Path:

Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr, S 
Jafirg. 2 7 
8 
Ilse (unvermittelt): Ich habe kein Glück mit der Serviette, 
sie fällt mir immerzu herunter. (Max bückt sich und gleitet 
zärtlich über das Bein.) 
Max: Himmlisch 1 
Margot (begreift); Jawohl, das Füßchen der gnädigen Frau 
— davon hörte ich sehr viel. 
Drory : Ja, meine Braut hat einen reizenden Fuß, 
Ilse (angeheitert); Kann dich das noch interessieren, mein 
lieber Bräutigam? 
Margot (Herr der Situation und sie ausrufend): Die Herr 
schaften sind wieder ineinander verliebt. Mir sagt es jeder 
Blick. 
Ilse; Gnädiges Fräulein, ich trinke auf Ihr Wohl. (Alles 
prostet). 
Max (wie in der Klemme): Nun frage ich Sie alle, was 
macht man da? 
Ilse: Man verlobt sich. 
Drory (etwas verlegen): Wenn man’s nicht schon wäre. 
Margot (nachdenklich): Ein schwerer Fall. 
Max: Nicht so einfach, ganz gewiß. 
Drory: Kinder, wir sind keine Commis voyageurs, wir 
sind auch keine Geheimräte oder Lokomotivführer, wir sind 
samt und sonders Künstler. 
Ilse (laut und lachend): Ich ahne! Prosit! Noch sind die 
Karten erst bestellt. 
Margot: Ja, aber . . . aber . . . 
Drory: Ich fahre sofort in die Druckerei und lasse sie 
ändern. Die kleine Verbesserung teilen wir . . . 
Max: Aber, mein lieber Kollege, bitte nicht für uns, 
nicht für Ilse und mich etwa. 
Margot: Na, was denn ... ihr könnt ja wieder heiraten. 
Ilse (wie ein Teufel): Wir waren ja schön dumm. 
Drory: Aber doch bitte einen Abschluß . . , 
Max (sich erhebend auf Ilse zeigend); Darf ich Sic mit 
meiner neuen Freundin hier bekannt machen? 
Drory; Ober, steilen Sie noch zwei kalt! 
HANS ILE WA LD 
s muß etwas Ungewöhnliches geschehen“, äußerte 
Max, der Filmregisseur, „wenn dein Name wieder mal 
in den Mäulern der Leute sein soll, mein lieber F'elix! 
Inserate, Plakate sind zu abgeleiert, kosten Mammut 
summen, kein Mensch beaugenscheinigt sie! Mit den 
Kinolieblingansichtskarten ist es auch nichts mehr, Bewunde 
rung von Kindern und Affen, wenn euch danach der Gaumen 
steht! Es muß etwas Ungewöhnliches geschehen! Läßt sich 
nicht Folgendes machen; Irgend eine Skandalszene, eine reelle 
Tragödie auf offener Straße, mitten auf dem Kurfürstendamm 
etwa —“ 
„Gefilmt meinst du —1“ 
„Nee, richtig! Du wirst von einer eifersuchtbesessenen Frau 
angeschossenl Daß Reporter und Photographen zufällig vor 
handen sind, dafür sorgen wir schon “ 
„Du, erlaube mal —1“ 
„Hast du Angst??“ 
„Teurer, ich habe den Krieg mitgemacht ! Aber —, wer 
schießt, wenn das Ganze keine Farce sein soll?“ 
„Weißt du, wie mir dieser Gedanke kam? Du erzähltest mir 
mal von einer Frau, die dich hündisch liebt, die für dich alles 
zu tun bereit wäre, auch wenn sie als Gegenleistung nichts 
sonst zu erhoffen hätte, als Mißhandlung durch dich! Du sagtest 
auch, sie verstünde mit der Waffe umzugehen “ 
„Mmjaü Ich will es mir überlegen!“ 
Halensee, 6. 6. 20, Joachim Friedrich Straße 20. 
Meine liebe Maud! 
Du wunderst dich, nicht wahr, daß ich wieder mal epistle! 
Wozu, argwöhnst Du, wozu wird er mich diesmal mißbrauchen 
wollen, nicht wahr?!“ Zu nichts, meine liebe Maud, zu nichts! 
Ich brauche nicht Deine Schönheit, nicht Deine Freigebigkeit, 
nicht Deine Felixanbetung! Du sollst nur bei einer lustigen Film- 
Reklame mitwirken. Es ist zum Schießen, sag’ ich Dir! Sei bitte 
so freundlich und vergiß schleunigst alles „Böse“, was ich Dir 
zugefügt habe! Halte es meinen Neurasthenismen zugute, Du 
weißt ja, mir darf man nichts krumm nehmen. Unlängst sagtest 
Du ja auch. Du hättest meine „seelischen Fußtritte“ ä-peu-pres 
überwunden, keine Spur mehr von Rhach—itis! Also nicht 
wahr, Du kommst! Am Mittwoch um sechs erwarte ich Dich! 
Dein alter Felix. 
— „Wir machen das aber nicht auf dem Kurfürstendamm, 
lieber Max, sondern viel effektreicher am übernächsten Sonn 
tag, auf der Grunewaldrennbahn. Da ist das Publikum noch 
größer und großartiger, Reporter, Kino-Operateure sind ohne 
hin anwesend und Sanitäter —“ („ also doch Angst —1“, 
denkt Max). 
Ich werde mit der Betsy dort paradieren, mit der verhängnis 
vollsten Frau Mitteleuropas, ich werde gnadelächelnd alle Such- 
Blicke und Neubegier-Feldstecher arrogant-bescheiden igno 
rieren. ! Plötzlich ein Schuß! Alles taumelt aufgestöbert 
durcheinander — —!! Blut! Tod! SchwerverwundetT Rache- 
Akt! Zerquälte Liebe! Der Felix! Der Felix!! Kein Mensch 
kümmert sich mehr um den Totalisator! Der Rennverein wird 
spucken! Die Hauptsache ist, daß unsere Schmocks gut funk 
tionieren, mein Photo in allen Zeitschriften und Fachblättern“ 
„—■ Hier, Maud, hast Du eine Anweisung auf dreihundert, 
die holst Du Dir ab an der Kasse der Max-Film-Co., vor 
mittags zwischen 10 und 12. (Maud denkt: „Schäbiger S&huft!“ 
Felix spürts und fügt hinzu;) Es passiert Dir ja kaum was, da 
Du mich ja nur minimal verwundest! Das halbe Jahr Zucht 
haus (höchstens!) bringst Du mir als Opfer! Die Max-Film-Co. 
wird selbstverständlich Dein Los in jeder Hinsicht erleichtern 
und Deine Zukunft sicherstellcn— —!!“ 
Maud reißt das Kuvert mit der Anweisung auf und über 
fliegt das Begleitschreiben. „Die Überbringerin dieser Zeilen 
ist die junge Dame, die die Freundlichkeit haben wird, mich 
zu erschießen. Bitte daher —“ 
Maud pfeift auf die dreihundert Mark. Eine tiefe „Endlich“- 
Befriedigung durchströmt sie. Eine Erlösung. Ein seelisches 
Ventil öffnet sich. Eine Rache-Chance erstrahlt! Maud ist voll 
dunklen Glücks und streichelt zitternd-zärtlich das Schreiben, 
den „mildernden Umstand“, das „ausdrückliche Verlangen“ . . 
Das Wetter am Renn-Sonntag ist der Sache sehr gewogen. 
Die Menschen-Überfülle quirlt augenverwirrend durcheinander. 
Nach dem großen Festino-Hürdenrennen ist keine Sensation 
von Belang mehr zu erwarten. Max, der Regisseur, hält nun 
mehr den Zeitpunkt für gekommen. Auf dem ersten Platz 
werden Felix und Betsy viel betrachtet und beflüstert. Maud 
sitzt, hinter einem Pfeiler versteckt, einsam auf der Tribüne. 
Max steht am Starteingang. Er wechselt Fernblicke mit Maud 
und mit Felix, — dann gibt er unauffällig das Zeichen. Felix 
ist grün vor A ufregung! Jetzt zum ersten Male kommt 
ihm der Gedanke, daß Maud, die Vielgetretene, möglicher 
weise — —I! 
Maud liebkost noch einmal (ohnmachtsnah und schlottern 
den Herzens) den Brief mit erstorbenen Fingern. Dann hebt sie 
mit zuckenden Lippen, kalkweiß im Gesicht, den Revolver und 
zielt mitten auf Felix’s Stirn. 
Ein Schuß kracht!! Felix bricht, gräßlich schreiend, in die 
Knie und wälzt sich im Grase. 
Maud ist ohnmächtig. Ihre Waffe hat versagt. Den Schuß 
hat der Starter abgegeben, als Signal für das neue Handicap. . .
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.