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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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Sr. 9 
JaHrg. 27 
ZWLIÜMSTTBEUE^ 
edor und Fedora waren richtiggehende Zwillings 
geschwister: von ein und demselben Herrn Papa 
und der gleichen Stünde gezeugt, von ein und 
derselben Frau Mama in ein und derselben Stunde 
geboren, von der Wärterin in ein und dasselbe 
-Steckkissen gelegt — auf zwo war man nicht 
vorbereitet — von dem Fräulein Amme ab 
wechselnd oder gleichzeitig mit ein und derselben 
Milch beköstigt. 
War es da ein Wunder, daß sie einander ähnlich 
sahen wie das berühmte eine Hühnerei dem anderen? 
Als sie noch ganz klein waren, konnte sie niemand unter 
scheiden, außer der Pflegerin, die sie trocken legte, und erst, 
als die schöne Zeit angebrochen war, wo Fedor Höschen und 
Fedora Röckchen tragen mußte, konnten die beglückten Eltern, 
Freunde und Verwandte die beiden Zwillinge richtig von ein 
ander kennen. 
Sie liebten sich gegenseitig mit jener heißen, innigen Liebe, 
die das Verhältnis zwischen Geschwistern verschiedenen Ge 
schlechts zu einem so wundervollen, reinen, unantastbaren 
Heiligtum macht. 
Als sie ungefähr 15 Jahre alt waren, bemerkten sie beide, 
daß ihr Interesse für Persönlichkeiten, die nicht ihres Ge 
schlechts waren, ein ungewöhnlich reges war. Sie verheim 
lichten das voreinander nicht, und so erfuhr Fedora, daß ihr 
Brüderlein die jungen Mädel, die als Freundinnen seiner 
Schwester in das elterliche Hau» kamen, zum Küssen nett fand, 
und Fedor wurde zum Beichtvater der Schwester, die ihm an 
vertraute, daß sie für den schönen, feurigen Schauspieler Holm, 
den ersten Liebhaber des Stadttheaters eine Schwärmerei im 
Herzen trug, die über die sonst in diesem Alter üblichen Back 
fischbegeisterungen für junge und temperamentvolle Mimen 
erheblich hinausging. 
Leider blieb Fedor nicht der alleinige Wisser dieses Ge 
heimnisses, denn eines Tages gab es im elterlichen Hause des 
Geschwisterpaares eine erhebliche Szene. Hatten doch ein 
wandfreie Zeugen wie Tante Clementine und Fräulein Rusche, 
die Schneiderin, festgestellt, daß Fedora nachmittags mehr 
mals, wenn sie vorgab, mit Schulkameradinpen englische Nach 
hilfestunden zu treiben, in der Wohnung des Schauspielers 
Holm geweilt hatte. 
Dieser Eklat hatte damit geendet, daß man Fedora nach 
Dresden in das Pensionat der ebenso sittenstrengen wie bor 
nierten Fräulein von Kalbszeh geschickt hatte. 
Dort hatte sich das süße Mädelchen ganz gut eingelebt, und 
da sie sich brav und einwandfrei geführt hatte, wurde ihr nach 
halbjähriger Abwesenheit die Erlaubnis zuteil, ihre Eltern zu 
den Ferien zu besuchen. 
Hierbei schwärmte sie ihrem, ihr immer noch in unwandelbarer 
Geschwistertreue zugetanen Bruder Fedor von der Liebens 
würdigkeit und Schönheit ihrer im Pensionat des Fräuleins 
von Kaibszeh gefundenen Freundin Hilda Liebherz vor; gleich 
zeitig aber entdeckte sie ihm, daß der Schauspieler Holm ein 
Gastspiel in Dresden vorhabe und sie habe wissen lassen, daß 
er von Montag, den 7. bis Mittwoch, den 9. für sie im Hotel 
Bellevue dortselbst allein zu sprechen sein würde. 
Beide Tatsachen ließen in den Herzen der Geschwister 
einen Plan reifen, der, wenn Shakespeare ihn erdacht hätte, 
in der Literaturgeschichte aller höheren Schulen als Muster 
gedanke gefeiert worden wäre, der aber, wenn Eltern und Er 
zieher ihn als das Resultat der Schläue von Fedor und Fedora 
erkannt hätten, sicherlich als die ärgste Verruchtheit des 
20. Jahrhunderts angesehen worden wäre. 
Aber Eltern und Erzieher merkten („leider“ muß der mo 
ralische Chronist melden) nichts von dem Plan. 
So konnte es geschehen, daß, als Fedoras Urlaub zu Ende 
war, Fedor aber noch eine Woche schulfrei hatte, die Ge 
schwister, gestützt auf die immer noch vorhandene täuschende 
Zwillingsähnlichkeit, die Kleider miteinander vertauschten und 
alsdann Fedor in Mädchenkleidern in Fedoras Pensionat, diese 
aber in des Bruders Sportanzug nach Dresden fuhren, wo die 
Kleine dem beglückten Schauspieler im Hotel Bellevue als 
bald beweisen konnte, daß sie nicht ihr Bruder sei; Fedor 
aber, der von den Eltern unschwer die Erlaubnis erhalten 
hatte, einige Tage in dem schönen Elbfiorenz zu verbringen, 
hielt einen etwas unbeholfenen Einzug in das Pensionat des 
Fräuleins von Kalbszeh. 
Und während Fedora in der von dem Schauspieler sorgfältig 
vorbereiteten Doppelzimmerwohnung des eleganten Hotels 
sich für drei Tage als Frau Holm fühlen durfte, mußte Fedor 
in der Rolle seiner Schwester den aufhorchenden Pensions 
schwestern von „Zu Hause“ erzählen. Das ging natürlich 
sehr gut. 
Etwas schwierige? gestaltete sich seine Situation dagegen 
am Abend, als es Schlafengehen hieß, und Fedor das kleine 
Schlafgemach mit der reizenden Hilda Liebherz teilen mußte, 
der er das Geheimnis von Fedoras Ab- und seiner eigener, 
Anwesenheit nunmehr nicht länger verheimlichen konnte. 
Aber nun denke man sich die völlig schlechte Hilda: Sie 
dachte gar nicht daran, der Pensionsvorsteherin Fräulein von 
Kalbszeh von der ungeheuerlichen Täuschung Mitteilung zu 
machen, sondern erwies sich dem Schicksal, in diesem Falle 
also dem listig-lustigen Fedor sehr dankbar dafür, daß es den 
beiden Zwillingsgeschwistern eine so frappante Ähnlichkeit 
verliehen hatte. 
Nach Ablauf von drei Tagen tauschten Fedor und Fedora 
ihre Kleidung an einem neutralen Orte aus und schieden von 
einander, äußerst befriedigt über den seltenen Beweis von Ge 
schwistertreue, den sie sich soeben geliefert hatten.
        
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