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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

JaBrg. 27 
Nr. 9 
18 
Jofantfie Marts 
mgeben von einem Kranz von Kavalieren ruhte sie in 
ihrem Sessel. Vornehm. Elegant. Mit großem Raffine 
ment gekleidet. 
Umspannt von einem silberdurchwirkten, elfenbein 
farbenen Seidenschal, der Büste und Nacken frei ließ, 
dehnte und reckte sie sich in den Kissen. Jede Linie ihres 
schlanken Körpers gab sie den bewundernden Blicken preis. In 
dem weißgepuderten Gesicht brannte der kleine blutrote Mund 
wie ein Feuermal. Die dunkelbraunen Augen, die von langen 
Wimpern tief beschattet, blickten unter den halb geschlossenen 
Lidern müde und gelangweilt in die Runde. 
Ach, wie sie des ewigen Liebesspiels überdrüssig war. Das 
immer und immer dasselbe war, nur das die Figuren wechselten. 
Anbetung. Schwüre. Küsse. Umarmungen. Enttäuschung. 
Schluß. Immer derselbe Kreislauf. 
Blonde, braune und schwarze Männerköpfe hatten an ihrer 
Brust geruht, hatten Wonnen erhofft, gefunden und auch ge 
geben. Das wollte sie nicht ableugnen. Aber, nun war dieses 
alles abgestumpft. Nicht mehr die kleinste Erregung spürte 
sie in der Nähe dieser Männer. Sie und ihre Liebe waren ihr 
Typ geworden. Und sie begann sie zu hassen, diese eleganten 
Gentleman, die auf den Pfaden der Liebe bewandert, sie als 
ein kostbares Beutestück zu vorübergehendem Besitz erstritten. 
Und plötzlich geschah etwas sonderbares. 
Myra Skotta, die elegante, vornehme Frau, Öffnete weit, un 
glaublich weit den kleinen blutroten Mund und gähnte — 
gähnte wie eine ganz unkultivierte Dame. 
Und die blonden, braunen und schwarzen Männerköpfe um 
sie herum sahen mit einem erstaunten, ungläubigen Lächeln 
auf die schöne Frau und sagten: „Gnädigste scheinen sich zu 
langweilen in unserer Gesellschaft.“ Sie sagten es alle zu 
gleicher Zeit und es klang, als ob die Worte aus einem Munde 
kämen. 
„Ja, ich langweile mich ganz entsetzlich. Es tut mir leid, es 
Ihnen sagen zu müssen, ich kann Ihrer Gegenwart kein Inter 
esse mehr abgewinnen.“ 
„So wünschen Gnädigste, daß wir uns entfernen?“ Dieses 
Mal tönte nur eine Stimme. Es war ein langer Blonder, der 
sprach und dessen Gesicht eine beleidigte Miene zeigte. 
„Ja, lassen Sie mich allein, vielleicht werden Sie mir durch 
Ihre Abwesenheit interessanter werden.“ 
Der Männerkranz um sie herum schnellte empor. Die Köpfe 
wiegten sich. Ein leises Gemurmel und Myra blieb allein auf 
der großen Hotelterrasse zurück. 
Während sie sich noch tiefer in die Kissen hineinschmiegte, 
kam ein befreiender Seufzer von ihren Lippen, dann griff sie 
nach ihrem silbernen Zigarettenetui und zündete sich eine 
Zigarette an. Nachdenklich blies sie die blauen Wölkchen in 
die Luft. 
Warum hatte dieser Überdruß sie so plötzlich überfallen? 
War sie keines Gefühles, keines Sinnenrausches mehr fähig? 
Ein Lächeln umspielte den kleinen, blutrotgefärbten Mund. 
„Gar<;on, geben Sie mir Feuer!“ 
Hell klang ihre Stimme durch den menschenleeren Raum. 
Der die Tische abräumende Knabe flog dienstbereit zu ihr 
hinüber. 
Schlank und schmal, mit großen Kinderaugen in dem 
rosigen Gesicht stand er vor ihr. Ihre, unter den Lidern blin 
zelnden Augen glitten über ihn hin. 
Ihre Zigarette brannte und er wandte sich zum Gehen. 
„Wie heißen Sie?“ rief ihre Stimme ihn zurück. 
„Pauk“ 
„Sagen Sie mir, Paul, haben Sie schon mal geliebt?“ 
„Ich habe eine Braut“, sagte er und warf sich in die Brust. 
„Eine Braut? Wie alt sind Sie denn?“ 
„Sechzehn Jahre.“ 
„Sieh mal an. Erst sechzehn Jahre alt und schon eine Braut! 
Und die lieben Sie natürlich?“ 
„Ich glaube wohl.“ Ein wenig unsicher kamen die Worte 
von seinen Lippen. 
„Sie sind ein hübscher Junge, Paul — hat Ihnen dies noch 
niemals eine Frau — ich meine eine Dame, wie ich es bin — 
gesagt?“ 
Er schüttelte den braunen Lockenkopf, während sich in 
seinen Augen ein helles Staunen malte. 
„Sie sind die erste Dame, die so zu mir spricht — und Sie 
sollten es auch nicht tun — denn — Sie machen sich nur lustig 
über mich.“ — 
Er warf den Kopf in den Nacken und blickte sie vor 
wurfsvoll an. 
Noch einmal glitten ihre Augen prüfend über ihn hin. 
Dann erhob sie sich mit einem Rucke und trat ganz nahe zu 
ihm hin. „Ich mache mich nicht lustig über Sie, Sie gefallen 
mir. Ich glaube, es lohnt sich, sich ein wenig mit Ihnen zu 
unterhalten.“ 
Sie war ihm so nahe gekommen, daß er den Duft ihres 
Körpers einatmete. Ihre nackte Schulter berührte seine Ärmel. 
Eine Blutwelle überzog sein Gesicht und ein Zittern lief 
durch seine Glieder. 
Sie lachte leise auf. „Nun — hast du mich verstanden?“ Sie 
drehte ihm den Rücken zu, so daß er die Blöße ihres Nackens 
bis zur Taille sehen konnte, wandte den Kopf über die Schulter 
und sagte leise und bestimmt: „Ich erwarte Sie heute Nach 
mittag — vier Uhr —“ Dann schritt sie ganz langsam durch 
den Raum der Türe zu. 
Ehe sie über die Schwelle schritt, wandte sie sich noch 
einmal zurück und blickte auf den versteinert ihr nahe stehen 
den Knaben — —
        
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