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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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Nr. 11 
Jafirg. 27 
DER/ GELIEBTE 
Auf der Fahrt, Montag. 
Süße Claudia; 
Ich denke an Dich auf der Fahrt. Es ist die zweite Nacht 
schon, die zwischen Dir und mir liegt. Ich fahre immer noch. 
Ich sah ein paar Landschaften voll Herbheit und Anmut. In 
D. fiel ein Mann aus dem Wagen. Am Mittwoch bin ich auf 
der ersten Station meiner Ferien. 
Ich bin ganz voll Sehnsucht; ich möchte jetzt mit Dir zu 
sammen sein, vorbei an den Städten fahren, an den blitzenden 
Nachtdörfern, über die Brücken donnern. 
Ich bin Fieber, Feuer, Glut. 
Ungeheuer ist mein Durst nach Küssen. 
Ich grüße Dich eilig, herzlich, innig, freudig. 
Anio. 
* 
Anio zu der jungen, kastanienbraunen und klingend lachen 
den Dame im Kupee; 
Gewiß, meine Gnädigste, nichts wäre für mich be 
glückender, als mit Ihnen in Verbindung zu bleiben. V. ist 
eine reizende Stadt, verschwiegen, voll Grün, viele Garten 
straßen . . . Ich unterbreche meine Fahrt gerne, eine famose 
Idee: ich bleibe den Tag und die folgende Nacht ... Es wird 
eine süße Nacht werden, eine zarte Nacht . . . Ich freue mich. 
Ich freue mich. — Wir wollen Freunde sein, mehr noch; 
Geliebte.“ ... 
* 
In A. 
Liebe Claudia: 
Ich bin nun hier mitten in wunderbaren und tiefen Wäldern, 
die den Atem ihres Grüns bis an die Häuser schlagen. Das 
Gesicht des Himmels ist hoch und blau, ein Zug leichter 
Wolken segelt vor meiner Fensterscheibe vorbei. 
Gewiß: diese Landschaft ist schön und bezaubernd, nur 
Wildnis und Grün. Die Wälder, uralt, vermoost, mit herr 
lichen, brennenden Feuernelkenwiesen. Die Waldbäche 
rauschen in meinen Schlaf herein. Der Mond liegt wie auf 
Samt in den Nächten. Die Ruhe ist von unbeschreiblicher 
Feierlichkeit. Aber ich trage trotzdem mein Herz unbefriedigt 
und unrastig hindurch, das allein ist in der großen Fülle des 
naturhaften Rahmens; 
Denn ich bin verbrannt von den Gefühlen der Sehnsucht. 
Unruhe bewegt mein Blut und ich freue mich jetzt schon auf 
den Tag der Rückfahrt. 
Mein Herz ist aufgewühlt, Claudia! 
Mein Mund ist begehrend, Claudia! 
Ich möchte das Unbeschreibliche dieser Sehnsucht bis zur 
tiefsten Erschauderung und bis zur höchsten Qual erleben ... 
Ich gehe jetzt, geliebte Claudia — es ist ein Uhr nach 
mittags — in den Wald, den schwarzen und schäumenden 
Sausbach entlang. Ein romantisch-melancholischer und wun 
dervoller Weg über Felstrümmer und vermorschte Baum 
stümpfe hinweg. Vorher werfe ich Dir noch mein Herz zu, 
fange es auf und lasse es bei Dir ruhen. 
Mit leichten, vielen Küssen 
Dein Anio. 
Anio ging darauf wohl in den Wald, aber nicht allein. Mit 
ihm ging die Privatbeamtin Elisabeth Pokorny aus Wien. 
Anio sagte zu Elisabeth: „Elisabeth, schau, das wird alles 
nicht so schlimm sein, wenn du in Wien und ich wieder in 
Köln bin. Ein bissei weit ist es ja. Das ist wahr. Aber für die 
tiefe, wahrhafte Liebe meines Herzens zu dir ist das kein 
Hindernis, ja, sogar ein direkter Ansporn. Du wirst schauen 
eines Tages, ganz unvermutet, bin ich bei dir: diese Über 
raschung für dich. 
Also geh Elisabeth, sei nicht melancholisch deswegen, komm, 
Süßes, Drolliges, lass’ dich küssen“ . . . 
In K. 
Meine Taube: 
Ich schreibe Dir weiter, tief heraus aus der Mitternacht, in 
der ich sitze und an Dich denke. 
Immer dies: denken, denken, denken. Dich umfliegen mit 
dem Geschwader meiner Gedanken. 
Es ist seltsam, dies alles zu tun, es ist aber vergeblich. Das 
Körperliche, das, was Du bist, das Fleisch, das Haar, Arm, 
Augen, Mund, die Hände: ich zaubere es nicht herbei. Es geht 
vielleicht durch meinen Traum und macht ihn unruhig und 
dunkel. 
Du bist fern, wie gewaltig ich auch Dein Bild in mir auf- 
leuchten lasse. 
Du bist fern: oh unendliche Tragik! 
Ich warte auf Dich! 
Gesänge klingen in mir! 
Claudia: ich bin Feuer. Claudia: ich bin Glut. 
Gute Nacht, meine Göttin. Sterne über Dich, Flieder über 
Dich, Rosen über Dich, Wein und Purpur über Dich. 
Halleluja rufe ich Dir zu, bald bist Du da bei mir und ich 
bei Dir. Ich juble Claudia, ich juble . . . 
Dein Anio. 
Anio, zu sich selbst: „Ein hübsches Stubenmädel, die Ines.“ 
Er zieht seine Uhr: „Jetzt ist es zehn. Um halb elf wird sie 
kommen.“ 
* 
REGEN 
Arthur Siißergfeit 
Sieb den Regen niedertröpfefni 
Seine Arabesken Bfitzen 
Schöner noch afs Brüssfer Spitzen 
Scbfände Mädcßenbände kföpfefn. 
Mancbmaf in der Lüfie Schwebe 
Lockert er der Sifberfäden 
Zartes, flimmerndes Gewebe 
Und entsendet einen jeden 
Zitternd zu dem Heim der Geigen, 
Die mit ihren Mefodien 
Ihre Gäste zu sich ziehen 
Bafd zu gfeiebgestimmtem Reigen.
        
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