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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

JaSrg. 27., 
Nr.tt 
"Metamorphose 
Evelyn, die schlanke Lady, 
Fühlt im Herzen arge Pein, 
Denn sie wollte nicht mehr Mädi, 
Wollte lieber Junge sein. 
Ungeahnte Glut verzehrte 
Ihres Leibes Wohlgestalt. 
Nachts in wilden Träumen gärte 
Ihres Blutes Sturmgewalt. 
Eingewühlt in weiche Kissen 
Litt sie unter irrem Drang 
Und mit seufzenden Ergüssen 
Wehrte sie dem Überschwang. 
Doch vergebens! Etwas Fremdes 
Sprang hervor aus Nebelgrau. 
Unter’m Duft des Spitzenhemdes 
Straffte sich ihr Gliederbau. 
Einen Kragen, steif von Leinen, 
Schlingt sie um das Hälschen zart, 
Lange Röhren an den Beinen 
Flattern ihr nach Männerart. 
Mit der scharfen Schere schneidet 
Sie sich fort des Haares Schopf, 
Nicht ein Mädchenlöckchen leidet 
Sie, nur strengen Bubenkopf. 
Den Spazierstock in den Händchen, 
Zigarette in dem Mund, 
So markiert sie flott das Männchen 
Im Kaffee zur Abendstund’. 
Ein pikantes Abenteuer 
Ist der Sehnsucht holdes Ziel. 
Leidenschaftlich glüht das Feuer 
In dem Busen, ziemlich schwül. 
Eine blonde Maid gesellt sich 
Bald am Tisch zu Evelyn. 
Man begrüßt sich, man gefällt sich, 
Man scharmiert. Die Wangen glüh’n. 
Evelyn benimmt sich männlich 
Wie ein echter Kavalier 
Und es wird noch nicht erkenntlich 
Ihres Wesens wahre Zier. 
Aber, wie man plauderselig 
Mokka schlürft und Törtchen schmeckt, 
Schaut das Blondchen doch allmählich 
Ihren Nachbar an erschreckt. 
Dieser Jüngling mit der Tolle, 
Mit dem Teint so flaumig weich — 
Sollte er —? Nein, diese Rolle 
Spielt er wirklich wonnereichl 
Evelyn, die schlanke Lady 
Wollte gern ein Bube sein, 
Doch sie bleibt, sie bleibt ein Mädi! 
Die Natur verwirft den Schein. 
Kragen, Haar und Zigarette 
Tilgen nicht das Hindernis, 
Immer bleibt des Mädchens Glätte 
Feminini generis. 
8
        
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