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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jahrg. 27 
Nr. Jo 
18 
Das Viereck 
Cin konzentriertes Custspietuon Robert OtC i s c n 
Personen! &r — Sie — QcmsHelnz — Der flecfitscuuuQ.(t 
I. 
(E!h Meiner Damensalon - sehr vornehm und modern.) 
E r, dunkelbraunes, üppiges Haar mit Stirnlocke, gekleidet 
mit der lässigen Eleganz des Künstlers, wühlt mit erregter 
Miene aufgeregt in der Schublade des kleinen Chippendale- 
Schreibtisches in Briefschaften und Papieren, von denen ein 
Teil umhergestreut auf der Platte und dem Teppich liegt. 
Sie, rotblonde Haarkrone, süßes, unschuldiges Gesichtchen 
mit veilchenblauen Augen, im Straßenkostüm und Hut, öffnet 
die Tür und bleibt erstarrt auf der Schwelle stehen. Sie 
kommt langsam näher, ohne daß er sie hört. 
Sie: Um Gotteswillen, was — was machst du denn da? 
Er (blickt sie zornig an): Das siehst du ja. Ich habe deinen 
Schreibtisch erbrochen und suche — 
Sie : Das ist — das ist ja unerhört. Was erlaubst du dir?! 
Und was suchst du überhaupt? 
E r : Ich suche den Beweis; und ich denke, ich habe ein 
Recht dazu. 
Sie: Welchen Beweis? 
E r : Deiner Untreue, meine Liebe. Du hintergehst mich — 
ich weiß, daß du mich hintergehst mit diesem blödsinnigen 
Maler — ein Kerl, der keinen Funken Begabung hat, Verstand 
wie ein Frosch und Charakter wie — wie ein Chamäleon. 
Sie: Und darum brichst du meinen Schreibtisch auf und 
durchwühlst meine Papiere?! Du bist einfach toll. (Spöttisch) 
Hast du vielleicht etwas gefunden? 
Er (entrüstet): Ja — diese jämmerlichen Verse . . . . 
Haha . . , „Mein Herz ist eine Harfe, drauf spielt deine weiße 
Hand“ . . . Und diese wahnsinnigen Liebesbriefe, die von einem 
Quartaner stammen könnten . . . 
Sie; Verzeihung — er war schon in Prima. 
E r ; Wieso? 
Sie : Nun, bitte sieh dir doch das Datum an! Sie sind zwölf 
Jahre alt und mit Reinhold unterzeichnet. Von meinem Vetter 
Reinhold, der vor zwei Monaten sein drittes Kind bekommen 
und jetzt eine Glatze hat. 
E r : Hm ... in der Tat! Aber das hindert nicht, daß du 
gesehen worden bist, als du gestern — gestern das Haus 
dieses Farbenklexers gegen Abend verlassen hast. 
Sie (spöttisch): Sieh einmal, du läßt mich beobachten?! 
Er (wütend): Freilich! Ist das nicht mein Recht? Du 
leugnest also nicht? 
Sie: Nein, ich leugne nicht. 
Er: Es ist aus — aus. Unsere Wege trennen sich. 
Sie: Bitte — nach Belieben. Wenn du so wenig Vertrauen 
zu mir hast — bitte . . . 
Er (mit geballten Fäusten auf sie losgehend): 
Und das sagst du so, als ob du deine Köchin entläßt?! 
Sie; Die hat wenigstens Vertrauen zu mir. 
E r : Jede untreue Frau verlangt Vertrauen. — Willst du mir 
nun vielleicht sagen, was du in jenem Hause —? (Für sich 
denkend): Jetzt wird sie mir gleich sagen, daß sie dort eine 
Modistin gesucht hat. 
Sie: Ich könnte dir ja sagen, daß ich dort eine Schneiderin 
gesucht habe — aber ich verschmähe das. 
E r : Haha — es ist gut . . . Das heißt, es ist nicht gut — 
es ist aus. Das Weitere schriftlich. (Er greift nach 
seinem Hut und stürzt zur Tür.) 
(Die Türe öffnet sich — Hansheinz erscheint 
in derseiben, sieht erst „Ihn“ verwundert an, 
dann „S i e“.) 
Hansheinz: Ja, was ist denn hier los? Warum stürmst 
du denn fort mit einem Gesicht, als ob —? Und du auch, 
Mausi? 
(Er geht auf sie zu und küßt sie.) ’n Abend. — 
Na, Ihr habt Euch wohl mal wieder gezankt? Na, nu leg’ mal 
deinen Hut fort, und setz’ dich! Also, was ist denn? Merk 
würdig, ich muß immer Frieden stiften zwischen Euch. 
Sie (achseizuckend, höhnisch): Er soll nur gehen 
... ich halte ihn nicht. 
Hansheinz: Ich will aber nicht, daß sich meine Frau und 
mein bester, ich kann wohl sagen: einziger Freund immerzu 
zanken. (Sieht den Schreibtischund diePapiere.) 
Und was bedeutet denn das? 
Sie: Ach nichts . . .die Ursache unseres Streites! Ich las 
ihm nämlich die Verse von Reinhold vor, und er fand sie 
jämmerlich. 
Hansheinz: Da hat er doch recht. — Haha . . . „Mein 
Herz ist eine Harfe“. — Heute ist er Banksyndikus in Altona, 
und sein Bauch ist eine Trommel. Und nun versöhnt Euch! 
Gib ihm einen Kuß, Mausi, und sei vergnügt! 
Sie: Was dir einfällt! Meine Küsse sind rar. Aber die 
Hand darf er mir küssen. Da — (Er tut es wider 
strebend, noch grollend.) 
Hansheinz : Kinder, heute Abend trinken wir Sekt. Ich 
habe auch Hummer bestellt. Kleines Fest. . . Ich habe nämlich 
ein Riesen geschäft gemacht. — ■ 
Sie (erstaunt); Du bleibst zu Hause? Heute ist doch 
dein — dein Klubabend? 
Hansheinz; Ich . . . ich dispensiere mich heute. Oü peut- 
on etre mieux qu’au sein de sa famille? — Also versöhnt Euch 
— ich wasche mir bloß ein bißchen die Pfötchen. (Ab.) 
Sie (nach kleiner Pause zu dem Schmollen 
den): Na — komm’ schon, du — du Dummkopf! (S i e g eh t 
auf ihn zu, schlingt die Arme um seinen Hals 
und küßt ihn.) 
E r : Und der Maler? Ich bitte dich, beruhige mich — und 
wenn’s selbst eine Lüge ist! 
Sie ; Ich brauche nicht zu lügen. Er porträtiert mich. Du 
kannst mich morgen hinbegleiten, Ezzard. Es ist beinahe fertig 
— Brustbild, Pastell. 
E r : Und warum hast du mir kein Wort davon —? 
S i e Herrgott, es soll doch seine (zeigt dem Abge 
gangenen nach) — seine Überraschung für dich sein. 
Zu deinem dreißigsten Geburtstag. 
Er (fällt ihr um den Hals); Kannst du mir verzeihen? 
Sie: Ihr Männer seid doch alle gleich. Das heißt — mein 
Mann ist anders. — Übrigens, weißt d u, weshalb er heute zu 
Hause bleibt? Das beunruhigt mich förmlich. 
E r : Freilich weiß ich das. Deine Cousine Ada ist doch nach 
Potsdam zur Hochzeit gefahren. 
Sie: Ach so — deshalb! Schade! — Nun, ich frühstücke 
dafür morgen bei dir — nach der Ateliersitzung. Übrigens, 
woher weißt du das eigentlich mit Ada? 
Er (verlegen): Ach Gott — ich . . ich gebe ihr doch 
Geigen- und Kompositionsunterricht. 
Sie (.erstaunt): Das wußte ich ja gar nicht. Seit wann 
denn? 
E r : Seit zwei Wochen. Sie bat mich darum. 
Hansheinz (kommt zurück): Na, seid Ihr versöhnt? 
Küßchen gegeben? — Bravo! Kinder, nun wollen wir mal 
recht vergnügt sein. (Faßt den Freund unter den 
einen, seine Frau unter den anderen Ar m.) 
Kommt ins Rauchzimmer, Kinder — erst ’ne Zigarre und ein 
Glas Burgunder, zum Abgewöhnen. Wollen mal wieder ein 
kleines Fest feiern. 
II. 
(Privatbüro Hansheinz. Der Rechtsanwalt, 
sein Jugendfreund, wird gemeldet und emp 
fangen.) 
Hansheinz: ’n Tag, alter Junge! Was bringst du Neues? 
Der Prozeß —? 
Rechtsanwalt; Nichts neues. Ich komme aus einem 
anderen Grunde. — (Verlegen.) Sieh mal, wir sind doch 
gute, alte Freunde. Da schuldet man sich doch Offenheit. 
Hansheinz: So feierlich? Scheint was Unangenehmes. 
Oder brauchst du Geld? 
Rechtsanwalt: Nein! — Man spricht über Euch. 
Hansheinz: Wer? — Die Leute wahrscheinlich — weil 
wir nicht als Philister leben — im Gegenteil . . . 
Rechtsanwalt: Hier, mein Lieber, handelt es sich um 
etwas Tatsächliches, um ein Faktum. 
Hansheinz (spöttisch): Und du fühlst dich als mein 
Freund natürlich gezwungen, es mir mitzuteilen. Freunde teilen 
einem immer nur Unangenehmes mit. 
Rechtsanwalt (gekränkt); Dann kann ich ja wieder 
gehen. Ich habe es gut gemeint.
        
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