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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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Jahrg. 27 
Nr.S 
ames Fitzjames, herrlicher Kerl, aus welchem glücklichen 
FaE gingst du hervor! Französischer Marschall im Dienste 
Ludwigs XV. bist du geworden; Herzog von Berwick 
nennt man dich; dein Degen klirrt; hinter den Taxushecken 
tuschelt es, wenn du vorübergehst; der Puder duftet — —“ 
So lachte der hübsche, 
pausbäckige James Fitz 
james in sich hinein, als 
er wieder einmal, sehr 
mit sich zufrieden, sei 
nes Ursprungs ge 
dachte. 
Und doch stieß und 
stachelte fortwährend 
eine hitzige Ungeduld 
sein Herz; eine freche 
Lohe züngelte nach je 
dem Seidenfetzen, der 
Damenhauch an sich 
trug. Er reckte beide 
Arme in die Luft — 
plötzlich fühlte er wie 
der die Qual des Un- 
genügens, dos ewig in 
der Irre rennenden Ver 
langens, der unlösch 
baren Sehnsucht, und er 
gab sich gern und ge 
nießend — alles war 
ihm Genuß! — der 
Wonne seiner Einsam 
keit und seines Un 
glücks hin. 
Er ließ sich auf eine 
Bank nieder und sah in 
den leeren Himmel. In 
den Himmel? nein, in 
die tiefe, gründäm 
mernde Parkstraße dro 
ben irgendwo in Eng 
land, wo unter einer 
schattigen Ulme die 
Runen zusammenge 
worfen worden waren, die er jetzt in seinem rätselhaften 
Wesen herumtrug: Seligkeit und schmerzliche Begierde, Ge 
nuß bis zur Erschöpfung und ewiges Suchen nach etwas an-, 
derem, „Anderem?“ fragt sich James Fitzjames und denkt 
nach. '— — — 
„Prinz!“ flüstert ihm da die süße, noch ungebrochene Stimme 
der jungfräulichen Dianore ins Ohr, „Prinz, Sie leiden an einer 
Sehnsucht — wie ich. Aber ich bitte Sie: lassen Sie uns auf 
ein paar Minuten offen sein! Wie jeder und jede hier am 
Hofe weiß, sind Sie der begünstigste aUer Liebhaber; wie Sie 
und mit Ihnen alle Herren des Hofes wissen, habe ich noch 
keinen Anwalt genommen, den Prozeß der Natur zu schlichten 
— und doch scheinen wir beide gleich unglücklich. Ich gestehe 
Ihnen, Prinz, in mancher Nacht war ich nahe daran, den 
Stern der Liebe in meinen Schoß fallen zu lassen, aber dann 
dachte ich; wird es dich glücklich machen? James Fitzjames 
ist unglücklich — das siehst du seinen Augen an — also wird 
es auch dich nicht glücklich machen.“ 
Dianore wartete; der Herzog von Berwick schwieg. „Ich muß 
es wissen“, drängte Dianore und drückte das Knie, mit dem 
sie sich auf die Bank 
stützte, gegen ihn. 
„Dianore“, sagte lang 
sam der Herzog und sah 
in den Himmel, „S i e 
— Sie werden glücklich 
sein; aber i c h werde 
mitten in allem Glück 
an einem Wunsche ver 
brennen.“ 
„Warum glauben Sie 
das?“ 
„Dürfen wir offen 
sein?“ 
„Ich wünsche es sehn 
süchtig.“ 
„Ich kenne nicht nur 
die wundervoll stille 
und idyllische Szenerie 
Ihrer Geburt, Dianore, 
ich kenne auch die 
sanfte und von aller 
Zufriedenheit durch 
tränkte Stunde, aus der 
Sie entstanden. Und — 
glauben Sie den Astro 
logen und glauben Sie 
mir! — Diese Dinge 
sind es, denen wir 
Glück und Unglück un. 
seres ganzen Lebens 
verdanken. Ich mein 
Unglück — —“ 
„Fühlen Sie sich wirk 
lich unglückhch, Prinz?’“ 
fragte Dianore, und der 
Herzog bemerkte, wie 
sehr sie beunruhigt war. 
„Liebe, kleine Dianore“, sagte er, „Sie sind sicher die erste, 
die mein Unglück geahnt hat, wenigstens glaubte bis jetzt 
jede, die mir ihre Gunst schenkte, sie entließe mich bis ins 
Tiefste gestillt. Und ich muß gestehen: manchmal ist mir 
selbst so. Man ist doch nicht umsonst der glückliche James 
Fitzjames! Bis dann solche Sommerabende kommen wie der, 
an dem jetzt eben die kleine Dianore zu mir spricht, wo der 
Himmel in unerschöpflichen Lichtern blüht und im Duft der 
Wiesen etwas Fernes, Unerreichbares herweht.“ 
„Und woher meinen Sie, daß dies stamme?“ fragte Dianore. 
„Soll ich es erzählen? Sie würden die erste sein, die es hört.“ 
„Erzählen Sie!“ — — 
„Fürchten Sie die Gefahr nicht?“ 
„Dianore will wissen, ob sie von der Liebe Glück oder Un 
glück zu erwarten hat.“
        
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