Path:

Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jahrg. 27 
Nr.J 
24 
Der Ceberfteck 
lOafier Körting 
ie kennen Boccaccios unsterbliches Deka- 
meron? Ich weiß, man macht sich bei den 
Damen, meine Damen, mit derartigen Um 
fragen wenig beliebt. Entweder kommt ein 
tiefbrüstiger Entrüstungsschrei: „Was den 
ken Sie eigentlich?“ oder aber — und das 
ist das Gewöhnliche — ein stummes Kopf 
schütteln und ein süß-unschuldiger Blick aus 
himmelblau - bläulichen Mädchenguckchen 
oder rehbraun-glutenden Frauenaugen. — Ja — also Boccaccio, 
dieser alte Kenner der Liebe hat in seinem Zehn-Tage-Buch nicht 
nur den Stoff zu Lessings „Nathan“ geliefert. Nicht nur das, 
o Freunde. Es gibt da unter anderen harmlosen Erzählungen 
— ist das Geschichtchen „vom Teufel in die Hölle schicken“ 
nicht entzückend? — eine recht abenteuerliche, ich meine 
diejenige, die von der rührenden und standhaften Liebe der 
trotz ihrer Geriebenheit nach unserem Geschmack — cum 
grano salis — leise dämlichen Giletta, späteren Gräfin Rous- 
siglion, handelt. Die edle Dame hat den — man könnte fast 
sagen unanständig heiß begehrten Gatten mit Hilfe ihrer auch 
für damalige Verhältnisse ungewöhnlichen Schläue erobert, 
gelangt damit aber zu ihrem und unserem Kummer noch nicht 
in den Genuß der erhofften Freuden. Dann wäre die Ge 
schichte aus und nicht weiter verwunderlich. Dem im übrigen 
mit edler Konsequenz vertretenen „Pflücke die Rose“-Grund- 
satz entgegen hat der Graf nämlich seine ebenso schöne wie 
tatkräftige Gemahlin verlassen, ohne ihr bräutliches Lager 
bestiegen zu haben. Unbegreiflicherweise. 
Nachdem er ritterlich gegen Türken, Araber, Genuesen, 
Pisaner oder Gott weiß wen gekämpft, hat er sich, fern der 
Heimat, in einem Landstädtchen als möblierter Herr nieder- 
elassen und einem kaum glaublichen on dit zufolge den 
chwur getan, seine tugendhafte Gattin nicht eher zu — 
sagen wir zu beglücken, als bis die ungeliebte Frau sich im 
Besitz seines Lieblingsringes und eines Sohnes, dessen Vater 
— bedarf es besonderer Betonung? — er sein müßte, sich 
befände. (O Muttersprache!) Diese unmöglich scheinende Be 
dingung wird von der fabelhaft gerissenen, vorläufig noch 
imaginären Ehehälfte erfüllt, glatt, — mit Zugabe erfüllt. 
Der edle Graf ist nämlich ansonsten kein Wingolfit. Im 
Gegenteil. Er ist durchaus nicht Anhänger eines aus moral- 
philosophischen oder hygienischen Gründen aufgestellten 
Keuschheitsprinzips. Er liebt zur Zeit eine durch Armut, aber 
gleichzeitig durch Tugend ausgezeichnete Dame. Auf die ihr 
zugetragene Kunde hin hat die Titular-Gräfin ihre bezw. seine 
musterhaft verwalteten Güter verlassen. Am Aufenthaltsort 
des Grafen angelangt, hat sie nichts eiligeres zu tun als besagte 
Jungfrau durch Geld und gute Worte zu bestimmen, die Hand 
zu einer kleinen, gesetzlich einwandfreien Schiebung zu bieten. 
Die Düpierung des Herrn gelingt. 
In der dunklen und verschwiegenen Kammer des edelmütigen 
Fräuleins kommt die nominelle Gräfin Roustiglion endlich zu 
den erwünschten Genüssen, in den Besitz des Ringes und 
einige Monde später in den Besitz eines schreienden Mensch 
leinduos männlichen Geschlechts. 
Niedlich — nicht? Damit fällt aber noch nicht der Vor 
hang über die unterhaltsamen Ereignisse. Zur Erzielung des 
nötigen Schluß-Rührungseffektes vermeidet die sympathische 
Dame es vielmehr peinlich, sofort triumphgeschwellt zu ihrem 
Gatten und Herrn zu eilen. Warum sie das nicht tut, wissen 
die Götter Erst nachdem die Knaben herangewachsen, begibt 
sie sich auf den Weg, um endlich unter dem Vivat-Gejauchz 
der rein zufällig versammelten Gäste in den Armen ihres 
ebenfalls versammelten und gesammelten Gatten zu landen.. 
Unter Freudentränen und Becherklingen erfolgt die Vereini 
gung — bildlich genommen. Und wenn die beiden nicht ge 
storben sind, so leben sie heute noch. — 
Warum ich das erzähle? Weil ich von meinem Freund 
Kunibert plaudern will. Auch den eroberte seine Gattin, so 
daß er jetzt de- und wehmütig aus ihrer Hand — sein täglich 
Brot empfängt. Und das kam so. 
Kunibert lebte nach bewegten Studienjahren an der Seite 
einer ländlich-sittlichen Gattin in Flanell seine nur durch einige 
Stammtischabende verschönerten Tage in Schnapshausen da 
hin. Gewiß, ja — er liebte seine Gattin schon, als er sie 
„heimführte“, wie man zu sagen pflegt. Zweifellos, das tat 
er. Aber du lieber Gott, auch der edelste Mensch vergißt 
schließlich in der Monotonie der Ehe, daß ihm die schwieger 
väterliche, gut fundierte Fabrik diese Beschaulichkeit des 
Daseins ea-möglichte. Und Kunibert war Ästhet, Kunibert 
hatte Sinn für das Pikante. 
Kunibert war, das ließ sich nicht leugnen, empfänglich für 
das Ewig-Weibliche, das uns bekanntlich hinanzieht. Annemie 
aber, auf diesen kätzchenhaften Namen hörte sein angetrautes 
Weib, war von dem in Schnapshausen heimischen Phlegma 
und der zum guten Ton gehörigen Gleichgültigkeit gegenüber 
Toilettefragen angekränkelt, Annemie trug sich trotz Kuniberts 
bescheidener Proteste und von geringem pädagogischem Talent 
zeugender Bildungsversuche in streng Schnapshäuser Stil. 
Doch Kuniberts Initiative, geschäftliche Initiative versteht 
sich, war nicht erloschen. Er fuhr oft und öfter nach der nicht 
zu fernen Großstadt, gründete dort sogar eine „Filiale“, die 
ihn bald auf Wochen festhielt. 
Die ersten Verdachtsmomente, Kuniberts Lebenswandel da 
selbst betreffend, kamen der Einsamen, als sich unter der über 
sandten säuberungsbedürftigen Wäsche ein ihr völlig unbe 
kanntes Stück fand, ein hauchdünnes, spitzenbesetztes, ent 
zückend unanständiges Kombinatiönchen. Sie verdichteten 
sich bei Erwägung der Möglichkeiten, wie diese weibliche In 
timität zu Kuniberts Unterhüllen kommen konnte, einerseits 
zu der Gewißheit der LJntreue des Ehrvergessenen, anderer 
seits zu rinnenden Salztropfen, die ihre runden Wangen 
betauten. Nachdem sie die strömenden Tränen getrocknet, 
gewann ein ungewöhnlicher, einer Porcia würdiger Entschluß 
Festigkeit in ihrem angeknickten Herzen, 
In Schnapshausen verbreitete sich das Gerücht, Annemie 
sei zur Pflege ihrer Schwester nach Bumsdorf gereist. Sie 
aber begann mit der Ausführung ihres Planes unter Anleitung 
eines wohlwollenden, alles verstehenden, alles verzeihenden, 
ebenfalls in fraglicher Großstadt wohnhaften Onkels, Sie be 
obachtete Kunibert und seine Freundin — Mäuschentyp mit 
mondänem Anstrich — in den Abend- und Nachtstunden. 
Aus der blondlichen Schnapshäuserin wurde in dieser Zeit 
eine wasserstoff-superoxyd-blonde, seiderauschende, seidenbe- 
strumpfte, stöckelbcschuhte Dame von Welt, in deren matt 
gepudertem Gesicht die schöngeschwungenen Karminlippen 
glühten, die in Bars, Kabaretts, Kaffees und anderen Stätten 
des Lasters verkehrte. Ihrem phantastischen Plan kam sie 
einen Schritt näher, als es ihr gelang, die Bekanntschaft eines 
Freundes Kuniberts zu machen. In einer Loge des Operetten 
theaters traf man sich zuerst. Kunibert mit seiner Freundin, 
Annemie mit ihrem Freunde. Kunibert starrte die äußerst 
sicher auftretende Dame, deren nackte Arme und Schultern 
aus dem tief ausgeschnittenen Kleide herausblendeten, ent 
geistert an. Er war sehr still und träumerisch, so daß Mimi, 
seine kleine, pagenköpfige Freundin, ihn ein paar mal unwillig 
in die Seite knuffte. Man vereinbarte im Anschluß daran 
einen Fünfuhr-Tee in Kuniberts Junggesellenheim. Beginn des 
Bacchanals 9 Uhr abends. — — Dunkel glühte der feurige 
Burgunder. Mimis Augen flimmerten schon trunken. Sie ver 
gnügte sich damit, einige prachtvolle, die Tafel schmückende 
Chrysanthemen gewissenhaft zu zerzupfen, und Kunibert dann 
und wann zu zausen; sie schmollte ihm, da er so schwer zum 
Tanzen zu bewegen war. Jetzt legte sie ihm unbefangen ihre 
molligen Beine auf die Knie, so daß die hellblauen Strumpf 
bänder mit den großen Rosetten sich fürwitzig unter dem 
dunklen Rock hervordrängten. Kunibert versuchte, den Rock 
herabzuzupfenr „Laß schon, du Frosch! Quecksilbrig sprang 
sie von ihrem Sessel und drehte sich bacchantisch nach den 
Rhythmen des Shimmys, der dem dunklen Kasten enthüpfte. 
Dann trieb man allerlei Scherze und harmlose Gesellschafts 
spiele. Mimis bewegliche Habe war bald vergriffen. Da streifte 
sie, als sie wieder ein Pfand schuldig war, kurzentschlossen 
ihren Rock ab, dem bald die Bluse folgte. Auch Annemie 
schuldete bald wieder ein Pfand, Sie zögerte. Dann stand sie 
langsam auf, ließ langsam ihr Seidenkleid herabsiriken. 
Kuniberts Augen hingen krampfig an ihren vollen Formen. 
Jetzt stutzte er. Seine Augen weiteten sich und hafteten wie 
gebannt an einem Leberfleckchen, das sich dunkel von der 
weißen Haut über der linken Brust abhob. Und dann schrie 
er auf „Annemie!“ Sie sah ihm kalt in die Augen. Langsam 
wie zuvor legte sie ihr Kleid wieder an, rauschte hinaus. 
Einige Zeit später: Versöhnung, Glück. — Mimi wußte 
sich zu fassen und mit dem Freunde Kuniberts zu trösten,
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.