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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr, Jo 
Jahrg. 27 
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auf Pariser Pflaster ergriffen, war durch das sichere und vor 
nehme Auftreten des Hofmeisters in doppeltes Erstaunen ge 
setzt. Er war nun auf seinen neuen Vetter selber sehr neugierig 
geworden, und ein Schauer der Ehrfurcht durchzitterte ihn, als 
ihn Neunauge aus dem Mietswagen durch das Portal hinauf 
geleitete ins Antichambre. Gleich darauf kehrte er tiefernst 
zurück; „Herr Dujardin läßt bitten“. — Zikade erhob sich 
von seinem Sessel am Schreibtisch, hob die Lorgnette und 
sprach: „Ach, mein lieber Herr Cousin! Ich heiße Sie will 
kommen in meinem Hause. Bitte nehmen Sie Platz. Herr 
Beske ließ sich nach vielen Bücklingen in einen der kostbaren 
Fauteuils nieder und suchte sein bestes Französisch zusammen 
zu einer Konversation mit dem eleganten Herrn, den er nun 
seinen Vetter nennen durfte. „Geschäfte führen Sie nach 
Paris, mein Herr Vetter, —von Juwelen schreiben Sie, nicht 
wahr?“ Der Berliner bejahte eifrigst. Zikade nannte ihm 
einige Firmen, die Herr Beske zu seiner Freude kannte. „Nun 
dann wünsche ich Ihnen alles Glück. A propos: haben Sie die 
Steine bei sich?“ Beske bejahte voll Selbstbewußtsein. „So 
empfehle ich Ihnen, sie meiner Schatulle zur Aufbewahrung zu 
geben. Die Sicherheit ist in Paris gering — Sie verstehen . . 
— „In Berlin . .“ entgegnete Herr Beske. „In Paris“, fiel ihm 
Zikade ins Wort, „mein Freund, werden Sie sich am besten 
mir anvertrauen.“ Herr Beske ließ sich, um nicht unhöflich zu 
erscheinen, bewegen, die Kostbarkeiten für die Nacht abzu 
geben. Man speiste nun und trank das Beste aus Herrn 
Dujardins Keller. Neunauge im roten goldbordierten Frack 
überwachte alles, und Sabinchen bediente vortrefflich. 
Es traf sich sehr gut, daß am nächsten Tage Herrn Dujardins 
Ankunft bestimmt zu erwarten war. Man hatte es nun so 
ab geredet, daß Herr Beske zu einem Rundgang durch die 
Stadt fortgeschickt werden sollte, während Zikade und Neun 
auge mit den Juwelen und dem Gepäck durch die Hinter 
pforte verschwinden sollten. Da das Hotel in einem Garten 
lag, so war eine Beobachtung nicht zu befürchten; und 
Sabinchen sollte nur tapfer leugnen, wenn Herr Beske nach 
Dujardins Ankunft zurückkehren würde. Sie sollte ihn für 
einen Fremden, also offenbar für einen Irrsinnigen oder einen 
Betrüger erklären. Ihre Sicherheit wurde ihr für alle Fälle vom 
Ring garantiert. Und was hätte Sabinchen nicht für Zikade 
getan? 
Dujardin kam pünktlich an, und eine Stunde später schritt 
Herr Beske die Treppe zu Dujardins, des wirklichen, Zimmer 
hinauf. Er klopfte an. Eine fremde Stimme rief: „Herein!“ — 
Nun, dachte der Vetter aus Preußen im ersten Augenblick, 
es wird ein Sekretär sein, oder du täuschest dich im Gehör. 
Aber da stand ein fremder Herr, der Herrn Beske erstaunt 
betrachtete und schließlich voll Nachdruck fragte: *,Was 
suchen Sie hier, mein Herr?“ — „Erlauben Sie mal! Was ich 
Mer suche?“ gab der Berliner gekränkt zurück, denn er fühlte 
sich in Paris bereits vollkommen zuhause. „Ich bin bei Herrn 
Dujardin, meinem Vetter zu Gast.“ — „Sie sind verrückt, 
mein Herr!“ belehrte ihn der andere. „Machen Sie, daß Sie hin 
auskommen!“ — „Wer sind Sie denn, Herr?“ fuhr Beske den 
Scheltenden an. „Ich bin der Herr dieses Hauses und werde 
Ihnen das sogleich beweisen!“ — „Herr Dujardin?“ fragte 
Beske verblüfft. — „Wer sonst?“ antwortete unwirsch der 
andere. „Ja heute morgen war doch ein anderer Herr 
Dujardin ... „Ein anderer Herr Dujardin?“ — „Ganz 
gewiß! Der Hofmeister kann s bestätigen!“ — versicherte Herr 
Beske kleinmütiger. „Hofmeister?“ fragte der neue Herr 
Dujardin verwundert. „Ich habe keinen Hofmeister. Sie 
scheinen sich im Hause geirrt zu haben.“ — „Nein, gewiß 
nicht, die Jungfer Himmlischer Vater — meine Juwelen! 
Ich bitte Sie, in der Schatulle liegen meine Juwelen!“ wimmerte 
Herr Beske plötzlich. „Was hat die Jungfer mit Ihren angeb 
lichen Juwelen zu tun?“ erkundigte sich der richtige Dujardin 
belustigt. „Ich bin ruiniert, ich habe sie dem anderen über 
geben!“ beschwor ihn Herr Beske. „Wie? die Jungfer?“ Herr 
Dujardin rief Sabinchen. Sie erklärte, befragt erstaunt, sie 
kenne den Fremden nicht. Da schwindelte es Herrn Beske, 
der schon so vertraute Boden brannte ihm unter den Füßen. 
Er starrte die beiden anderen entgeistert an, wollte um Hilfe 
rufen, aber die Stimme versagte ihm. Dujardin faßte ihn beim 
Arm und wollte ihn hinausführen. Aber Beske raffte sich 
noch einmal auf; „Ich bitte Sie, öffnen Sie Ihre Schatulle. Sie 
werden fremde Juwelen dort finden!“ Dujardin, jetzt doch 
bedenklich geworden, öffnete in Gegenwart Sabinchens die 
Schatulle, aber man fand keine Juwelen darin. Sie war leer, 
so wie sie der Herr des Hauses bei seiner Abreise verlassen 
hatte. Beske stand der Angstschweiß auf der Stirn. „Ja — aber 
— Jungfer, Jungfer — kennen Sie mich denn nicht, ich habe 
doch hier geschlafen, hier gespeist —“ — „Unverschämter!“ 
wandte sich Sabinchen ab. „Hm —“ meinte Herr Dujardin, 
auf Sabinchen zeigend, „können Sie mir vielleicht den Namen 
des Mädchens sagen?“ — Beske preßte die Hand vor die 
Stirne und lief verzweifelt umher; „Nein, nein, nein, ich hab 
ihn vergessen, aber —“ — „So! So! Nun verlassen Sie 
schleunigst dieses Haus, mein Herr, in dem Sie sich in allen 
Personen zu irren scheinen.“ — „Infame Verdächtigung!“ 
zischte Sabine und ging. Herr Beske folgte der gebietenden 
Handbewegung des kräftigen Herrn Dujardin. Gelähmt, ver 
stört, kaum seiner Gedanken mächtig, verließ er das Hotel 
seines Vetters. Am Tor wandte er sich noch einmal um und 
stammelte zu dem Fenster hinaufsehend, hinter dem Dujarin 
stand: „Er ist es auch nicht!“ — 
Dujardin hat niemals wieder etwas von einem Berliner 
Vetter gehört. K. H. 
* 
EROS 
ARTHUR SILBERGLEIT 
Behaucht vom Frühgfanz sprühte meine Haut, 
Der Eos Wofhenhrände zu erwidern. 
BCutstrom von Eros, hang mir eingestaut. 
Brich aus vuihanisch wiidaus meinen Liedern/ 
Und zünde ausgefohte Seelen an,. 
Daß sie von jungen Ghüten üherfchweden, 
Lauffeuerhafi durchrasen Dorf und Tann, 
Wie Teuerfächse, die sich ühergreden. 
Die Rümpfe [affen noch vom Fachefhrand 
Des Morgens zwifchen grauen Wipfefftämmen, 
Wenn fchon im Stade fort vom Haffterhand 
Die Fäden drängen zu den Wiesenfchwemmen. 
Doch einmal SeeCe, wandert aus ein Licht 
Aus seinem Äther, ftid Dich zu Begiüdien 
Wie eines Gottes Sternenangesidot, 
Und Djch zu seinem Friedensfeft zu fhmüchen.
        
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