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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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Nr. p 
UNIV.-B1BL 
BERLIN. 
ein paar Tagen. Die weiß noch nicht Bescheid und schickt 
mir dann die kleine Hamburger weg, die mir obendrein meine 
neue Rolle mitbringen soll!“ 
Sie gab ihm noch so einen Kuß, daß seine Krawatte ver 
rutschte und wuschelte ihm die ganzen Haare durcheinander. 
Dann stand sie auf, um an ihren Platz zu gehen. 
Das war ihr Glück, sonst wäre die Situation nicht mehr zu 
retten gewesen. 
Denn in diesem Augenblick wurde die rosa Plüschportiere 
beiseite geschlagen und eine Dame trat ein. 
Der Assessor und die Schauspielerin machten beide ihre 
Augenlider ganz weit auf und öffneten leicht den Mund. 
Einen Augenblick waren sie wie erstarrt. 
Die Dame, die etwas davon bemerkte, so halb im Unter 
bewußtsein, sagte: „Ach, ich störe wohl, gnädiges Fräulein, aber 
das Dienstmädchen sagte, ich könne ohne weiteres eintreten.“ 
Da stürzte die Schauspielerin, die jetzt ganz Schauspielerin 
war, auf sie zu; „Aber, ich bitte Sie, gnädige Frau, das freut 
mich ja sehr, Sie zu sehen. Es hat mir neulich, als ich bei 
Ihnen Besuch machte, so überaus leid getan. Sie nicht an 
getroffen zu haben. Wie ist Ihnen der Ball beim Statthalter 
bekommen? — Darf ich Sie bitten, Platz zu nehmen“, damit 
zog sie einen Louis XV.-Sessel herbei. 
„Sie werden sieh wundern, daß ich erst so spät frühstücke, 
aber am Sonntag muß man die Gelegenheit schon wahr 
nehmen. Am Werktage hat man die vielen Proben . . 
Mittlerweile war der Assessor, der sich viel schwerer von 
seiner Erstarrung erholt hatte, aufgestanden und erwartete 
sein Schicksal. 
Jetzt fiel der Blick der Schauspielerin auf den Assessor, 
auf den schon so mancher fragende Blick der Dame gefallen 
war und sofort sagte sie, leicht mit dem rechten Arm auf 
ihn zeigend: „Darf ich Ihnen meinen Hausarzt vorstellen?“ 
Als sie das gesagt hatte, ging es wie eine Art Erlösung über 
das Gesicht der Dame und sie wurde ihrem überaus lebhaften 
Temperament entsprechend heiter und gesprächig. 
Der Assessor aber verbeugte sich und eine jähe Röte schoß 
ihm ins Gesicht. 
„Ich hätte gar nicht geglaubt, daß Sie leidend wären“, sagte 
jetzt die Dame. 
Und die Schauspielerin erwiderte: „Ganz gesund sind wir 
ja alle nicht beim Theater. So’n bisserl hat jede schon 'was 
weg. Und Sonntags ist auch der einzige Tag, da ich meinen 
Hausarzt sehen kann und da frühstückt er halt immer mit mir.“ 
„Sehr gemütlich“, erwiderte die Dame, „so muß es auch 
sein, dann bildet sich das richtige Vertrauen zwischen Arzt 
und Patient. Wir sind ja jetzt erst neu hierher versetzt worden 
und haben noch keinen Arzt, obgleich ich gerade jetzt einen 
Arzt nötig hätte. Wie wäre es, Herr Doktor, wenn Sie unser 
Hausarzt würden. Ihre Patientin sieht so wohl aus, daß ich 
ännehmen muß, daß Sie Ihr Handwerk verstehen.“ 
Der Assessor verbeugte sich nur. 
Jetzt nannte sie ihre Adresse, frug aber seltsamerweise 
weder nach seinem Namen und seiner Adresse, sondern 
schwatzte darauf los, schwatzte das Blaue vom Himmel her 
unter ünd sagte dann plötzlich: „Herr Doktor, Sie könnten 
mir eigentlich gleich helfen. Es schmerzt mich und es beun 
ruhigt mich gleichzeitig ein wenig. Es ist vielleicht eine gütige 
Fügung, daß ich Sie gerade hier getroffen habe, denn in einer 
ganz fremden Stadt ist es doch immer so eine Sache, zu einem 
ganz fremden Arzt wegen einer so delikaten Sache zu laufen, 
obgleich ich den Arzt gar nicht als Mann betrachte“, dabei 
schob sie ihre Blaufuchsboa zurecht. 
Und nun berichtete sie von ihrem kleinen Leiden, berichtete 
von Bezirken, von denen man in Gesellschaft nicht spricht, 
Es handelte sich um einen kleinen Pickel, der sie schmerzte. 
Plötzlich sagte sie: „Herr Doktor, könnten Sie mich nicht 
vielleicht gleich untersuchen und mir etwas verschreiben, 
dann bin ich die Sache los?“ 
Der Assessor, der eine sehr gute Kinderstube auf dem 
Schloß genossen, aus dem er stammte, erwiderte aus reiner 
Gewohnheit: „Sehr gern“ und wurde dabei puterrot. 
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IUII1II r, 
Jahrg. 27 
Die Dame wandte sich jetzt an die Schauspielerin und 
sagte: „Und nicht wahr, Sie erlauben, daß ich mich da in 
Ihrem Schlafzimmer ausziehe, dann kann der Herr Doktor 
nachher hereinkommen, wenn ich ausgezogen bin. 
Auch die Schauspielerin stammelte ein „Sehr gerne“ und im 
Nu war die temperamentvolle Dame aufgesprungen und frug: 
„Wo ist Ihr Schlafzimmer?“ 
„Hier, Frau Baronin“, und fast mechanisch führte sie die 
fremde Dame in das Nebenzimmer. 
Als sie verschwunden war und die beiden alleine, sahen sie 
sich an und rangen dann die Hände. „Was tun?“ 
Ihm lief es bald eiskalt, bald siedend heiß über den Rücken 
und bei ihr meldete sich im Unterbewußtsein Eifersucht, 
denn die fremde Dame war sehr hübsch. 
Hier galt es aber zunächst die verteufelte Situation zu 
retten. Plötzlich schrie sie halblaut auf, rannte an ihren 
Schreibtisch, riß eine Schublade nach der anderen auf, kramte 
in alten und neuen Papieren herum und riß plötzlich ein 
langes, schon altes Papier heraus, wie es die Ärzte zum 
Schreiben ihrer Rezepte verwenden. 
Dann flüsterte sie, es ihm in die Hand stopfend, zu: „Da 
hast du ein Rezept gegen Pickel, ganz harmlos. Das hat mir 
ein Arzt verschrieben. Schreib’s rasch ab.“ 
Der Assessor begriff sofort, eilte an den Schreibtisch und 
schrieb das Rezept auf einem schmalen Stück Papier ab, das 
er zurechtgeschnitten. 
Kaum war er fertig, ertönte eine Stimme aus dem Neben 
zimmer: 
„Herr Doktor, ich bin jetzt fertig.“ 
Der Assessor rang noch einmal stumm die Hände, konnte 
aber ein gewisses Schmunzeln doch nicht unterdrücken und 
schritt ins Nebenzimmer. 
Die Dame hatte ihren Hut, ihre Boa, ihre Pelzjacke abgelegt 
und das Korsett gelockert und saß nun etwas beschämt und 
erwartungsvoll da. 
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