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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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Nr. 1 
Jaßrg. 
Iberüfirnte Leidenschaften 
QaCante CLnekdoten uon 6gon ft. Straßburger 
Scheuermann 
Voltaire und 'Marquise du Cfadtelet 
Als „die göttliche Emilie“ sehr früh das Zeitliche gesegnet 
hatte, standen der Gatte der Marquise du Chätelet und der 
Liebhaber, Monsieur Voltaire, tief gebeugt bei der Toten an 
der Bahre. 
Da entdeckte der Marquis ein Medaillon an einem goldenen 
Kettchen, das Emilie um den Hals gebunden hatte. 
Er machte Voltaire darauf aufmerksam, und jeder der beiden 
Herren war begierig, zu erfahren, welches Bild es enthielte . . . 
ob das des Gemahls oder des Liebhabers. 
Keiner Wagte sich an die Tote heran. Der Kammerdiener 
des Marquis faßte sich schließlich ein Herz und öffnete. 
„Die Treulose!“ stieß der große Dichter hervor. „Das ist ja 
Saint-Lambert, der Wüstling.“ Und du Chätelet stammelte: 
„Sie hat uns eben beide betrogen.“ Er weinte in sein 
Taschentuch. 
Bei der Trauerfeierlichkeit schritten der Marquis, Voltaire 
und Saint-Lambert in einer Reihe. Alle drei gebeugten 
Hauptes. 
„Wer soll das Medaillon mit dem Kettchen nun erhalten?“ 
fragte plötzlich der Witwer. Voltaire erwiderte in seiner 
bissigen Art: „Der Letzte natürlich. . . .“ 
Der Letzte aber entschied: „Die Kette erhält als wertvollstes 
Stück der Ehemann, das Medaillon Monsieur Voltaire und das 
Bild nehme ich wieder für mich in Anspruch.“ Dieses Bild legte 
Saint-Lambert in das Medaillon der Gräfin von Houdetöt, 
seiner zukünftigen Geliebten. Da diese Dame ihn aber um 
10 Jahre überlebte und nach fünfzigjährigem Liebesjubiläum 
erst zu Gott einging, nahm die hochbetagte Greisin Lam 
berts Jugendbildnis heraus, um ihren letzten Verehrer, Mon 
sieur Sommariva, im Medaillon versinken zu lassen. 
Über die weiteren Schicksale dieser Sehnsuchtszentrale in 
Form eines goldenen Medaillons ist nichts bekannt geworden. 
# 
Lord Jbyron und Lady Lamb 
Der Dichter Englands hatte ein Herz mit ungeheuer inten 
sivem Klebestoff. Die Mädchen in London waren von diesem 
genialen Manne begeistert. Kein Wunder, daß die rassige 
Lady Lamb die Etikette der Moral und den Puritanismus ab 
streifte, um die entzückendsten Stunden in den Armen Byrons 
zu verleben. Der Dichter, eitel und voller Pfauenhaftigkeit, 
freute sich des neuen Sieges, während England ihn, wie auch 
die Lamb mit einiger Verachtung strafte; war sie doch Mutter 
von drei reizenden Mädchen. 
Aber die Dämonie der Liebe triumphierte. Sie war mit Leib 
und Seele ihm verfallen und ihre Leidenschaft kannte keine 
Rücksicht vor dem Pair-Titel ihres Gemahls. 
Als Byron die Sahne dieser Liebe abgeschöpft hatte, wandte 
sich sein Herz einem schönen Mädchen aus dem Volke, einer 
Verkäuferin, zu. Diese Siebzehnjährige hatte die Allüren eines 
jungen Bären, aber sie hatte als unberührtes Mädchen Vor 
züge, die eine Lady Lamb ja nicht mehr haben konnte. Lange 
widerstand das junge Wesen dem heißblütigen Poeten, da, 
nach dem Genuß von Sekt und Wein schloß sie die Augen. 
Lady Lamb kam von einem Balle, von Sehnsucht getrieben, 
hereingestürmt. Der Diener wollte ihr den Eintritt mit der 
Begründung verwehren: 
„Der gnädige Herr hat sich jede Audienz verbeten; er ar 
beitet an der Pointe eines großen Frühlingsgedichtes“, sagte er. 
In ihrer verführerischen gelbseidenen Ball-Toilette, aufgeregt 
und empört schrie sie auf: 
„Kann Ihnen diese Dame hier mehr Liebe schenken als eine 
Lady Caroline Lamb?“ Konvulsivische Zuckungen, Tränen, 
Totenblässe und Ohnmacht! 
Das Mädchen mußte eilig, halb im Sektrausch, das Zimmer 
verlassen. Als Lady Lamb erwachte, fragte sie wie geistes 
abwesend: 
„Habe ich nicht ein Mädchen hier gesehen? . . . ein Mädchen 
von sechzehn oder siebzehn?“ 
Byron legte begütigend die Arme um ihre Taille und öffnete 
leise das Mieder; 
„Nein, angebetete Caroline, Sie haben in meinen Armen nur 
wundervoll geschlafen und geträumt, versäumen wir nun die 
wachen Stunden nicht.“ 
„Wie sonderbar!“ erwiderte die Geliebte, und mit dem Be 
merken; „Das Kleid habe ich Ihnen zu Ehren an — und Ihnen 
zu Ehren nun ausgezogen“, übergab sie es Lord Byron.
        
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