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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jaürg. 27 
Nr. 8 
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Ise, das niedliche, pikante Komteßchen mit 
den wirklich durchaus kohlefreien, nacht 
dunklen Augenbrauen, die sich über ab 
gründige Märchenaugen spannten, und den 
einer gespaltenen Kirsche, einem Granat 
äpfelchen oder sonstigen karminroten Früchten 
(man beliebe in den einschlägigen Werken 
unserer weiblichen Pseudogrößen nachzu 
lesen) gleichenden Lippen, Komteßchen Ilse, 
sage ich, lag auf dem breiten Diwan in ihrem eleganten Zim- 
merchen, hatte den blonden Wuschelkopf in die zahllosen 
Kisssen gewühlt, die Hände in den violetten Plüsch der Decke 
gekrampft. Ihr zarter Körper bebte, sie schluchzte. Sie 
schluchzte tatsächlich. 
Du lieber Gott, sie nahm sonst das Leben durchaus nicht 
tragisch. Aber das — nein, das war faktisch zu viel. Das war 
so tragikomisch, so wahnsinnig blamabel, so unfaßlich banal, 
daß — daß man schon an einer gerechten, vernünftigen Welt 
ordnung zweifeln konnte. Und wenn sich so etwas ereignen 
durfte, warum mußte sie, gerade sie das Opfer, jawohl — das 
Opfer sein? Sie kam sich fabelhaft unglücklich vor. 
Aber weswegen weinte sie denn? Etwa um ihn, um diesen 
diesen Menschen? 
Sie schleuderte ihre runden Beine vom Lager, so daß sie 
kerzengerade, wenn auch ein klein wenig schwankend, auf 
beiden Füßen stand, fuhr sich durch das wirre Blondhaar und 
tupfte energisch die Tränchen aus den Augenwinkeln. Sie 
wollte nicht weinen! Einige Tröpfchen blitzen nur noch in den 
Wimpern. Durch krampfhaftes Blinzeln sucht sie die Nach 
zügler zu verscheuchen. Und schnell lösen sie sich, rollen eil 
fertig über die Wangen, bis sie das durchnäßte, duftende 
Tüchlein aufsaugt. So — und nun Schluß! Dieser — Mensch 
war das nicht wert. 
Sie blickte, jetzt schon wesentlich gefaßter, in den Spiegel, 
machte sich jedoch sehr böse Augen an, als sie ein verweintes 
Gesichtchen im Glase stehen sah. Schnell gleitet die Puder 
quaste über die geröteten Lider, das Häschen, die Wangen. 
Dann greift sie in die Bücherreihe, nimmt — irgend etwas. 
Andere Gedanken nur! Nun in den molligen Sessel gekuschelt, 
— Zigarette. Wölkchen kringeln auf, rieseln träge in die Luft. 
O, diese fatale Sache! Dieser fatale Menschl 
Sie sieht auf das Buch in ihrer Hand. .Marie Madeleine: In 
Seligkeit und Sünden. Roter Einband und Goldschnitt. Mit 
bösem Aufblitzen ihrer hübschen Augen will sie es — —• 
aber nein, nein. Warum denn? 
Energisch saugt sie an ihrer Zigarette, stößt mit runden 
Lippen den Rauch aus. Wird wieder elegisch, will sich auf 
raffen. O Gott, sie isf so müde. Nachdenklich blickt sie in die 
grotesk verzerrten Rauchgebilde, träumt — — —. 
Sie hört das Gullern und Glucksen der See, das einlullt wie 
ein Wiegenlied, aber auch unaussprechliches Sehnen aufwachsen 
läßt. Die Wellen, heranrollend wie wütende Renner, gischtüber- 
schäumt, schienen ihr menschliche Wünsche, heiße Hoffnungen. 
Groß und mächtig stürmen sie daher, überschlagen sich wohl, 
überjagen einander, bis sie eine nach der andern zerschellen, 
weißes, rieselndes Gedunst zurücklassend. — 
Über die schneegekrönten Wogenkämme sprühte die Sonne, 
daß sie auf flimmerten, perlenüb ersät, goß Licht in die zitternde 
Luft und Wärme über den Sand. Sie küßte und koste die 
trikotumspannten Körper, die nackten Arme, zarten Nacken, 
die runden Schenkel und straffen Waden. Die rissigen 
Rhythmen der Kapelle flogen dann und wann durch die see 
duftende Sonnenwärme, prickelnd und aufreizend. Die Schlager, 
die über den Strand hüpften und in das Rauschen des Meeres 
schillerten, waren wie Parfüm in tannendurchduftendem 
Walde, wie ein gelb-schwarzes Strumpfband an einem bloßen 
Frauenbein. 
Lilo hatte ihn aufdringlich gefunden. Gott, Lilo. Man konnte 
das verstehen. 
Sein Gesicht stand deutlich vor ihr, sein schmales Gesicht 
mit den dunklen, ein wenig melancholischen Augen und den 
weißen Zähnen. 
In der Kurhaus-Diele hatten sie getanzt, hatten dann auf 
der Terrasse gesessen und auf das weite Meer geblickt, das 
der Abend in dunstiges Dämmer hüllte. Auf dem Nachhause 
wege hatte er sie geküßt, unendlich zart und unendlich weich. 
Gott, sie hatte dem Kuß nicht entgegengeschüchtert. Sie 
war nicht „süß erschauert“, wie unsere schriftstellernden 
Weiblein sagen würden, ja so würden sie hier unbedingt sagen, 
sie hatte eher neugierig in sich hineingehorcht, hatte ihn und 
sich belauscht dabei. — 
Komteßchen hatte sich inzwischen auf den Diwan gehockt, 
die Beine angezogen und den Kopf gedankenschwer auf die 
Knie gestützt. v 
Dann durchträumte sie noch einmal jene Nachmittags 
stunde. Aus der Ferne rauschte nur leise das Meer, als ob es 
das dolce far niente der Badegäste nicht beeinträchtigen 
wollte. Er saß in dem hellen Hotelzimmer neben ihr auf einem 
Korbsessel, während sie rauchend auf dem Ruhebett in einem 
dünnen Musselinkleidchen lag. Flüsternd nur unterhielten sie 
sich, einerseits um den Zauber der Stunde nicht zu ver 
scheuchen, andererseits um Mama, die nebenan schlief, nicht 
in ihrer Mittagsruhe zu stören. Sie fühlte, wie er allmählich 
unruhig wurde, wie seine Blicke an ihren weißen, hauchzarten 
Strümpfen und den ausgeschnittenen Lackschuhen hingen. Da 
war die Zigarette ihren Lippen entglitten, rollte über das Kleid, 
drohte den duftigen Stoff zu versengen. Seine Hände tasteten 
danach, fanden ihren Körper, sein Mund ihre Lippen. 
Einige Tage später war er verschwunden, spurlos. Abgereist. 
Und heute, heute mußte sie ihn Wiedersehen! Ihre Gedanken 
sprangen. — Sie hatte einkaufen wollen —• Strümpfe. Menschen. 
Fahrstuhl. Zweiter Stock. Halt, Handschuhe, Spitzen, Bänder 
— hier; Trikotagen, Strümpfe. Sie beaugenscheinigte gerade 
interessiert einen zwiebelfarbenen Strumpf, der schillernd ein 
wohlgeformtes Wachsbein überspannte. Da hörte sie eine ver 
traute Stimme, seine Stimme. 
„Beste Qualität, gnädige Frau. Wird sehr viel getragen. 
Erstklassige Tramaseide.“ — — 
Komteßchen warf ihren Oberkörper zurück. Ein kleiner 
schluchzender Seufzer durchschütterte sie noch einmal. Dann 
verebbte die Aufwallung. Groll, Empörung, Wut, Enttäuschung, 
Schmerz machten einer anderen Stimmung Platz. Andere Ge 
fühle kamen in ihr auf, überwältigten sie, die Stimmung und 
die Gefühle jener Nachmittagsstundc. 
Mit geschlossenen Augen lag sie, ihre Brust hob und senkte 
sich, ihr Leib dehnte sich. 
O dieser gemeine Kerl — dieser entzückend gemeine Kerl!
        
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