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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jaßrg. 27 
Nr. 9 
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n Roubaix wuchs Yvonne auf, als einziges 
Kind der Postsekretäreheleute Armand 
Buissier und Jaqueline Buissier, geborene 
Riehe. Als Konfirmandin war Yvonne das 
schönste Mädchen, das am Altar kniete. Sie 
sagte ihren Segensspruch mit klarer Aus 
sprache und inbrünstiger Betonung, und ihr 
Gesicht hatte den Ausdruck einer Heiligen. 
Der Herr Pfarrer hatte sie immer als 
seine beste Schülerin bezeichnet und sich oft mit ihr noch in 
die heilige Schrift vertieft, wenn die üblichen Vorbereitungs 
übungen bereits beendet waren. 
Da saßen die beiden, der Pfarrer und Yvonne, und sie 
lauschte den himmlischen Worten und empfing verklärt den 
frommen Samen, den er in ihr jungfräuliches Innere pflanzte. 
Nach der Einsegnung machte der Pfarrer seinen Glück- 
Wunschbesuch bei Buissiers und sprach von der sündigen Welt 
und der heiligen Kirche. Von den Gefahren, die ein junges 
Mädchen umlauerten, das gleich nach beendeter Schulzeit als 
Lehrfräulein in ein großes Geschäft für feine Wäsche aller 
Art eintreten sollte. Den ganzen Tag den Augen der Eltern 
oder des Pfarrers entzogen. ,. In jedem Karton sozusagen und 
in jedem — hm — Hemd gewissermaßen lagerte die Sünde. 
Sei nicht schon der Anblick eines — hm — Damenhemdes aus 
Battist Sünde und Versuchung? Und was es für — hm — 
Damenhemden gäbe! Die schrieen im Karton bereits nach 
Sünde und Laster. Wie leicht könnte die Jungfrau bei dem 
Anblick solch seidener — hm — Hemden und — hm, hm — 
Höschen von sündhafter Lust befallen werden. Wie leicht 
drängten diese — hm, hm — Höschen lüsterne Phantasiege 
bilde in ein jungfräuliches Hirn. 
„Wenn ich an die Frauen und Mädchen denke, die diese 
Wäsche tragen — Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, 
was sie tun!“ 
Der Pfarrer zeigte rote Flecken auf den Wangen, als er von 
„diesen“ Frauen sprach, und sein Körper bebte. . . 
Herr Buissier fuhr mit der Hand über den Scheitel und 
seufzte. Er konnte sich die Frauen in seidenen oder battistenen 
Hemden und Höschen wohl vorstellen . . . 
Frau Buissier faltete die Hände, sah dann aus dem Aus 
schnitt ihres Schwarzseidenen ein lila Bändchen hervorlugen, 
das sie mit. einem scheuen Blick auf den Pfarrer schnell 
wieder unsichtbar machte .... 
Yvonne aber — 
Aber Yvonne blickte verklärt auf den Pfarrer und ihre 
Brust hob und senkte sich wie unter einem süßen Rieseln . . . 
Sonntags abends von acht bis zehn Uhr weiterhin Bibelstunde 
nehmen sollte. 
Yvonne war zu Joubert et fils in die Lehre gekommen. Mit 
den Segenswünschen der Mutter und vom Vater persönlich 
begleitet, trat sie den Weg ins geschäftliche Leben an. 
Die Firma Joubert et fils bestand aus zwei Abteilungen: 
Fabrikation (Hinterhaus) und Detailverkauf (Vorderhaus). 
Erstere leitete Herr Joubert senior, während sein Sohn Alfred 
das Ladengeschäft führte. Der fils sollte für die nächste Zu 
kunft der Chef Yvonnes sein, und sie meldete sich bei ihm 
im Privatkontor am Ende des Ladens zum' Dienstantritt. Herr 
Alfred übernahm sie freundlichst aus der Hand des Herrn 
Buissier, der es sich nicht hatte nehmen lassen, seine Tochter 
mit artigen Worten dem Chef zu überantworten. 
Der fils betrachtete wohlwollend und pflichterfüllt das 
hübsche Mädchen, drückte dem Vater die Hand und sagte: 
„An mir soll es nicht fehlen, Ihrer Tochter eine gute und 
gründliche Lehrzeit angedeihen zu lassen.“ 
Worauf Herr Buissier wohlbefriedigt den Weg in sein Amt 
antrat. 
Alfred Joubert rief dann durch das Verbindungsfenster zum 
Laden Fräulein Chartres herein, die Kassiererin und erste 
Angestellte des Vorderhauses, und wies sie an, Fräulein — wie 
war doch noch der Name? — ach so, ja, Fräulein Yvonne 
Buissier („Für die Lehrzeit heißen Sie bei uns nur Fräulein 
Yvonne!“) ins Personalzimmer zu geleiten und ihr dort einen 
Schrank für ihre Sachen zuzuweisen. 
Das Privatbureau des Juniorchefs war ein schmuckloser, 
quadratischer Raum, angefüllt mit bis zur Decke reichenden 
Regalen, in denen alle möglichen Kartons mit Wäsche lagerten. 
In der Mitte des Zimmers befand sich ein großer, langge 
streckter Holztisch, während der Schreibtisch des Herrn Alfred 
unmittelbar an dem Verbindungsfenster stand. Von seinem 
Stuhl aus konnte der fils den ganzen Laden überblicken. 
Als Yvonne aus dem Personalzimmer ins Privatbureau zu 
rückkam, stand Herr Alfred hoch auf einer Leiter und reichte 
einem jungen Mann Kartons aus dem obersten Lager herab, 
die dann auf den Tisch gesetzt wurden. Dieses Zureichen 
übernahm auf Geheiß des Chefs nunmehr Yvonne, während 
der junge Mann sich in den Laden begab. 
Der fils hatte jetzt Gelegenheit, seinen neuen Lehrling aus 
der Vogelperspektive zu betrachten. Die Höhe seines Stand 
punktes ließ ihn unwillkürlich tief in den Ausschnitt eines 
Jumpers sehen. Der reizvolle Ansatz eines stramm entwickelten 
Busens kam so zum Anblick. 
Von oben nach unten wanderten die Kartons eine ganze 
Weile in Schweigsamkeit. Bis der Chef auf der Leiter plötzlich 
in der Arbeit innehielt und unvermittelt fragte: 
„Wie alt sind Sie eigentlich, Fräulein Yvonne?“ 
Sie antwortete bescheiden: „Nächsten Dienstag werde ich 
fünfzehn Jahre alt.“ 
„So, so“, lächelte Herr Alfred, stieg dann von der Leiter 
herab, ging an seinen Schreibtisch und kramte in den Fakturen. 
Als er die richtige gefunden hatte, blickte er auf das aller 
oberste Regalfach und sagte;. 
„Bitte, Fräulein, steigen Sie auf die Leiter. Höher, bitte. 
Noch höher. Nun geben Sie mir die Nummern, die ich Ihnen 
ansage.“ 
Yvonne stieg die Leiter hoch — noch höher — bis auf die 
vorletzte Sprosse. Unten stand der fils und betrachtete nun 
mehr seinen Lehrling aus der Froschperspektive. Ei bewunderte 
die wohlgeformten Beine Yvonnes und sah, daß sie frische, 
weiße Beinkleider trug. Über diesen Anblick, der ihn an- 
Es trat eine träumende Stille ein. Jeder hing seinen Ge 
danken nach. Der Herr Pfarrer mit den geröteten Wangen. 
Herr Buissier mit schweren Seufzern. Frau Buissier mit ver 
schämt gesenktem Blick; Yvonne mit großen Augen und 
bebenden Nasenflügeln. 
Der erste, der die schwüle Stille unterbrach, war der Pfarrer. 
Er räusperte sich schüchtern, griff an seinen Halskragen und 
äußerte sich ein zweites Mal, etwas stärker. 
Herr Buissier streichelte seinen Bart und sagte resigniert: 
„Ja, ja! Nein, nein!“ 
Frau Buissier blickte ihren Mann darob vorwurfsvoll an und 
erklärte, die Stellung für Yvonne sei bereits fest ausgemacht 
und man könne nicht mehr zurück. Und Yvonne sei ihre 
Tochter, von ihrem Fleisch und Blut, und der Herr Pfarrer 
könne beruhigt sein. 
Yvonne lächelte hold ihre Mutter an und nickte Zustimmung. 
Damit war der Fall erledigt. Aber dem Herrn Pfarrer wurde 
die Konzession gemacht, daß Yvonne bei ihm Mittwochs und
        
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