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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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Nr. 8 
Jahig. 27 
gungen Komödie zu spielen, konnte sie dennoch nicht eine 
starke Unausgeglichenheit ihres Seelenlebens verbergen. 
Halb im Scherz verlangte sie von Daniel, der im Rufe stand, 
Diagnosen zu „riechen“, Aufklärung über ihren Gesundheits 
zustand. Er dürfe sie aber nicht berühren. Daniel, der lange 
genug Üntersuchungsmethoden gepflegt hatte, die trefflich, 
wenn auch nicht offiziell anerkannt sind, sah ihr kurz in die 
Augen und erklärte dann, daß er sich in der Gesellschaft nicht 
äußern könne utid auch der jungen Frau allein gegenüber nicht 
gewillt sei, Rede zu stehen. 
In diesem Augenblick trat das Medium, eine rundliche, ältere, 
einfache Frau im Anfang der sechziger Jahre, in Aktion und 
erklärte, daß sie bereit sei, Mitteilungen zu empfangen, da sie 
sich als mütterliche Freundin der jüngeren fühle. 
Als diese mit solchem Modus einverstanden war, begab sich 
Daniel mit der Frau ins Nebenzimmer und eröffnete ihr, daß 
das junge Weib an einem Unterleibskatarrh leide, der zum 
Teil auf sexueller Überreizung beruhe und daß ihr Mann 
impotent sei und ihr nicht die Forderungen ihres Weibtums 
erfüllen könne, wodurch der krankhafte Zustand sich dauernd 
verschlimmere. Das Medium, das die Familienverhältnisse der 
Patientin genau kannte, beglückwünschte Daniel zu seiner 
Diagnose, die haarscharf das Richtige getroffen habe, und 
redete von somnambulen Fähigkeiten, die ihm zweifellos zu 
eigen seien. Äußerte auch einiges über Daniels Gattin, die 
wirtschaftlich und überhaupt schätzenswert sei, ohne dem 
Gedankenflug ihres Mannes folgen zu können, sprach über 
seine innerliche Unbefriedigtheit, worüber er sich, betroffen, 
sehr verwunderte, und gab schließlich der Hoffnung Ausdruck, 
ihn noch öfter zu sehen, da sie eine gewisse Gemeinschaft 
zwischen ihm und sich empfände — eine Wahrnehmung, die 
sich Daniel bereits bei ihren ersten Worten von selber auf 
gedrängt hatte. Dann schritt man zur Sitzung. 
Die Abenddämmerung war bereits hereingebrochen. Daniel 
befand sich in einer ihm gewohnten Atmosphäre von Traurig 
keit. Er bedachte, wie zerrüttet doch im Grunde selbst die 
äußerlich ruhigen Ehen seien, und wünschte sich schon ein 
Alter herbei, in dem er aus natürlichen Ursachen den Regungen 
zum anderen Geschlecht enthoben sein würde. Wiederum ver 
suchte er sich vorzusteflen, ob er für die ihm gegenübersitzende 
junge, unbefriedigte Frau etwas empfinden könne, kam aber 
zu dem Schluß, daß sie ihn ihres Äußeren wegen höchstens 
vorübergehend körperlich reizen, niemals jedoch für länger und 
in höherem Sinne zu fesseln vermöge. Er verfiel wieder in das 
lauwarme Bad seiner unbestimmten Traurigkeit und achtete 
kaum auf das Medium, das im Klubsessel an einem Pfeiler 
saß und schwach von der Abendsonne beschienen war. Die 
Frau hielt die Augen fest geschlossen, den Körper starr, die 
Arme seit über einer halben Stunde aufwärts gereckt und 
sprach teils in Versen, teils in Prosa belanglose politische 
Leitartikel, die eines Provinzblattes Niveau knapp erreichten. 
Plötzlich machte sie einige harte Bewegungen, röchelte ein 
wenig und forderte mit rauher, veränderter Stimme: „Fragt 
mich!“ 
Von verschiedenen Personen wurden nun Fragen, zumeist 
familiärer Natur, gestellt, die von dem Medium unter Hinweis 
auf ganz bestimmte Angelegenheiten in einer Weise beant 
wortet wurden, daß die Frager des öfteren außerordentlich er 
staunten, solcherart intimste Dinge im Bewußtsein eines 
fremden Individuums vorzufinden. 
Daniel enthielt sich jedes Wortes. Die schlafende Frau in 
dessen (sofern man sich hier des Begriffes Schlaf bedienen 
darf) richtete die Hände gegen ihn und forderte von neuem: 
„Frag’ d u mich!“ 
So eindeutig bezeichnet, vermochte Daniel sein Schweigen 
nicht länger aufrecht zu erhalten. Er fragte, überzeugt, eine 
ebenfalls allgemein gehaltene Antwort zu erhalten, so obenhin, 
wie sich sein fernerer Weg gestalten werde. 
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Zu seiner größten Überraschung begann die Frau von seinen 
pharmazeutischen Untersuchungen zu sprechen, die ihn in der 
••Tat seit Monaten sehr beschäftigten, prophezeite ihm Erfolg, 
Unterstützung durch die geistige Mitarbeit eines toten italie 
nischen Arztes, den er als seinen Führer zu betrachten habe, 
schilderte ferner genau seine vor langer Zeit verstorbene Groß 
mutter, die gleichfalls schützend um ihn sei, und verkündete 
schließlich, daß er in freier Vereinigung ein Mädchen finden 
werde, die ihm im wahrsten Sinne des Wortes Gefährtin und 
Arbeitsgenossin sein würde. 
Als er etwas spöttischen Tones fragte, woran er denn dieses 
Mädchen als die richtige erkennen könne, ward ihm der Be 
scheid, eine vor Jahren Verstorbene, die ihn sehr geliebt, werde 
ihm ein Zeichen geben. 
Diese Worte erschütterten Daniel mehr, als alle anderen 
Verkündigungen zuvor. Denn in der Tat war ihm vor drei 
Jahren eine Geliebte gestorben, die für ihn ein halbes Jahr 
zehnt harmonischer und trotz aller Verborgenheit freudiger 
Gemeinschaft mit einem strebenden Menschenkinde bedeutet 
hatte. Er hatte sie in seiner Manier recht lieb gehabt und 
dachte noch oft mit keineswegs wunschloser Wehmut an eine 
Zeit zurück, die ihm, unzerrüttet von Erschütterungen des 
Ehrgeizes, stets als der Watteau der bunten Galerie seiner 
Erlebnisbilder galt. 
Es ist von untergeordneter Bedeutung, die weiteren Ereig 
nisse aus der Sitzung dieses Abends zu referieren. Ungeachtet 
der aufregenden Zwischenfälle, die sich im Verlauf der Ex 
perimente abspielten und an denen Daniel aktiv teilzunehmen 
gezwungen wurde, indem sonst keiner der Anwesenden im 
stande war, gewisse, sichtlich gefahrdrohende Zustände, die 
das Medium bedrängten, zu beheben, befand er sich in einer 
sozusagen abwesenden Stimmung. Alles, was geschah, wurde 
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