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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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Jahrg. 27 
*tann China 
ihm das Patent eines Privat- 
und Kabinettsekretärs. 
Während der junge Theo 
loge sich den Himmel auf 
Erden ausmalte,, erduldete 
die schöne hurländische 
Herzogin Höllenqualen. 
Der Schritt von ihr zu 
ihm schien ein endloser. 
Fürstliches Blut und ge 
wöhnlichstes Bürgerblut wa 
ren bekanntlich, bis vor kur 
zem, verschiedene Flüssig 
keiten. 
Aber der kluge Biron sah 
lächelnd in den Spiegel und 
der Rokoko-Kavalier wußte, daß die Liebe, sobald sie 
beiderseitig in Aktion tritt, kein Hindernis kennt im 
Leben einer allmächtigen Frau und eines Bürgersohnes, 
dessen Großvater noch simpler Leibeigener war. 
Leibeigener! 
In wenig Wochen war die Distanz erledigt. Biron 
klagte seiner Gönnerin oft sein Leid. Vor Jahren noch 
war seines Vaters Vater gemeiner Knecht, konnte ein 
Graf an der Düna noch über Leib und Leben eines 
alten Mannes bestimmen. 
Herzogin Anna tröstete ihn. »Ich werde deine Vergangenheit verwischen und die 
deiner Voreltern. Sei ohne Sorge, mein Sohn, ich bin dir gut!« 
Biron war auf der Lauer. Wohl schmeichelte es ihm, wenn die Fürstin ihn zärtlich 
streichelte, wenn sie die Lippen rum Kuß ihm bot. Aber sein Ehrgeiz hatte ein 
anderes Ziel, als nur das Schlafgemach einer Herzogin. In seinen tollsten Gedanken 
sah er sich auf dem Throne Kurlands, umgeben vom feudalen Adel dieses Landes, 
von all den Hofschranzen, die ihn jetzt haßten und verachteten. 
»An was denkst du?« fragte eines Tages neugierig Herzogin Anna. Der Favorit 
erwiderte: »Weshalb hat Gott mich nicht Herzog werden lassen?« 
Die Geliebte senkte ihr blondes Köpfchen, faßte fest seine Hand und flüsterte: 
»Komm doch mein Freund ... die Nacht ist ohne Ende.« 
Er aber sprang plötzlich auf, wie wenn Verzweiflung ihn triebe und floh aus ihrem 
Gemach. Die Herzogin war bestürzt, fand keine Worte und fiel auf einen seidenen 
Sessel. In ihren Gedanken wirbelte und brannte cs ... . 
Jfir Sekretär / Der Tauiffon / ßeirate und sei mit mir ptäckficfa 
EGON H. 
D ie Nichte Peters des Großen war eine schöne Frau als junge 
Witwe. In ihrem langweiligen Mitau hatte sie zuerst kaum 
Gelegenheit, die Sonnenseite dieses Lebens kennen zu lernen. 
Das einförmige, unbequeme Zeremoniell des kurländischen Hofes war 
zum Auswachsen für die liebesbedürftäge Herzogin. Sie weinte oft in 
stillen Stunden und wenn sie von ihrem Mitauer Schloß an milden 
Frühlingstagen auf die holprigen Straßen schaute und der Nachtigallen 
Lied hörte, das so lieblich klang, dann wurde es ihr weh- um's Herz. 
Alle die kurländischen Adligen waren nicht 
nach ihrem Geschmack/ sie waren steif wie 
Ladestöcke und eingebildet wie die Schwäne 
in ihrem Weiher. 
Da wurde ihr der bildschöne Ernst Friedrich 
Biron, der Sohn eines Pächters, vorgestellt. 
Der Kandidat der Theologie hatte sich in den 
Kopf gesetzt, der Geliebte der hohen Frau zu 
werden, um Kar 
riere zu machen. 
Die Gebieterin 
von Kurland war 
entzückt von sei 
ner Art und sei 
nem Wesen und 
säe reichte zum 
Kuß beim Ab 
schied ihre Hand. 
Der gestattete 
Handkuß war 
eine hohe Aus 
zeichnung, 
Am anderen 
Tage brachte ein 
Herzoglicher Bote
        
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