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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jaßrg. 27 
Nr. 1 
22 
Der CLbenteurer 
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E r hatte sie satt, die enge kleine Stadt mit den 
schlecht gepflasterten Gassen, den muffigen 
Lädchen, in denen es für seinnti.Geschmack doch 
nichts zu kaufen gab, sein Büro mit den staubigen 
Akten, den Frühschoppen in der Bavaria, den Stamm 
tisch im Kasino, wo sie immer dieselben Witze auf 
tischten, den Kaffeeskat im Zentralhotel, die zitronen 
gelben Briefkästen an den Straßenecken, der Spaziergang 
in dem ewigen Rosengarten durch die schattige Allee 
am Rennplatz vorbei, auf dem seit dem vorigen Jahr 
hundert keine Rennen mehr stattfanden und jetzt die 
Ziegen grasten . . . 
Durch diese Allee war einst der Herzog Lauzun 
gesprengt und in vergoldeten Karossen zu seinen 
Rendezvous gefahren mit pfälzischen Hofdamen und 
anderen schönen Frauen. Er mußte immer an ihn 
denken, wenn er spazieren ging, an diesen lebenstollen 
Grandseigneur, der sein Leben mit elf Jahren auf dem 
Schoß königlicher Mätressen begonnen hafte und mit 
zweiundvierzig auf dem Schaffet geendet... In dem 
selben Alter wie er ... Immerhin, der hatte sein Leben 
wenigstens ausgenutzt. Seit ihm in der Stadtbibliothek 
das alte blaue "Buch über das Leben Lauzuns in die 
Hände geraten war, hatte er begonnen, über sein eignes 
Leben und seine Zwecklosigkeit nachzudenken. Welche 
Gelegenheiten hatte er versäumt, was für Genüsse un- 
erprobt an sich vorübergehen lassen, und niemals hatte 
er einen Liebesbrief in jene zitronengelben Briefkästen 
gesteckt... Er wohnte seit dreißig Jahren in derselben 
Stadt, demselben engen verbauten unbequemen Haus, 
derselben dunklen Straße mit derselben Aussicht auf 
andere ebenso winklige, verbaute, alte graue häßliche 
Häuser, wie das seine es war, mit denselben Kollegen, 
denselben Familien, derselben Frau ... Es war Frühling, 
alles blühte und duftete um ihn ... nein, er hielt es nicht 
mehr aus. Und eines Tages saß er im Zug und fuhr 
nach Wiesbaden. Er nahm Zimmer in einer eleganten 
Pension am Kurpark, von der ihm der Ober des 
Zentralhotels mit Augenzwinkern gesagt, es ginge dort 
hoch her. — 
Aber er fand nur einige ältere Ehepaare dort und ein 
paar vertrocknete Engländerinnen. Die Saison hatte 
scheinbar noch nicht begonnen. Er durchstreifte den 
Kurpark, die Anlagen und Straßen der Stadt in weißen 
Gamaschen, einem tadellos neuen hellen Frühjahrs 
anzug, in dem er von weitem wie ein Jüngling aussah, 
und mit einem Monokel. Im Lesesaal hielten sie ihn für 
einen pensionierten General. Überall begegnete er 
schönen Frauen, aber er fand keine Gelegenheit, mit 
ihnen näher bekannt zu werden, — Eines Nachmittags 
traf er an den Tennisplätzen eine hochgewachsene junge 
Dame mit weizengelbem Haar, ganz in Weiß, mit ein 
paar roten Nelken am Gürtel, die ihn auf eine sonder 
bar vertrauliche Art anlächelte. Das Herz schlug ihm ... 
Er folgte ihr auf Schlängelwegen durch den Park, und 
bemerkte, daß sie sich ein paarmal zögernd nach ihm 
umsah ... Eine Schwedin sicher, die hier fremd war ... 
Ihr Wuchs bezauberte ihn, ihr leichter schwebender 
Gang, die kleinen Rehfüßchen in den weißen Schuhen .. . 
Am Ausgang, vor dem Lesezimmer, holte er sie ein und 
sprach sie an. — Aber die Dame wich entsetzt drei 
Schritt zurück und schrie mit heller Stimme: Schutz 
mann, Schutzmann!! Da kam schon einer um die 
Ecke . . . Die Herren im Lesesaal warfen die Zeitungen 
auf den grünen Tisch und stürzten heraus. Er ergriff 
die Flucht. Aber seine Verfolger waren ihm auf den 
Fersen, von allen Seiten kamen sie ihm nachgerannt, 
und er rannte voraus, durch die lange Allee, an Bänken 
vorüber mit erschrockenen Damen, die ihm nachriefen: 
haltet ihn, haltet ihn! Und hinterher kam eine Menge, 
die sich immer zu vergrößern schien, alte Herren, die 
Schirme schwangen, Kinder und Hunde, Radfahrer und 
hinterher der dicke Schutzmann, der sich im Laufen das 
Seitengewehr festhielt. — 
An der Post holten sie ihn ein, umringten ihn und 
hielten ihn fest, und die Regenschirme sausten auf 
seinen neuen Hut... Der Schutzmann mußte ihn vor 
der Wut der Menge schützen. Er schrieb seinen Namen 
auf, er mußte ihm mit zur Polizei folgen. Nachdem er 
seine Strafe gezahlt, schlich er auf Umwegen in seine 
Pension und legte sich zu Bett. 
Drei Tage ließ er sich nicht in der Nähe des Kur 
gartens blicken. 
In der Pension war dieser Skandal bekannt geworden. 
Man rückte von ihm ab, von einem Mann, der am hellen 
Tag auf offener Straße Damen anfiel — — fi donc! . ,. 
Am nächsten Morgen kündigte ihm der Wirt das 
Zimmer. — 
Er fuhr nach Hamburg. In dieser Weltstadt konnte 
man sich wenigstens frei bewegen, dort verschwand der 
Einzelne in dem bunten Strom der Welt. Von schlanken 
blonden Schwedinnen hatte er genug. 
Und er hatte Glück. 
Am ersten Abend begegnete er, während er auf 
St. Pauli spazieren ging, einer entzückenden brünetten 
Dame, sie war klein, zierlich, von japanischem, sehr 
interessantem Äußeren, in einem hocheleganten grauen 
Chiffonkleid. Sie trug einen Griffon im Arm, und 
ging mit kleinen Trippelschrittchen vor ihm her. Er 
schwärmte für das Exotische. Diese Bekanntschaft war 
leichter geknüpft. Ein Blick, und es war geschehen . . . 
Die Dame strich mit leichtem Schritt an ihm vorbei 
und hauchte: Sie und kein anderer... Ein fabelhafter 
Duft umwehte ihn, ihre schwarzen Sammetaugen blitzten 
ihn an . . . Von dem, was dann geschah, ist in seinem 
Gedächtnis nur eine nebelhafte Erinnerung zurück 
geblieben. An ein Auto, das vorüberfuhr, das er anrief, 
sie steigen ein und fuhren durch dunkle Alleen an einem 
Wasser dahin, dessen Ufer von Lichtern glitzerten. Und 
in seinem Arm schmiegte sich eine reizende Frau, eine 
sanfte zärtliche Stimme sprach zu ihm, ein Herz klopfte 
gegen das seine... er war glücklich ... endlich, end 
lich . .. sein Leben hatte einen Inhalt bekommen ... das 
Abenteuer, das langersehnte, hielt er in seinem Arm . . 
Sie fuhren durch dunkle Straßen, die sich immer enger 
zusammenzuschließen schienen, nach ihrer Wohnung, 
und über ihnen blinkten tausend leuchtende Sterne am 
blauen Nachthimmel... Am Ende einer Straße vor 
einem hohen Hause hielten sie und stiegen aus. Das 
Haus lag dunkel, sie gingen eine Treppe herauf, die 
kleine Hand der Japanerin hielt ihn fest. Oben vor einer 
Glastür, hinter der Licht brannte, läutete sie dreimal. . . 
In dem runden Guckloch der Türe erschien ein Auge. 
Und mit einem Ruck öffnete sich diese Türe, und vor 
ihnen stand ein junger Mann von gewalttätigem Aus 
sehen, der ein Messer in der Hand trug ... „Sie haben 
meine Frau verführt!“ rief er, und drang auf den Sprach 
losen ein . .. Aber der hatte die Lage erfaßt. Mit einem 
gewaltigen Stoß befreite er sich von den Händen dieses 
Unbekannten, gab ihm einen Stoß, daß er gegen die 
Wand taumelte, sprang die Treppen hinab und entfloh. 
Er irrte durch die dunklen Straßen, bis er sich im Hafen 
viertel wiederfand. Ein Schutzmann brachte ihn nach 
seinem Hotel zurück, dort fuhr er auf sein Zimmer und 
schloß sich ein und drehte den Schlüssel dreimal um .,. 
Am nächsten Morgen mit dem ersten Zuge fuhr er nach
        
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