Path:

Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jahrg. 37 
Nr.l 
20 
6/ne bange lüafit 
Vrledricb 9ranz uon Conrütg 
ie Blondine mit dem Madonnengesicht 
und der herben, strengen, moralischen 
Lebensanschauung hatte ihren Diamant- 
ring verloren. 
Es war kein gewönlicher Ring, son 
dern ein altes Familienerbstück. Ein 
weißer Stein wurde von einer wunder 
vollen, Rätsel aufgebenden Fassung 
liebevoll umklammert. 
Wer den Ring sah, hörte Schleppen rauschen, sah 
Ahnenbilder, hörte Musik und sah mattleuchtende 
Kerzen . . . der Eingeweihte, der Kenner aber sah noch 
mehr. 
Alle, die sie im Flotel am Luzerner See umschwärmten, 
kannten den Ring, wie sie die Hand kannten, den er 
schmückte. 
Die schöne junge Witwe war das Ziel aller Wünsche, 
aller Sehnsucht, aller Träume, und kein Detektiv hätte 
sie treuer und unermüdlicher bewachen können, wie 
jeder der Herren ihre Schritte bewachte, aus Eifersucht 
bewachte, weil er sie dem anderen nicht gönnte. 
Hehr und unnahbar schritt Alice Freifrau von Nieder- 
wartegg durch den Dunst und Weihrauch dieser 
Wünsche hindurch, und nicht einmal der Saum ihres 
modernen Kleides schien von alledem berührt zu sein. 
Der Ring war verloren! Das war die Sensation der 
kleinen Gesellschaft, die sich um Alice geschart, und es 
begann ein unermüdliches Suchen nach dem Kleinod. 
Ein jeder wollte der Finder sein und hoffte für diesen 
Gefallen, den er erwiesen, auf einen großen Lohn. 
Die Herren suchten auf allen Plätzen, von denen sie 
wußten, daß Frau Alice, so wurde sie heimlich genannt, 
sie liebte und aufsuchte, Plätze am See, im Park, vor 
dem sterbenden Löwen, den Torwaldsens Meisterhand 
geformt, ja die Boote wurden durchsucht, die sie ge 
mietet, selbst in die Kirchen und Kapellen gingen sie, 
denn Frau Alice galt als fromm und hatte sich des 
öfteren an der Kirchentür von dem Schwarm ihrer Ver 
ehrer verabschiedet. 
Am eifrigsten von allen aber suchte der elegante Ritt 
meister Graf Geldern-Neuerz, der nach dem Krieg ein 
gehende keramische Studien gemacht und diese dann 
durch billige Einkäufe bei seinen Verwandten und 
Standesgenossen verwertet hatte. Er kaufte billig ein 
und verkaufte sehr teuer, so daß es ihm eine Kleinigkeit 
war, den Herbst über in Luzern zu verbringen und den 
See von einem Balkon seines Salons aus zu genießen. 
Der Graf war seit längerer Zeit verheiratet, aber er 
reiste allein, da er behauptete, seine Frau brächte ihm 
Unglück. Wenn sie anwesend sei, vermöchte er, keinen 
Kauf abzuschließen, dann gingen ihm die besten „Vieux 
saxe“, er sprach nur von „Vieux saxe“, und Ludwigs 
burger Puppen durch die Lappen. Seine Frau, eine brave 
Landpommeranze aus der Gegend von Stargard, glaubte 
es auch, und da sie regelmäßig Geld und Pakete mit den 
besonderen Erzeugnissen des jeweiligen Landes erhielt, 
in dem der Graf gerade einkaufte, war sie es zufrieden. 
Ein ganzer Schweizer Käse war gerade angekommen, 
und die Gattin hatte ihr Entzücken und den Neid ihrer 
Berliner Bekannten in einem nicht ganz orthographisch 
richtig geschriebenen Brief geschildert, der auch 
grammatikalische Schwächen enthielt, wodurch erneut 
bewiesen wurde, daß die Stärke des Adels auf anderen 
Dingen beruhte. 
Graf Geldern fuhr sogar über den See hinüber, weil 
sie alle einmal einen Ausflug dorthin gemacht hatten, 
und kehrte sozusagen jeden Stein um. 
Obgleich die Polizei benachrichtigt worden war, 
glaubte doch niemand an Diebstahl, denn Frau Alice 
beteuerte, daß sie sich niemals von dem Ringe trenne, 
ja, daß sie ihn selbst vor dem Baden nicht ablege und 
mit ihm zu schlafen pflege. 
Wie wurde dieser Ring beneidet! 
„Oh, war ich der Stein auf diesem Ring, 
Und träumte still in deiner Näh’...“ 
hatte der Dichter des Kreises einmal in die Luft gerufen 
und freute sich, daß niemand die Anlehnung an Romeos 
Seufzer merkte. Hatte er sich des öfteren über das fade 
Geschwätz der Leute von Welt geärgert, mit denen er 
hier verkehrte, so dachte er dabei, es hat auch seine 
guten Seiten. Seine Berliner Kollegen hätten ihm sofort 
die Herkunft seines Seufzers nachgewiesen. 
Wo mochte der Ring geblieben sein? 
Es gab kein anderes Thema mehr, und als die Gesell 
schaft am Abend wieder um die Blondine mit den blauen 
Madonnenaugen saß und der Dichter gerade aus tiefem 
Nachdenken auffahrend frug; „Sind Frau Baronin 
protestantisch oder katholisch?“ Und sie erstaunt die 
Gegenfrage stellte: „Was hat das mit dem Verlust des 
Ringes zu tun?“ Und er errötend erwiderte: „Sie hätten 
ihn ja in religiöser Ekstase im Beichtstuhl abstreifen und 
so verlieren können“, näherte sich ein Dienstmädchen 
des ersten Stockes des Hotels der Gruppe, hielt 
triumphierend einen zierlichen Diamantring zwischen 
zwei dicken, klobigen, roten Fingern und frug: „Ist das 
der Ring?“ 
Frau Alice wollte antworten, dann zuckte es aber jäh 
und unvermittelt in ihr auf, und tonlos frug sie: „Wo 
haben Sie den Ring gefunden?“ 
Und jetzt schmetterte die Magd im Vollbesitz einer 
ungetrübten Moral und ungebrochen durch die subtile 
Kenntnis einer Konvention, die so gern den Mantel der 
Liebe um menschliche Schwächen breitet, indem sie dem 
Grafen Geldern-Neuerz einen vernichtenden Blick zu 
warf: 
„I m Bette jenes Herrn !“ 
Der Augenblick war ungeheuer peinlich. Alle sahen 
zu Boden, niemand wagte Frau Alice anzusehen, und 
Graf Geldern wurde ganz rot. 
Frau Alice allein bewahrte ihre Unbefangenheit. 
Ohne daß ihre langen Wimpern zuckten, sagte sie, 
die rechte Hand ausstreckend: „Darf ich den Ring ein 
mal sehen?“ Prüfte ihn dann lange und aufmerksam, 
besonders von Innen, und erwiderte, als sie ihn zurück 
gab: „Das ist nicht mein Ring, denn der meinige trägt 
im Innern die Widmung ,.. eines preußischen Königs . 
In der Nacht aber bekam sie ihn dann zurück, 
Getragen hat sie ihn jedoch nicht mehr. Aber gesucht 
hat sie noch immer nach ihm, solange sie in Luzern war, 
bald hoch oben auf dem Berge, bald tief im Tal, bald in 
einem Boot, bald tief im Busch im Park und im Feld ... 
nur im Bett des Grafen Geldern hat sie ihn nicht mehr 
gesucht.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.