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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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Nr. 11 
Jafirg. 2 7 
schoben hatte. Sie bemerkte den irrenden Blick und rief: 
„Kleiner Schelm!“ Dann stieß sie einen unterdrückten Schrei 
aus und flüsterte; „Oh, wie peinlich!“ — „Was ist Ihnen?“ 
fragte Henri erschrocken. „Nichts! Nur — versprechen Sie 
mir, artig zu sein und helfen Sie mir, meine Toilette in Ord 
nung zu bringen. Sehen Sie einmal nach: im Kreuz“ — Henri, 
verwundert, bemühte sich, die Unordnung an der leichten 
Toilette zu entdecken, aber er fand von den Schultern bis 
tief hinab alles an der Dame durchaus in Ordnung, soweit 
er auch immer prüfen mochte. Damit verbrachte er lange 
Zeit. 
Die. Uhr zeigte die frühe Nachmittagsstunde, als er die 
Gräfin zu einer Erfrischung in den Salon führte. Dort 
empfing de Prie sie freundlich. Er hatte sich die Zeit nicht 
lang werden lassen, sondern sie sich mit einer noch sehr 
jugendlichen Nichte der Gräfin angenehm vertrieben. — 
Als die beiden Freunde später heimritten, fragte Prie sehr 
zartfühlend und behutsam nach dem Erfolge und erkundigte 
sich nebenbei auch nach der Aufnahme der Pretiosen. Henri 
lächelte glückselig vor sich hin, ließ sein Pferd in Schritt fallen 
und sprach bei halb geschlossenen Lidern seiner großen blauen 
Kinderaugen einige verzückte Worte. Nach einiger Weile 
fielen die Pferde wieder in Trab, weil sie den Stall witterten, 
und Henri, aus süßen Träumen aufgeschüttelt, erwähnte nun 
die Bemerkung seiner Dame, daß die Ohrgehänge offenbar zu 
einem alten Schmuck gehörten. „Siehst du“, sagte de Prie, 
„wie recht ich hatte: sie versteht sich darauf. Ich rate dir, das 
nächste Mal eine Kette oder dergleichen mitzunehmen. Aber 
macht Madame nicht ihrem Namen alle Ehre?“ Henri dachte 
darüber nach und fand in der Tat eine gewisse Verwandt 
schaft zwischen seiner Geliebten und einer völlig erblühten 
Rose heraus. 
Der Familienschmuck der Matignons wanderte auf diese 
Weise allmählich zu Madame de la Valliere ab. Woraufhin 
sich diese verpflichtet fühlte, durch ihren Freund de Prie 
einige größere Feste auf ihrem Landsitz veranstalten zu lassen, 
zu denen Henri und sein ganzer fröhlicher Freundeskreis ge 
laden wurde, während der Graf de la Valliere sich zu dieser 
Zeit noch immer in wichtigen Geschäften in Paris befand. 
Prie überzeugte seinen Freund nun bald davon, daß es jetzt 
an ihm sei, eine entsprechende Veranstaltung in Matignon 
vorzubereiten, zu der er seine Nachbarin und deren jugendliche 
Nichte einladen sollte. 
So wechselten die Festlichkeiten sich ab, und die Schar der 
Gäste — es waren immer dieselben Freunde de Pries — 
wanderten beständig zwischen den beiden Landsitzen hin und 
her. Manchmal äußerte die Geliebte einen besonderen 
Wunsch, den Henri sich stets beeilte zu erfüllen. So hatte er 
ihr auch bald eine ansehnliche Summe baren Geldes vorge 
streckt — wie sie es nannte —, die er aber nicht zurückzu 
fordern gedachte. Denn er war für all das reichlich durch 
ihre Liebe entschädigt. Aber auf diese Weise ging ihm doch 
bald das Bargeld aus. Ei wandte sich in seiner Not an seinen 
einstigen Vormund. Dieser schüttelte besorgt, verzweifelt das 
Haupt und betrachtete, innerlich erschüttert, die Spuren der 
Zerstörung in dem einst jugendlich blühenden Angesichte 
seines Schützlings. Er redete ihm scharf ins Gewissen. 
Henri dachte; keine Rose ohne Dornen —- aber seine Ge 
schenke und Gelage wurden doch spärlicher. Rose zeigte nun 
wirklich erst ihre Dornen — und de Prie machte Henri bald 
auf einen Nebenbuhler aufmerksam. Er sprach davon, daß 
dieser auf seine Kasten ein prächtiges Gartenfest auf Roses 
Landsitz gegeben habe und daß er, de Prie selbst und alle 
Freunde Henris, die sich vernachlässigt fühlten, dazu geladen 
gewesen waren. 
Henri fühlte den Boden unter seinen Füßen wanken bei 
dieser Nachricht und beschloß, seine Äcker zu Geld zu 
machen. Ein Fest, das alle bisherigen Veranstaltungen an 
Großartigkeit übertraf und bei dem weder an der Tafel noch 
an den Schauspielen und Feuerwerken gespart wurde, zog die 
lustige Gesellschaft wieder nach Matignon herüber, und ein 
Smaragdring gewann das Herz der schönen Rose wieder für 
Henri. 
Die Feststimmung auf den beiden Landsitzen steigerte sich 
so wieder zu einem wahrhaft bacchanalischen Taumel, so daß 
es Henri oft vorzog, sich mit seiner Geliebten in ein ent 
legenes Gemach zurückzuziehen, um hier über den Freuden 
der Liebe seine drückenden Schulden zu vergessen. 
Als er sich nun eines Abends — man hatte am Nachmittag 
auf Roses Landsitz mit Zecherei, Schauspiel und Tanz be 
gonnen — in dem Boudoir der Gräfin mit ihr allein auf das 
angenehmste unterhielt, öffnete sich plötzlich die Tür und im 
unsicheren Schein der wenigen angezündeten Kerzen war die 
Gestalt eines dürftigen Männchens zu erkennen, dessen An 
blick die Gräfin veranlaßte, in Ohnmacht zu fallen. 
„Graf de la Valliere“, stellte sich der Eindringling ganz 
wider die Etikette selbst vor, und Henri begann seinerseits 
auch ganz formlos zu stammeln. Der Graf aber trat freundlich 
auf ihn zu und sagte: „Ich habe mich überzeugt, daß Sie sich 
mit Ihrer Gesellschaft recht gut unterhalten. Da ich Weiß, 
daß dies nicht auf meine Kosten geschieht, so habe ich nichts 
dagegen. Aber ich möchte Ihnen empfehlen, diese Veran 
staltungen künftig gänzlich auf Ihren Grund und Boden zu 
verlegen. Ich stelle es Ihnen auch anheim, diese Dame, die 
vorgibt, meine Frau zu sein, fortan drüben auf Ihrem Gute 
einzuquartieren.“ Hier erwachte die Gräfin plötzlich aus ihrer 
tiefen Ohnmacht. „Leben Sie wohl, Madame!“ schnitt ihr der 
Graf das Wort ab, das sie auszusprechen im Begriff war. 
„Ich habe Ursache, den Boden Frankreichs zu verlassen. Die 
Geschäfte Ihres Freundes Prie, die meine Güter retten solltet}, 
haben sich als Betrug erwiesen. Ich habe die zweifelhafte 
Ehre, dafür zu haften. Ich tue es mit Philosophie. Meine 
Güter gehören dem Könige, der sie mir gern durch jenen 
sicheren Wohnsitz am Tornellentor ersetzen möchte. Sie 
verstehen: ich habe Eile! Nochmals, leben Sie wohl!“ Damit 
war der kleine Mann verschwunden. 
Man kann sich denken, in welcher Verblüffung er die beiden 
Liebenden zurückließ. Henri fiel die kaum glücklich ver 
gessene Schuldenlast wie ein ungeheures Gewicht auf die 
Schultern, so daß er gänzlich in sich zusammensank. Die 
Gräfin aber rüttelte ihn auf und befahl: „Auf, Henri! Fort, 
fort! Ich fürchte, auch in die Bastille geschleppt zu werden! . . 
Ohl Dieser Schuft! Dieser Tölpel! Mich so schändlich im 
Stich zu lassen!“ Und mit einem Seitenblick auf den ver 
zweifelten Liebhaber rief sie plötzlich aus; „Prie muß helfen!“ 
Sie eilte zu ihm, teilte ihm den Stand der Dinge mit und 
empfing von ihm den Rat, mit Henri vorläufig nach Matignon 
zu gehen, einen Ratschlag, den die verängstigte Dame auch 
eiligst befolgte. Indes verständigte Prie diejenigen seiner 
Freunde, die noch fähig waren dergleichen zu begreifen, und 
verschwand mit ihnen. 
Die übrigen wurden am Morgen sehr unsanft von den 
Häschern des Königs geweckt. Man setzte sie eine Weile 
gefangen, um ihnen dann nach dem Erweis ihrer Unschuld die 
Freiheit wieder zurückzu geben. 
Henri und die Gräfin nahm man bald darauf in Matignon 
fest: ihn seiner ungeheuerlichen Schulden wegen und unter 
dem Verdacht der Hehlerei — sie an Stelle ihres entschlüpften 
Gemahls. Von Prie aber und den Seinen hat man nichts 
wieder gehört. 
So endete die Liebe Henris und Roses im Kerker: ein Aus 
gang, den vernünftige Leute, wie der Vormund des jungen 
Erben von Matignon, längst vorausgesagt hatten. 
„Gut“, rief der Graf, als der Baron geendet hatte, „ich 
danke Ihnen im Namen meiner Gäste für Ihre sehr unter 
haltende Geschichte.“
        
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