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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jafirg, 27 
Nr. 11 
6 
er Crupier drehte mit gewohnter Gelassen 
heit die Kurbel, Gerade als er sein mono 
tones „riep. ne va plus“ in den Saal 
schleuderte, lag noch eine Hand zögernd 
über den Tisch, um auf „rouge“ zu setzen, 
loh blickte unwillkürlich auf und sah in die 
ungemein fesselnden und pikanten Züge 
einer entzückenden Blondine. Ein Schleier 
müder Traurigkeit lag über dem feinen Gesichtchen, wie 
man ihn bei Frauen findet, die das Leben mit Glücks- 
gütern überschüttet hat, die keine äußeren Widerstände 
zu besiegen haben, die aber, übersättigt von dem Akkord aus 
Ruhe und kampfloser Gleichmäßigkeit behaglichen Daseins, 
sich nach irgend einem inneren Erleben sehnen und sei es viel 
leicht nur das Abenteuer, der Rausch einer flüchtigen Stunde. 
Als das Spiel beendet war, erhob sich Frau Margot Caroly, die 
Gattin des berühmten ungarischen Dramatikers, verließ mit 
einem leichten Kopfnicken den Tisch, prüfte, bevor sie aus 
dem Saal schritt, noch .einmal ihr Bild in einem der hohen 
Spiegel und betrat dann die Terrasse, von der ein Hauch der 
weichen Frühlingsnacht in den Saal strömte. Ich folgte ihr. 
Sie fuhr leicht zusammen, als aus dem Dunkel meine Stimme 
ihr Ohr traf. 
„Störe ich Sie, gnädige Frau? Vielleicht wollen Sie mit 
Ihren Gedanken allein sein. So eine Nacht, wie die heutige, 
über die der italienische Frühling alle seine Wunder breitet, 
stimmt romantisch.“ 
„Weniger romantisch wie träumerisch . . . sehnsüchtig“, er 
widerte sie mit einem leisen Seufzer. 
Schon am Tage vorher hatte mir Frau Margot die Ge 
schichte ihrer Ehe erzählt . . . die tausendfach variierte, 
tausendfach erlebte Geschichte der „unverstandenen“ Frau. 
Sie hatte dabei ein großes Mitteilungsbedürfnis an den Tag 
gelegt, wie jemand, der sich frei reden mochte, hatte mir mit 
verblüffender Offenheit und Vertrauensseligkeit ihr ganzes 
Leben enthüllt, mir .... einem Fremden .... Wie ein 
Schmetterling war sie in den Lichtkreis geflattert, den Ruhm 
und Reichtum ihres Mannes ausstrahlte, aber sehr bald waren 
sie sich fremd geworden im grauen Einerlei der Alltäglich 
keit, sie sah ihre Ehe, ihr Leben wiederum mit nüchternen 
Augen an. 
Mau rühmt mir eine gewisse Begabung nach, für Frauen in 
diesem psychischen Stadium der richtige Seelenarzt zu sein. 
Im .großen und ganzen ist es immer das Gleiche, was man 
Frauen in solchen Fällen sagt, aber, gut pointiert und mit 
wohltemperierter Wärme vorgetragen, wirkt es wie der 
tröstende Zuspruch eines Beichtvaters im Dämmerdunke! 
eines stillen Gotteshauses. Und das Resultat ist fast auch 
immer dasselbe. Man wird aus der passiven Rolle des Zu 
schauers und selbstlosen Ratgebers mit einommal in die aktive 
Rolle des Freundes und Liebhabers gedrängt und bildet plötz 
lich den Mittelpunkt einer mehr oder minder amüsanten Ehe 
komödie, So ging es mir auch hier. Meine Ausführungen über 
Liebe und Ehe hatten offenbar so überzeugend auf Frau Mar 
got gewirkt, daß sie s'ch in ungewöhnlichem Maße für mich zü 
interessieren begann. Wie zufällig fanden sich im Verläufe des 
Gesprächs unsere Hände, wie zufällig schmiegte sie sich dicht 
an mich. Dass sich dann auch unsere Lippen fanden, war schon 
weniger zufällig. In diesem Augenblicke wuchs ein riesen 
großer Schatten aus der Dämmerung heraus und reckte sich 
vor uns empor — Dr. Caroly. 
„Ich habe mit Ihnen zu sprechen, stieß er hastig hervor 
und zu seiner Frau gewandt, „entschuldige mich noch eine 
Viertelstunde.“ 
„Bitte, Herr Doktor, ich stehe Ihnen zur Verfügung“, ant 
wortete ich mit mühsamer Selbstbeherrschung, und folgte 
Caroly, der mit raschen Schritten der um diese Stunde völlig 
menschenleeren, dunklen Parfcallee zueilte. Ich wusste, dass 
der Ungar von jähem Temperament und ungezügelter Eifer 
sucht beherrscht war, eine Eifersucht, die sich nicht auf Liebe, 
sondern auf Eitelkeit und Selbstüberschätzung gründete. 
Immer tiefer verlor sich unser Weg in endloser Waldeinsam 
keit. Da brach Dr. Caroly das lähmende Schweigen. 
„Ich möchte mir bei Ihnen einen Rat holen. Aber ich bitte 
Sie um Ihr ungeschminktes Urteil. Nehmen wir an, Sie hätten 
eine Frau, die Sie sehr liebten und der Sie grenzenlos ver 
trauten. Da machen Sie eines Tages die Entdeckung, dass diese 
Frau Sie betrügt. Sie ertappen sie auf frischer Tat mit einem 
Liebhaber. Wie würden Sie sich in einem solchen Falle ver 
halten?“ 
Es lag etwas Zynisches in der Art, wie Dr. Caroly mit mir, 
seinem Opfer, spielte. Denn es unterlag für mich nicht dem 
geringsten Zweifel, dass er auf diesem Wege allerhand ■ Ge 
ständnisse aus mir herauszulocken suchte. Ich machte einige 
Verlegenheitsphrasen, sprach davon, dass man nicht urteilen 
könne, wenn man nicht die näheren Verhältnisse kenne usw. 
usw. Aber er schnitt mir brüsk das Wort ab. 
„Ach was, alles Gefühlsduselei! Das einzig Richtige ist“, 
keuchte er, „man packt den Kerl, der den Frieden und das 
Glück einer Ehe zerstört, bei der Gurgel und erwürgt ihn.“ 
Die Situation fing an, ungemütlich zu werden. Ich fühlte schon 
die Finger meines Gegners in meinen Hals gekrallt und be 
schloss, dem grausamen Spiel, das man mit mir trieb, ein 
Ende zu machen. Es war ja doch alles verloren. Da half keine 
Ausrede, kein Leugnen, kein Vertuschen .. . 
„Was wollen Sie von mir? Ich sagte Ihnen schon, dass ich 
Ihnen zur Verfügung stehe.“ Fast tonlos kam es von meinen 
Lippen. 
„Das ist sehr liebenswürdig von Ihnen“, antwortete er in 
völlig verändertem, ruhigen Tone, „aber Sie können mir auch 
nicht helfen. Das habe ich schon gemerkt.“ Es lag plötzlich 
fast etwas Loyales, Gemütliches in seiner Stimme. „Ich suche 
nämlich einen guten Aktschluss für mein neues Liebes- 
drama. Aber jetzt wollen wir zu m e i ner Frau zurückkehren.“ 
Sprach’s, hakte freundschaftlich bei mir unter und führte 
mich zu Frau Margot ...
        
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