachheit der Sitten das Natürliche und nur durch die 
Kultur vernichtet worden?“
        
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