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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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or Jahren hatte ich sie kennengelernt. 
Es war draußen, in Schlachtensee. An 
jenem berühmten deutschen Maiabend. 
Ich war blutjunger Student, hatte 
während des Wintersemesters über die 
Maßen gebüffelt und war nun hungrig 
jener Mainächte, in denen dem feucht- 
warmen Boden Säfte voller Sehnsucht 
entsteigen. In denen das Blut wie junger 
Wein gärt, in denen die Schläfen unruhig pochen und in 
denen man in den Fingerspitzen ein Gefühl nach Frauen zu 
haben glaubt, das unwiderstehliche Forderungen stellt. 
Und sie war damals ein kleines, süßes Berliner Mädel, eines, 
das noch nichts wußte von kokottenhafter Gier nach Geld, 
dessen Träume noch nicht begannen bei Gerson und endeten 
bei Hiller. Das noch nichts wußte von jenen traumhaft 
üppigen Boudoirs am Bayerischen Platz, und das sich noch 
über ein Paar niedliche Goldkäferschuhe zu freuen vermochte. 
Sie hieß damals Lucie, und dieser Name bedeutete für mich 
soviel Trunkenheit des Lebens, soviel Rausch der Liebe, daß 
ich ihn nur in verschwiegensten Stunden heiß flüstern konnte. 
Und Lucie hatte Hände, deren Weichheit schon damals eine 
Vorahnung bestrickender Spiele gab, deren Meister diese 
schmalen schlanken Gertenfinger einmal werden sollten, 
Ich liebte Lucie mit solch stürmischer Glut, wie sie nur der 
Jugend unbedingter Glaube kennt. Und sie liebte mich mit 
all der Zärtlichkeit ihres kleinen Modistenherzens, mit all der 
Süße, die ihren schmalen Lippen und ihre schlanken Glieder 
ausströmten. Sie war mein Maierlebnis, wurde mein Sommer 
nachtstraum und sollte sogar noch mein Wintermärchen 
werden. 
Da aber vollzog sich in Lucie eine Wandlung, die sie wohl 
bestrickender, mir aber auch in doppeltem Sinne teurer 
machte. Ihre „Liebe“ begnügte sich nicht mehr mit Schlachten 
see und einem kleinen Kaffee in der Potsdamer Straße. Sie 
wollte in höhere Sphären eindringen, war nicht mehr mit 
Batist zufrieden, sondern stellte ihre Anfprderungen auf Opal 
und schritt im Äußeren vom duftigen Musseline zum schwer 
fallenden Crepe Georgette fort. Das waren alles Umstände, 
denen mein damals bescheidenes Portemonnaie nicht mehr ge 
wachsen war. Aber, wie gesagt, ich liebte sie doch nun ein 
mal, und so begann mein Debet ungeheuerliche Dimensionen 
anzunehmen. 
Im übrigen wußte Lucie ein Mittel, ein unfehlbares, um 
meine Gebefreudigkeit ihrer Aufnahmefähigkeit anzupassen. 
Sie kokettierte einfach mit anderen, in geschickter Spekulation 
auf meine damaligen jugendlich-eifersüchtigen Regungen. Das 
ging solange ganz gut, solange ich noch irgendwie Kredit hatte. 
Aber dann kam das tragische Ende. 
Er, der Leutnant vom ersten Garderegiment zu Fuß, der 
monokelbewährte, und von Vaters Gnaden mit überreichen 
Wechseln versehene, trug den Sieg über mich davon. Lucie 
ging von dannen. Indem sie mitleidig einige Abschiedstränen 
vergoß, von einem zuckenden Herzen sprach, und mir im 
übrigen einen Vortrag über das „Savoir-vivre“ hielt, von dem 
ich offensichtlich nichts verstünde. 
Nun, nach drei Tagen hemmungsloser Raserei gegen die 
unschuldigen Bettpfosten meiner Studentenbude, ergab ich 
mich in mein Schicksal: Ich tröstete mich mit einem anderen 
aus jener heute leider ausgestorbenen Kategorie süßer Mädels, 
die ich diesmal in Nikolassee entdeckte. Nur, Lucie, die feine, 
geschmeidige, die, deren Haar so unsagbar duftete, deren 
ganzes Wesen eine aufpeitschende Melodie war, nur Lucie 
war es nicht. 
Einmal traf ich sie übrigens wieder. Das war acht Jahre 
später, im Berlin der Inflationszeit. Da erbrach sie graziös 
einen Hummer und nippte unvergleichlich am Sektkelch. Aber 
neben ihr saß nicht der Leutnant von einst, sondern ein 
kleiner, rundlicher, beweglicher Herr, dessen Haarwuchs der 
Vergangenheit angehörte, und dessen Vergangenheit offen 
sichtlich der Mulackgasse angehörte. Das war im Nelson 
theater. Wir beide sahen diskret aneinander vorbei, ich viel 
leicht mit ein bißchen Ironie, und sie mit ein wenig Be 
schämung, 
Dann würfelte mich das Schicksal nach Paris, der Stadt der 
Städte, nach jenem Moloch, in dem die Liebe graziöser und 
kultivierter ihre goldene Peitsche schwingt, als anderswo auf 
dieser runden Welt. 
Ich bummelte an einem jener von Eleganz geschwängerten 
Nachmittage den Boulevard de la Madeleine hinunter, an der 
Unzahl Cafes vorbei, in denen sich die Pariser Monde ihr 
Five o’clock Rendez-vous gibt. Vor den in dunkelvioletter 
Seide gehaltenen Schaufenstern des Photographen Larousse 
blieb ich stehen, instinktiv, wieder von jenem Fingerspitzen 
gefühl der Jugendzeit getrieben. Und siehe da — inmitten 
schöner Frauen entdeckte ich das Bild einer gewissen Lucienne 
Andier — die Namenszüge waren mit graziöser Hand, flüchtig 
unter das Bild gemalt —, deren Ähnlichkeit mit einer gewissen 
Lucie unbestreitbar war. Das war dasselbe krause, unwillige 
Haar, das waren dieselben schmalen Finger, das war derselbe 
bubenhafte Körper, mit jenen Formen, die nur angedeutet 
scheinen und deren Andeutung doch schon soviel Reife birgt. 
Das war Lucie selbst, unzweifelhaft, nur noch mondäner, nur 
noch allgefälliger geworden, als ich sie vom Nelsontheater her 
kannte. 
Und da ich in Paris noch kein weibliches Wesen kannte, das 
mir mit „Schalen reifer Früchte schwer“ die Stunden der 
Muße ausfüllte, machte ich mich naturgemäß auf die Suche 
nach Lucienne Andier. 
Ich irrte von Cafe zu Cafe, von Tanzdiele zu Tanzdiele, von 
einem Hotelvestibül zum andern, ich durchstreifte die galanten 
Restaurants, ich unternahm mehrere Attacken auf die Polizei, 
die über öffentliche Zucht und Sitte wacht — alles war ver 
gebens. Bis wieder einmal der Zufall mir helfend unter die 
Arme griff und mich vor dem reizenden Lustschlößchen 
Trianon bei Versailles mit den Insassen einer ebenso schweren 
wie eleganten Limousine bekannt machte. Das waren zwei 
Engländer* zwei distinguirte Herren in jenen berühmten 
besten Jahren, die nach ihren Erzählungen große Güter in der 
Grafschaft Norfolk ihr Eigen nannten und mir im übrigen 
versprachen, mir eine der Hauptattraktionen in Paris an 
diesem Abend zu zeigen. 
Sie holten mich auch, wie versprochen, mit ihrem Wagen 
von meinem Hotel ab, und entführten mich hinaus nach 
Neuilly, jenem eleganten Vorort von Paris, der sich im 
Norden an das Bois de Boulogne anschließt. Die Attraktion 
des Abends bildete Frau Lucienne Andier, die Besitzerin des 
galantesten Hotels von Paris, die insofern etwas Außerge-
        
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