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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jafirg. 27 
Nr. Io 
Ise die eben nach Hause gekommen ist, geht 
sofort auf den Spiegel zu. Sie ist in pracht 
vollster Stimmung, wie immer, wenn sie weiß, 
daß sie gut aussieht. Sie setzt sich ans 
Klavier, spielt ein paar Walzertakte staccato, 
schlägt den Deckel wieder zu und steht 
wieder vor dem Spiegel. Heute war es ihr ge 
lungen den Schauspieler Asir vorgestellt zu 
. Ilse hat sich seinetwegen längst schon alle erdenk 
liche Mühe gegeben. Sie stellt jetzt im Spiegel fest, daß sie 
ihren guten Tag hat. Alle ihre Bewegungen sind köstlich, 
ihr Lächeln ist köstlich, wie alles köstlich und genial richtig 
ist bei Erfolgberauschten. 
Sie überdenkt die ganze Tragweite dieser Eroberung 
mit besonderem Hinblick auf den Neid der Freundinnen. Ein 
wenig beklommen ist ihr aber doch zu Mute. Denn Asirs 
Freundschaft ist immerhin bedenklich. Sie weiß zwar, daß sie 
ein gut aussehendes Menschenexemplar ist, eine Glanzleistung 
der Natur. Und dazu elegant. Es ist nur beunruhigend, daß 
Asir das nicht sofort bemerkt hat. 
Für den Dienstag Nachmittag sind sie verabredet. Sie will 
das kleine tabakbraune Hütchen tragen und das neue Kostüm. 
Sicher wird er sehr in Feuer geraten. Sie will kühl sein, vor 
allen Dingen kühl, jedenfalls unberechenbar. 
Am Dienstag Vormittag ist sie noch mit Grete zusammen, 
mit Grete, ihrer Kontrastfreundm mit der entsprechenden Be 
scheidenheit des Exterieurs. Grete ist über Ilses große Neu 
erwerbung bereits informiert. Sie kann sich nicht versagen, 
die Vielseitigkeit Asirs zu beleuchten und die Feiertagstim 
mung ihrer Freundin erheblich zu ernüchtern. Sie plaudert auch 
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Auf in den Kampf I 
hinge 
leichthin von dem Reiz der Neuheit, der der stärkste wäre 
und der leichtest vergängliche. Und überhaupt ein Schau 
spieler . . . Das ist ja nun nicht aus der Welt zu schaffen, daß 
Ilse für ihn nur eine von mehreren ist. Aber ihre Eitelkeit 
ist enorm. Fesseln muß sie ihn! Festhalten muß sie ihn über 
den Reiz der Neuheit hinaus. Sie muß die gewagteste Komödie 
spielen. Und nun kommt ihr der beglückende Einfall; Sie wird 
nicht kommen heute Nachmittag. Es muß sein! Es muß sein! 
Sie fühlt, das wird ihm imponieren. 
Dieser Trick ist der wirkungsvollste. Und sie genießt selig 
den Kitzel der Eitelkeit, daß dieser interessante, verwöhnte 
Mann auf sie warten wird, und daß sie nicht kommen wird. 
Asir ist immer auf der Suche nach einem Erlebnis. Er findet 
aber letzten Endes alles ernüchternd. Die schmale, blonde 
Griseldis, die herrliche, verloren gegangene Griseldis hat ihn 
verwöhnt und anspruchsvoll gemacht. Das schmerzensreiche 
und etwas blamable Schlußkapitel des Romans mit Griseldis 
wirkt in ihm nach. Ein dummes Wort, „Don Juan“. Die Sache 
ist gar nicht so, wie sich die Frauen das denken. Man 
studiert nur alle, weil man die eine, die man sucht, nicht 
findet. Es blieb leer in ihm seit Griseldis. Und je eifriger er 
sich bemüht, das alte Gefühl durch ein neues zu töten, desto 
tiefer wird seine Überzeugung, daß Griseldis unersetzlich sei. 
Die neuen Beziehungen zu Frauen boten wenig mehr als Be 
friedigung der Eitelkeit. Ob das mit der kostbaren Ilse anders 
werden könnte? Vielleicht, vielleicht! Er hat sie absichtlich 
übersehen, um sie desto sicherer zu ködern. 
Er ließ sich Zeit. Er sagt sich, die hat viel in die Wagschale 
zu werfen. Sehr viel, aber dennoch, — es fehlt das, was Asir 
vor allem liebt: Frauen-Kindlichkeit. Die Ilse ist zu bewußt, 
ihm zu ähnlich in dieser Hinsicht. — Am Dienstag Nach 
mittag fängt er früh an mit seiner Toilette und verfährt un 
gewöhnlich sorgfältig. Als er Weggehen will, kommt der Post 
bote. Asir überblickt die Zeitungen, Bühnenblätter, Liebes 
briefe, Zeitschriften, und findet darunter — 
Asir muß sich setzen. Dieser kleine, ungeschickt ge 
schriebene Brief läßt sein Herz wild und glücklich klopfen. Er 
lächelt wie ein Kind, reißt den Brief auf und liest und liest 
— nur das eine, daß er sie wieder hat, daß alberne Mißver 
ständnisse zwischen ihnen gelegen hätten, daß er nicht nach 
tragend sein darf, daß er schreiben muß. Asir küßt den 
Brief. Seine ganze begrabene Zärtlichkeit wird lebendig. Er 
fühlt, wie hartnäckig er Griseldis immer geliebt hat, und wie 
töricht und aussichtslos es war, sie vergessen zu wollen. 
Die übrigen Briefe liest er flüchtig. 
Er nimmt einen Bogen Papier und setzt mit Bleistift eine 
Antwort an Griseldis auf, die ersten überstürzenden Worte, 
die ihm einfallen (die ihm vielleicht entfallen könnten). Er 
läßt alle Berechnung und Zurückhaltung beiseite und schreibt 
überströmende, heiße Worte der Liebe. Zum ersten Male in 
seinem Leben gibt er sich ohne Vorbehalt und ohne Maske. 
Als er zufällig auf die Uhr sieht, fällt ihm ein, daß er ja 
mit Ilse verabredet ist. Nun ist es allerdings zu spät. Und 
das ist gut so! Er ist jetzt ganz bei Griseldis und will sich 
nicht stören lassen. Treffen wird man die Ilse schon ge 
legentlich wieder 
Und er empfindet die Genugtuung, den Kitzel der Eitelkeit, 
daß diese schöne, kostbare Ilse jetzt auf ihn wartet, und daß 
er nicht kommt . . .
        
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