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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jahrg. 27 
Nr. 8 
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önig' Friedrich Wilhelm von Preußen war, 
höflich ausgedrückt, ein origineller Kauz. 
Jeden andern seiner Art, der nicht auf 
einem Thron sitzt, würde man mit Recht als 
ein Rauhhein erster Güte bezeichnen. 
Wie der Herr, so das Geschcrr. Der dicke 
Preußenkönig konnte, nur Offiziere in seiner 
Umgebung leiden, die ebenso grobklotzig 
und knotig waren wie er selber. Am an 
gesehensten war bei ihm der Kavalier, dessen 
Manieren die des letzten Stallknechtes um etliche Pferdelängen 
schlug. So kam es, daß sein Liebling der Major des Garde- 
du-Corps Freiherr von Humpenhausen war. Dieses alte 
Knickebein war bereits in dem Alter, in dem er wohl noch 
als Reiter seiner Mähre, nicht aber mehr als Gatte imponieren 
konnte. Er soff wie der Zwerg Perkeo, fluchte am Tage mehr 
als ein ganzes Janitseharen-Regiment deh ganzen Monat, und 
war ebenso eifersüchtig wie unfähig, den im gegenwärtigen 
Fall nicht leichten Posten eines Ehegatten auszufüllen. 
Hier muß dazwischengeschaltet werden: Seine Gattin, ein 
junges Weib von 23 Jahren, war eine geborene Gräfin von 
Pallenberg aus Wien und hatte den alten Bärenhäuter heiraten 
müssen, weil es der Familienrat aus politischen Gründen also 
beschlossen. Sie hatte schwarze Haare wie ihre Mutter, eine 
geborene Gräfin Rossi aus Rom, und etwa fünf mal so viel 
Hitze im Leibe als der Aetna, als er Pompeji verschüttete. 
Da die Freifrau Ina von Humpenhausen, geborene Gräfin 
von Pallenberg keine Neigung zu einem nonnenhaften Lebens 
wandel verspürte, verliebte Sie sich sterblich in den Leutnant 
von Hengstorff, einen baumlangen Kerl, der bei der Schloß- 
garde in Berlin Dienst tat. 
Der kleinste Schusterjunge in Berlin wußte, wie der Leut 
nant zur Freifrau von Humpenhausen stand. Der einzige, der 
nichts wußte, wie das bei allen gehörnten Siegfrieden üblich 
ist, war der traute Ehegemahl. Eines Tages aber brachte ihm 
eine Ordonnanz einen Zettel, von einem alten Weibe über 
geben, und auf dem Zettel stand: „Wenn Sie zum Fixerzicren 
ausreiten, werden Sie von Ihrer Gnaden, der Frau Gemahlin, 
mit einem großen Kerl zum Hahnreih gemacht.“ 
Der Major schlug der Ordonnanz den Pallasch um die Ohren 
und verschwor sich hoch und teuer, den dreimal gottver 
dammten Ehebrecher beim Wickel zu kriegen. 
Er hatte einen .Pferdeburschen, einen Halbidioten, der ihm 
treu ergeben war, und ihm den Teufel aus der Hölle geholt 
hätte, selbst wenn der sich den Schwanz mit Seife einge- 
schmiert hätte. Den instruierte er, daß er so lange in seiner 
Kammer zu sitzen habe, wie der Major beim. Exerzieren war. 
Unter seinem Ehebett brachte er einen Haken an, mit einer 
langen Schnur, die durch die Wand ging und jenseits der 
Wand, wo des Pferdeburschen Logement war, hatte er eine 
Muskete an die Wand genagelt, an deren Abzug die Schnur 
mündete. Des Pferdeburschen Weisung war, in dem Augen 
blick, wo ein blinder Schuß aus der Muskete fuhr, sich auf 
den Gaul zu werfen, und nach dem Tempclhofcr Feld zu 
reiten, allwo der Herr Major mit seiner Schwadron exerzierte. 
An einem schönen Juli-Morgen, im Jahre des Heils 1735, 
hatte der Major von Humpenhausen wieder eine Felddienst 
übung um den Kreuzberg herum. Um 9 Uhr morgens schickte 
die Frau Majorin ihr ganzes Gesinde auf Besorgungen fort, 
und ihre Zofe, die früher Kurtisane in Venedig gewesen 
war, mußte von Hengstorff holen, um der Frau Majorin über 
den langweiligen Vormittag hinweg zu helfen. Der Leutnant 
war an diesem Vormittag besonders stürmisch aufgelegt, und 
so begab es sich, daß beide in ihrer Unterhaltung auf das 
freiherrliche Ehebett fielen und sich, daselbst herumbalgten, 
also, daß Feder und Bindfaden ihre Schuldigkeit taten und 
jenseits der Wand ein Schuß gelöst wurde. Die Freifrau er 
schrak darob und als sie den Halbidioten mit klappernden 
Hufen aus dem Hause sprengen hörte, ahnte sie alsbald, was 
die Glocke geschlagen hatte. Der Leutnant wollte vor Schreck 
zuerst in den Kasten der großen Standuhr flüchten, die im 
Schlafzimmer den Lauf der Ewigkeit verkündete. Aber der 
Kasten war für einen Leutnant der Schloßgarde doch zu klein, 
und als der von Knüppel die Tür zuschlug, blieb die Uhr 
stehen. Der Leutnant aber entwetzte aus dem Hause und war 
aur aller Gefahr. 
Die Freifrau indessen gewärtigte sich eines großen Spaßes, 
Da sie ihren Mann kannte, stellte sie zwei Flaschen Rotwein 
in den Kasten und legte sich mit leidendem Gesicht in das 
Ehebett, Ehe eine halbe Stunde verging, klapperten vor dem 
Hause die Hufe und der Herr Major mitnebst sämtlichen 
Offizieren seiner Schwadron polterten die Treppe hinauf. So 
gar die Cornets fehlten nicht. Wutschnaubend und mit der 
Reitpeitsche herumfuchtelnd, brüllte er seine Gemahlin an: 
„Madame, Sie haben Besuch gehabt!“ 
„Mein Herr, mäßigen Sie sich!“ 
„Wo ist der Schurke? Ich will ihm die Knochen zu Brei 
schlagen.“ 
Madame war eine Italienerin und somit in der Liebe ge 
witzter als alle anderen Töchter Evas. Mit einem angstvollen 
Blick zu der stehen gebliebenen Standuhr, deren Tür nur an 
gelegt war, seufzte sie; 
„Sie sind kein Kavalier, mon eher, sonst wüßten Sie, was 
Sie einer Dame von Stand schuldig sind.“ 
Der Major fing den Blick auf wie ein Spieler den Ball und 
brüllte wie ein Stier. Seine Offiziere johlten wie Gassenjungen. 
Darauf befahl der Major seine Pistole zu bringen, lud sie sorg 
fältig, zielte und schoß in Brusthöhe mitten durch die Tür der 
Standuhr, Schoß zweimal, viermal, sechsmal. Unten aus der 
Uhr heraus rieselte ein Strom blutroter Flüssigkeit. Die Offi 
ziere grinsten wie die Kannibalen. 
Nach dem zehnten Schuß riß der Major triumphierend die 
Tür zur Uhr auf und brühte: 
„Hier, Madame, ist ihr Geliebter!“ 
Die Chronik verschweigt zartfühlend die Szene, die sich 
abspielte, als der Major mit dem gesamten Offizierkorps 
seiner Schwadron vor dem leeren Uhrkasten stand, in dem 
die Splitter der Weinflaschen herumlagen. Es wird dabei ins 
geheim erzählt, daß der Freiherr nebst seinen Herren Kame 
raden in sehr bedrückter Stimmung die Treppe hinunterge- 
schlichen seien, und das einzige, was laut in die Öffentlichkeit 
drang, war das Geschrei des Stallburschen, der eine reichlich 
abgemessene Tracht Prügel mit der Hundepeitsche empfing. 
Es konnte nicht ausbleiben, daß diese Affäre in weitere 
Kreise drang, und als eines schönen Abends Seine Majestät 
im Tabakskollegium mit der Diskretion einer Fischhökerin ge 
wisse Andeutungen machte, fühlte sich der Freiherr von 
Humpenhausen derartig gekränkt, daß er urn fremde Dienste 
nachsuchte und als Regimentskommandeur nach Nieder- 
ländisch-Indien ging, nachdem er durch seinen Landesherrn 
als obersten Bischof der Preußischen Landeskirche seine Ehe 
hatte scheiden lassen. 
Nach Jahresfrist heiratete der Leutnant von Hengstorff die 
Freifrau von Humpenhausen, und als etliche Jahre später 
Friedrich der Große seine Kriege gegen Maria Theresia führte, 
soll er durch den zum Generalmajor avancierten und über die 
österreichischen Verhältnisse durch seine Frau Gemahlin wohl 
instruierten von Hengstorff wertvolle Aufschlüsse über ge 
wisse Festungen erhalten haben. Die Geschichtsschreibung ist 
indessen ungalant genug, bei der Schilderung der schlesischen 
Kriege gewissen weiblichen Verdiensten nicht die Palme zu 
zuerkennen, die ihnen bei der Vergrößerung des Königreichs 
Preußen von rechtswegen gebührt.
        
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