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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

17 
Nr.l 
Jahrg. 27 
kriegen, ganz sicher. Doch — in neues Sinnen ver 
sunken, steht Walter Theobald da — er kann ihm 
doch unmöglich sagen: „Lieber Freund, höre mal, 
ich will da ein Mädchen heiraten, ich muß aber 
vorher wissen, ob . . Nein, das ging wirklich 
nicht. Ja, mußte er ihm denn sagen, daß es sich 
um seine eigene Braut handele? Wie wär’s, wenn 
er ihm erzählte, ihm läge aus bestimmten Gründen 
sehr viel daran, zu wissen, ob . . . Eine Wette! Na, 
gewiß doch, eine Wette! Ein Kollege von ihm hätte 
behauptet, eine beiderseitige Bekannte von ihnen 
wäre das reinste Unschuldslamm, und er hätte das 
eben angezweifelt. 
Famos! Großartig! Mit energischem Ruck reißt 
Walter Theobald die Hände aus den Hosentaschen, 
daß die Nähte ein bedenkliches Knacken hören 
lassen. In aufrichtiger Hochachtung vor seinem 
genialen Einfall macht er einen richtigen Freu 
densprung, als es an seiner Zimmertür pocht. 
Die Schutzmannswitwe steckt ihren gefärbten 
Wuschelkopf durch den Spalt. „Ein Herr Weh 
land wünscht Sie zu sprechen!“ Mit ausgestreckten 
Armen eilt er dem auf dem Korridor Wartenden 
entgegen. 
„Entschuldige, lieber Spießer, wenn ich störe“, 
leitet Kurt Wehland die Begrüßung ein. „Du mußt 
mir möglichst sofort 50 Billionen pumpen, nur 
auf ein paar Tage!“ 
Walter Theobald lächelt. „Ich will dir sogar 
100 geben und auf die Rückzahlung verzichten . .“ 
Kurt Wehland reißt Augen und Mund sperr 
angelweit auf. 
„Wenn du mir eine . . . eine kleine Gefälligkeit 
dafür erweist!“ 
„Abgemacht! Für 100 Billionen kannst du alles 
von mir verlangen!“ erwidert die biedere Freundes 
seele und reichte Walter Theobald die Rechte zur 
Bekräftigung der Worte. 
„Was soll’s denn sein? Ich bin gespannt wie ein 
Fiedelbogen.“ Erwartungsvoll läßt sich Kurt in 
den frisch auf gepolsterten Korbsessel fallen. Nach 
einigem Räuspern trägt Walter Theobald, erst 
noch etwas stockend, dann jedoch in schön ge 
setzter und wohlbedachter Rede sein Anliegen vor. 
„Dumme Sache, lieber Spießer!“ Kurt kratzt 
sich am Kopf. „Fatale Kiste!“ Er schüttelt be 
denklich sein Haupt. „100 Billionen sind j§ ganz 
schön . . aber immerhin: höchst kitzlige Sache!“ 
„Ich lege noch 50 Billionen zu!“ erklärt Walter 
Theobald nach einigem Überlegen und zieht die 
Brieftasche. 
„Nu schön, weil du’s bist!“ Kurt erhebt sich und 
steckt lässig die zusammengefalteten Scheine in 
die Westentasche. 
„Also, es bleibt dabei! Wir treffen uns morgen 
Nachmittag an der Kirche. Da muß die Be 
treffende vorbei, zur Klavierstunde. Ich zeige sie 
dir; deine Aufgabe ist es dann, ihre Bekanntschaft 
zu machen und ... du weißt ja, worum es sich 
handelt. Aber, vergiß nicht, mein Name bleibt 
ganz aus dem Spiel!“ 
„Sei ohne Sorge, lieber Spießer“, entgegnet Kurt. 
„Heute haben wir Mittwoch, Sonnabend Morgen 
hast du spätestens Bescheid!“ 
Mit einem kräftigen Händedruck schieden die 
beiden Freunde voneinander. 
Walter Theobald Spießer lag am Freitag noch 
in tiefem Schlummer, als ihn ein heftiges Klopfen 
an der Tür weckte. „Eine Rohrpostkarte!“ krähte 
die Stimme der Schutzmannswitwe. Eine Rohr 
postkarte? denkt Walter Theobald. Sollte das 
schon die Nachricht von Kurt sein? Hastig springt 
er aus dem Bett, reißt die Tür auf. Die Karte 
war wirklich von Kurt. Sie enthielt die Worte: 
„Kennen gelernt . . . Prachtweib.“ Nun wußte Geheimratstochter 
er erst recht gar ■ nichts. 
Brüning
        
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