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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. io 
Jahrg. 27 
23 
Flecken am Fuße des Schloßberges ein Mensch auftauchte, 
dessen Gesicht durch eine breite Narbe entstellt war, die von 
der Stirn fast bis zum Kinn reichte, wo sie in einem wirren 
Barte verschwand. Sein Anzug war schlicht und erinnerte an 
die Tracht der englischen Soldaten. Sein Antlitz aber zeigte 
die Spuren der Trunksucht, und er hatte auch bald eine ver 
gnügte Runde in einem Gasthofe gefunden, der er sich zu 
gesellte. Er erkundigte sich hier nach dem Grafen Hippolyt 
und erfuhr, daß dieser längst tot und in der Schloßkapelle 
beigesetzt sei. „Ha — wirklich?“, rief der Fremde in unver 
fälschtem Pfälzisch mit irren Augen. „Wie ich’s Euch sage!“ 
versicherte der Gefragte erstaunt und berichtete von dem 
Einbringen des Sarges. Da lachte der halbtrunkene Fremdling 
gellend auf, und als man ihn fragte, weshalb ihn das so er 
heitere, antwortete er schließlich, er habe das Mittel, den 
Grafen wieder lebendig zu machen. Man achtete bald nicht 
mehr auf sein Geschwätz, das man für die Aufschneiderei 
eines Säufers hielt. 
Am nächsten Morgen jedoch strich der Fremde um das 
Schloß herum, redete die Troßknechte an und fragte, was für 
Zurichtungen getroffen würden — ob denn die Frau Gräfin 
wieder heiraten wolle und wen? — Die Knechte lachten und 
antworteten; „Das hat sie nicht nötig.“ Aber der Herr Abbe 
ließe heute ein Maskenfest herrichten, daher würde alles ge 
schmückt und mit Fackeln, Leuchtern und Feuerwerk aus 
gestattet.“ 
Daraufhin begab sich der Unbekannte wieder ins Städtchen 
hinab und ließ sich den wilden Bart scheren. Es gelang ihm 
auch, eine Maske zu bekommen, die nur Augen und Mund 
sehen ließ. Nachdem er sich noch einen phantastischen Anzug 
zusammengestellt hatte, begab er sich — in einen Mantel ge 
hüllt — in der Dämmerung zum Schlosse hinauf und fand 
durch einen geheimen Weg den Zugang zum Bankettsaal, wo 
das Fest schon seinen Anfang genommen hatte. 
Er sah an Stelle des Hausherrn einen dürren, kleinen 
Priester, von dem die schöne Gräfin nicht die Augen wandte, 
und dessen Blick die ganze Gesellschaft beherrschte. Der 
Fremde hatte Artemisia sofort erkannt unter der Maske und 
sich im Gedränge an sie herangemacht. Er konnte sich kaum 
zurückhalten, sic zu umarmen, jedoch der Chor der Zudring 
lichen und Schmeichler drängte ihn bald von ihr weg. Er ergab 
sich nun dem Weine und war zur Stunde der Demaskierung 
in der aufgelegtesten Stimmung. Er schrie laut zwischen alle 
Reden, suchte alle Frauen zu umarmen und erzählte von un 
begreiflichen Heldentaten im Angesichte des Todes und von 
den Dankesküssen des allerchristlichsten Königs. Als der Mar 
schall nun die Demaskierung befahl, riß der Fremde die seinige 
lachend ab, sprang auf einen Tisch und brüllte: „Von den 
Toten auferstanden grüßt Euch Graf Hippolytl“ Man ver 
stummte einen Augenblick uin ihn her, aber die Über 
raschung, die eine Demaskierung mit sich bringt, ließ die halb 
Trunkenen den Fremdling überhören, dessen entstellte Fratze 
die Damen abstieß. Der angebliche Graf Hippolyt war indes 
nicht zu beruhigen, so daß man den Dienern befahl, ihn zu 
entfernen. Er aber wehrte sich und wollte zur Gräfin Arte 
misia geleitet sein. Da erschien Abb6 Maurice selber und 
drohte, ihn mit Gewalt hinauswerfen zu lassen, da er über 
haupt nicht zu den Geladenen gehöre. Der Fremde griff zum 
Degen und schrie: „Du Schuft hast mich um Habe, Weib und 
Ehre gebracht, jetzt willst du mir auch noch meinen Namen 
rauben?“ In diesem Augenblick trat die Gräfin zu der Gruppe 
der Streitenden und fragte, besorgt um das Leben des Abbe: 
„Wer ist dieser abscheuliche Mensch, dessen rauhe Stimme die 
Gäste beleidigt?“ — „Erkennst du mich nicht, mich, deinen 
Hippolyt?“, rief der Fremde, auf sie zueilend. Man hielt ihn 
fest, und die Gräfin wurde unter der aufgelegten Schminke 
bleich — aber ihre Augen suchten erwartungsvoll die des 
Abbe. Der Direktem aber winkte ihr ab. Sie faßte sich also 
und sagte, indem sie sich zur Gesellschaft zurückwandte; 
„Welch eine Geschmacklosigkeit!“ 
Dann warf man auf einen Wink des Abbe den erstarrten 
Fremdling hinaus. 
Nach einer Weile wurde die Gesellschaft durch einen 
dumpfen Knall gestört, der aus der Tiefe des Burggewölbes 
heraufdrang. Man gab nicht viel Acht darauf und hielt es für 
einen verspäteten Feuerwerksscherz. 
Am nächsten Morgen aber fand der Sakristan die Tür zur 
Gruft in der Kapelle geöffnet, und als er hinabstieg, sah er 
einen Mann über den Sarkophag des Grafen Hippolyt gebeugt 
liegen mit einer abgefeuerten Pistole in der Hand und einem 
Loch in der Schläfe. Der Sakristan war klug genug, keinen 
Lärm zu schlagen, sondern den Abbe insgeheim zu benach 
richtigen. Dieser nahm den Toten in Augenschein und befahl 
dem Sakristan, der sich erst seit kurzer Zeit auf dem Schlosse 
befand, den Leichnam in ein Tuch zu wickeln und ihn mit 
einem taubstummen Knechte in der Wildnis zu verscharren. 
Der Tote war — Sie haben es längst erraten — Graf Hippolyt 
selber, der länger als drei Jahre in englischer Gefangenschaft 
geschmachtet hatte. Als er endlich heimkehrte, fand er ein 
Weib vor, das durch die Augen eines Priesters hindurch einen 
elenden Brettersarg für aufrichtiger hielt als einen lebendigen 
Grafen.“ 
Der yfkQfrnQ 
J u / t U S 
M it Kniffen und Pfiffen hatte der Richter es erreicht, 
dem Schriftsteller das Amt als Pfleger des Fräulein 
Alice Bernhut zu entreißen. Ihm war die ganze Dia 
lektik dieses Literaten zuwider gewesen und er hatte einen 
jungen Pfarrer als Pfleger bestimmt. 
Als der Schriftsteller das hörte, hatte er so höhnisch ge 
grinst, wie das sonst nur Personen in Familienblattromanen 
fertig bekommen und hatte ihm bei der Übergabe seines 
Amtes viel Glück gewünscht. 
Kaum hatte der junge Geistliche das Notwendige erfahren 
und seine Bestallung in Händen, so wollte er sich sofort mit 
seinem Mündel in Verbindung setzen, um den seelischen 
Q e o r p 
Kontakt mit ihr aufzunehmen und sein Erziehungswerk zu 
beginnen. 
Er schrieb also einen schönen Brief und bestellte seinen 
Pflegling zu sich. 
Er bereitete sich ganz besonders auf diese Stunde vor, denn 
er hatte immerhin so viel vom Richter erfahren, — der 
Schriftsteller hatte sich diabolischer Weise gänzlich ausge 
schwiegen daß das Mädchen ein überaus schwieriger Cha 
rakter sei. 
Um vier Uhr nachmittags hatte er sie bestellt und sich von 
seiner Wirtin zwei Tassen Cichorienkaffee machen und zwei 
Schrippen mit Margarine beschmieren lassen.
        
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