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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jahrg. 27 
Nr. S 
20 
Im Harem half einst ein Pascha 
eine Gül, Bül, Sascha, Mascha. 
Doch war ihm trotzdem flau und mau: 
Er hatte keine Lieblingsfrau, 
und könnt’ nicht von den Vieren 
den Liebling sich erküren. 
Verschleiert dicht 
war ihr Gesicht. 
Der Pascha, dem die Wahl so schwer, 
löst das Problem von unten her: 
entscheiden soll’n alleine 
die Beine — die Beine. 
Stellt alle drum in Reih und Glied, 
und jeder unter s Röckchen sieht — 
der Gül, der Bül, der Sascha, 
Der Mascha — 
der Pascha 
Und prüft mit sicher’m Kennerblick 
was krumm und grad, was dünn und dick. 
Was O und X, 
das tauget nix. 
Die Fessel muß recht schlank und fein, 
geschmeidig, etwas locker sein. 
Die Wade 
Sei gerade. 
Zu weich nicht und auch nicht zu schlaff 
der Muskel, stramm, doch nicht zu straff. 
So mollig wie ein Kissen, 
so müssen, 
zum Küssen, 
zwei Beine sein, voller Sünd’, 
voller Glut und nicht melancholisch, 
temperamentvoll, weil symbolisch 
sie für das ganze Kind. 
♦ 
Als,früher man ’ne Frau gefreit, 
ein Glück war’s, eine Seligkeit! 
Denn die, die gut gewachsen schien, 
trug um den Leib die Krinolin. 
Man nahm, was man erhalten, 
mit stummem Händefalten. 
Verborgen blieb, 
was süß und lieb. 
Doch als er in der Hochzeitsnacht 
den Reifrock löste mit Bedacht, 
sah er, als sie alleine, 
die Beine — die Beine — 
Wie Bohnenstangen dünn und schmal, 
wie Brückenpfosten — o Skandal! 
Es war des Rockes Weite 
und Breite 
’ne Pleite. 
Drum prüfe stets mit Kennerblick 
was krumm und grad, was dünn und dick. 
Was O und X, das tauget nix. 
Die Fessel muß recht schlank und fein, 
geschmeidig, etwas locker sein. 
Die Wade 
sei gerade. 
Zu weich nicht, und auch nicht zu schlaff 
der Muskel, stramm, doch nicht zu straff. 
So mollig wie ein Kissen. 
So müssen 
zum Küssen 
zwei Beine sein, voller Sünd’, 
voller Glut und nicht melancholisch, 
temperamentvoll, weil symbolisch 
sie für das ganze Kind. 
Die Pluderhose kam in Schwung; 
man trug sie mit Begeisterung. 
Sie regte jener Frauen Neid, 
die klebten an dem langen Kleid, 
berockt die Welt durchliefen, 
aus allerlei Motiven.
        
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