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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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Nr. 9 
Jafirg. 27 
dunkleren Gebüsche zu ziehen und Rosenduft wehte von den 
Beeten am Badhause herüber. Man stieg am Ausgang des 
Parkes aus und legte das letzte Stück des Weges zu Fuß zu 
rück. Dabei geriet die Gesellschaft wie zufällig in die Nähe 
des Gartenhäuschens. Die Gräfin gebot den Gästen Schweigen 
und führte sie mit komischer Vorsicht zur Tür des Pavillons, 
der bereits ganz im Dunkel lag. Hier ließ sie den begleitenden 
Diener in der mitgebraohten Laterne eines Wagens Licht 
machen und öffnete die Pforte. Sie hatte richtig spekuliert: der 
Pavillon, den sie selber in den letzten Tagen gemieden hatte, 
war der Liebestempel des Barons und seiner unschuldigen Ver 
triebenen geworden. — Das Bild, das sich den Ankommenden 
jetzt darbot, war gewiß sehr reizvoll. Aber die Gräfin schlug 
doch sogleich mit gespielter Entrüstung die Tür wieder zu, 
nachdem ein Schrei aus dem Innern des Häuschens verklungen 
war. Nun brach die Gesellschaft in ein helles Gelächter aus, 
und der Vorfall gab den einzelnen Paaren manchen Anlaß zu 
mehr oder weniger erlaubten Scherzen. Die Gräfin empfahl 
sich noch vor dem Eingang des Gartensaales, wo ihre Jungfer 
sie empfing, und entschuldigte sich wegen plötzlicher Un 
päßlichkeit. 
Der Baron und die Marchesa ließen sich nicht wieder 
blicken, bevor die Besucher der Gräfin den Ort verlassen 
hatten. 
Dann aber nahm sich diese ihren jungen Freund vor und 
sagte zu ihm: „Sie sind erzürnt auf mich, mein Lieber, weil 
ich Ihre Liebesfreuden in meinem Gartenhause gestört habe. 
Ich denke: ich hätte vielmehr Grund, über Ihr Verhalten 
zornig zu werden. Sie haben die junge, schutzlose Fremde auf 
das Schwerste in ihrem Rufe geschädigt, — ja. Sie haben sie 
vor meinen Verwandten und vor der Dienerschaft unmöglich 
gemacht. Ich kenne Ihren moralischen Charakter zu gut, um 
nicht überzeugt zu sein, daß Sic an der Marchesa ebenso 
handeln werden wie an mir — nämlich so, wie es die Ehre 
erheischt. Mich durften Sie nicht mehr lieben, weil die Freund 
schaft des Grafen dies vor Ihrem Gewissen und Ihre Ehre 
nicht erlaubte — die Marchesa müssen sie aus eben demselben 
Grunde in ihr Herz aufnehmen, ja, noch mehr: Sie müssen 
sich mit ihr, die ihre Unschuld Ihnen opferte, vor der Welt 
verbinden. Die Ehre fordert das von Ihnen, mein Freund!“ 
In diesem Augenblicke trat die Fremde in den Salon ein, 
scheinbar verwirrt, aber auf einen gütigen Blick der Gräfin 
beherzt nähertretend. „Wie gut sich Ihr Besuch bei mir trifft 
mit dem, was ich eben im Sinne hatte!“, heuchelte die Gräfin. 
„Alles ist verzeihlich, mein gutes Kind, wenn ein reines Herz 
dazu trieb. Und unser Freund wird wissen, welche Folgerungen 
er aus seinem leichtsinnigen Verhalten zu ziehen hat.“ 
Schmeichelnd näherte sich die Brünette dem jungen Manne 
und neigte ihr Gesicht verschämt an seine Schulter. Das ver 
wirrte ihn sichtlich. Sein Atem ging schnell, seine Hände 
zuckten — was hätte er anderes tun Können, als sie in seine 
Arme schließen? — 
„Gut! Gut! Mein Freund! Ich eile, die Verlobung bekannt 
zu geben.“ Damit entfernte sich die Gräfin, dem Baron einen 
boshaft triumphierenden Blick zuwerfend. 
Als es sieh später bei der Erforschung der Verhältnisse der 
Fremden ergab, daß sie die verlassene Geliebte eines Höflings 
war und Tochter eines Strumpfwirkers, da versuchte der Baron 
das Verlöbnis rückgängig zu machen. Aber die Reize der Ge 
fallenen und sein .eigenes unbeherrschtes Blut machten ihm 
einen Strich durch die Rechnung. 
Und schließlich waren alle befriedigt: Die Gräfin hatte an 
einem verlogenen Liebhaber Rache genommen, die verlassene 
Geliebte war zwar nicht Marchesa, aber doch immerhin Ba 
ronin geworden und dem Baron ließ seine halb erzwungene 
Mesalliance weiten Spielraum Zur Befriedigung seines unruhig 
schweifenden Liebesverlangens. 
★ 
KAMI LI EN* GLÜCK 
Sie waren ein VerBältnis Beide, 
Sie feBten zusammen wie Mann und Trau, 
Und Beinern zur “Freude und Beinern zu Leide, 
Im Berrließen Lande .Sonnenßtau’, 
Sie Batten Beide drei Mädcßen, drei Jungen, 
Es ßerrscßte ecßter TamiCienBetrieB, 
Kein JaBreßen, das Ämor üßersprungen. 
Sie waren Beide recßt BinderCieß. 
Dotß Beines wollte zum Traualtäre, 
Die Eßefesseln seien nur Mord, 
Pfatohiseß allein sei das einzig Waßre, 
Und so leßten sie weiter platoniscß fort.
        
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