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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jahrg. 27 
Nr.to 
4 
Cucian CTenmers 
in junger Mann, wir wollen ihn Julius nennen, 
liebte die Tochter eines Edelmannes, Coe- 
lestine sei ihr Name, die überaus schon und 
tugendhaft war. Gern hätten sie die Eltern 
an einen reicheren Freier verheiratet, aber 
da Julius begabt und von reinen Sitten er 
schien, so hatten sie seinem Antrag statt 
gegeben, und er erfreute sich sich nun des 
nahen Glückes seiner Verbindung mit dem schönen Mädchen. 
Er pflegte die Ferien, die seine Studien auf einer entlegenen 
Hochschule unterbrachen, meist auf dem Landgute seiner 
künftigen Schwiegereltern zu verbringen. 
Hier weilte er auch, als Coelestinens Eltern einen Familien 
tag auf ihrem Landsitz hielten, dessen Schloß nur für wenige 
Gäste eingerichtet war. Man quartierte Julius also aus und 
wies ihm ein Kämmerchen in der Wohnung des Gärtners an, 
die über dem Wagenschuppen nach dem Garten hinaus ge 
legen war. Zu diesem Zweck hatte man das kleine Söhnchen 
des Gärtners, das im Sommer in dieser Kämmer schlief, neben 
an bei seiner erwachsenen Schwester einquartiert. Diese 
Schwester, Ännchen genannt, war weniger tugendhaft nach 
der Auffassung, die etwa das Fräulein vom Schloß in diesen 
Dingen hatte, wie ja die Auffassungen von Tugend recht ver 
schieden zu sein pflegen. Ihr galt es für eine vornehme weib,- 
liche Tugend, zu beweisen, daß sie fähig sei, einem Kinde 
das Leben zu schenken zur Freude ihres Liebsten — eine Art 
Tugendhaftigkeit, die in bäuerischen Gegenden sehr geschätzt 
wird. — 
auf ein warmes Lager niedergezogen und bekam ins Ohr ge 
flüstert: „Still! Ganz still! Der Franzi schläft heut Nacht hier 
drin!“ Julius erkannte die Flüsterstimme: Ännchen war es, die 
ihn für ihren Liebsten hielt. Dessen nächtliche Besuche 
schienen ihr also nichts Ungewöhnliches zu sein. Was konnte 
Julius, nachdem er nun einmal in das verkehrte Kämmerchen 
gestiegen war, anderes tun ohne Aufsehen zu erregen, als sich 
in die Rolle des wackeren Fenstersteigers zu finden, die ihm 
aufgedrängt wurde? — Zumal auch diese Wendung wiederum 
seiner Stimmung in hohem Maße entsprach. 
Das Wetterleuchten jedoch verstärkte sich mehr und mehr. 
Deshalb beschloß Julius, als er nach einiger Zeit wieder er 
wachte, das Lager zu verlassen, das ihn so gastfrei empfangen 
hatte. Er bedachte, daß nicht nur die zunehmende Helligkeit 
der Blitze ihn entlarven könnte, sondern daß auch vor dem 
Hereinbrechen des Wetters derjenige, dessen Stelle er hier 
vertrat, heraufkommen könnte; was für ihn in mehr als einem 
Punkte unangenehm werden durfte. Er verließ also ohne die 
liebliche Schläferin zu wecken, die Kammer und stieg die 
Leiter hinab. Er konnte gerade noch seinen Frack vor den 
ersten niederklatschenden Tropfen bergen und gelangte nun 
endlich in das ihm zugewiesene Bett zur wohlverdienten Ruhe. 
Damit hätte die Geschichte ein Ende, Ännchen hätte ihren 
Besuch, der Student eine Auslösung seines Tatendranges und 
die Familie ihre Ruhe gehabt, — wenn sich nicht ein unschuldi 
ger Zeuge des nächtlichen Besuches nachträglich noch ge 
meldet hätte, um höchste Verwirrung in die glücklichen Ver 
hältnisse des Landsitzes zu tragen. 
Die heitere Abendgesellschaft des Eamilientages war bis in 
die Nacht hinein ausgedehnt worden. Julius hatte wacker 
mitgezecht, wie das einem Studiosen zukommt, und hatte 
manchen verstohlenen feurigen Blick in die Augen seiner 
schönen Braut getan, den diese aber nur züchtig erwidert 
hatte. Schließlich waren die letzten Gäste in den Quartieren 
verschwunden, und Julius verabschiedete sich von seiner 
Braut mit einem Kuß, dem sie sich aber der umstehenden 
Verwandten halber schnell entzog. Außerdem klagte sie über 
Kopfweh. In Julius dagegen schlugen die Flammen hoch, als 
er sie so reizend davonschreiten sah. Er war erfüllt von einem 
Drang zu umarmen, zu tanzen, und ärgerte sich innerlich über 
die immerhin recht fade Verwandtschaft seiner Braut. Es half 
ihm aber nichts — er wurde aufgefordert, sein Kämmerchen 
ohne viel Geräusch aufzusuehen. Er begab sich also hinüber zu 
dem Gärtnerhaus und fand zu seinem Erstaunen und wider 
die Abrede die Tür verschlossen. Er überlegte, ob er Lärm 
schlagen sollte. Das Schloß lag in tiefem Dunkel, die Woh 
nung des Gärtners auch; aber ein hin und wieder aufblitzendes 
Wetterleuchten ließ die geöffneten Fenster des Oberstockes, 
wo seine Schlafstätte lag, klar erkennen, dazu in dem Winkel, 
den die Wirtschaftsgebäude bildeten, eine lange Leiter. Schnell 
war der Entschluß gefaßt, der durchaus der Stimmung des 
Studiosen entsprach. Er lehnte die Leiter an das Fenster, das 
nach seiner Meinung in das ihm zugewiesene Schlafkämmer 
chen führte und stieg hinauf. Zuvor aber hatte er seinen neuen 
Frack und seine seidene Weste — hell aus eingebildeter Vor 
sicht und halb aus weinseligem Übermut — unten an einem 
Haken der Wand säuberlich auf gehängt. In Hemd und Hose 
schlüpfte er also zu dem kleinen Kammerfenster hinein. 
Zu seinem Erstaunen und seiner höchsten Belustigung 
empfing ihn ein leises warnendes „Pst! Pst!“ und zwei weiche 
Mädchenarme tasteten in der Dunkelheit nach ihm. Er wurde 
Am nächsten Morgen nämlich begegnete die schöne Braut 
unseres Julius dem kleinen Franzei, der sich heiter in der 
Frühsonne auf dem Rasen kugelte. Coelestine machte ihn 
freundlich auf das Unziemliche seines Benehmens aufmerksam 
und begann ein kindliches Gespräch mit ihm. Vielleicht war 
es sogar eine verführerische Wallung ihres Blutes die sie, des 
Schlafes des Geliebten gedenkend, zu der Frage veranlaßte: 
„Weißt du auch, wer in deinem Bettchen heut Nacht ge 
schlafen hat?“ — Das Kind schüttelte den Kopf. „Nun, der 
junge Herr Julius!“ Das Kind schüttelte wieder den Kopf. 
Coelestine lachte; „Aber ganz gewiß!“ — „Nein“, beharrte 
Franzei und gab zu verstehen: der habe in Ännchens Bett 
geschlafen. Coelestine lachte noch mehr. „Aber wie kommst 
du bloß darauf? In deinem Kämmerchen hat er geschlafen!“ — 
„Nein, bei Ännchen hat er geschlafen“, behauptete der Kleine 
unentwegt. Coelestine wurde sehr nachdenklich. Aber — wo 
her weißt du denn das?“ stammelte sie. „Hab’s gesehen“, be 
deutete Franzei. Nun glaubte Coelestine den erschrecklichen 
Grund dieses kindlichen Eigensinns zu durchschauen. Sie ließ 
den erstaunten Knaben stehen und eilte Schluchsend Zu ihrer 
Mutter. — 
Julius, befragt, versuchte errötend zu leugnen, sprach aber 
doch von dem Fenstersteigen in seiner Verwirrung, niemand 
glaubte ihm, der innerlich den kleinen Franzei verfluchte. 
Ännchen, das gute Kind, gestand auf die Untersuchung 
des Falles hin heulend einen Besuch ein und war fassungslos 
als sie erfuhr, daß es der junge Herr gewesen sei. 
Die Verlobung wurde kurzerhand gelöst. Aber das Schick 
sal ist manchmal gerecht; Coelestine, die nun nach dem Wun 
sche ihrer Eltern einen reichen Standeisherrn heiratete, blieb 
zeitlebens kinderlos. Ännchen aber hat ihrem Eheliebsten 
eine ganze Schar Buben und Mädels geschenkt.“
        
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