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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jahrg. 27 
Kr. 8 
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Irene“, sie betrachtete die junge Frau mit kritischen 
Blicken —, „ob eine solche soziale Tätigkeit nach deinem 
Geschmack sein wird —- ich weiß es nicht; aber segensreich 
ist sie.“ 
Frau Irene griff den Gedanken auf. Das war doch einmal 
etwas Anderes, Reizvolles, Pikantes. Es kribbelte ihr förmlich 
in den Nerven, ihr Blut kam in Wallung, sie fühlte eine Er 
regung, die ihr nach den langen Monden dürrer Langweile 
wie eine Erlösung erschien. Sie drückte der Freundin die 
Hand. „Liebste Lotte, ich danke dir. Das ist ein Ziel! Schon 
heute Abend — mein Mann hat wieder eine seiner ewigen 
Konferenzen, die ihn gewöhnlich bis um drei Uhr morgens 
festhalten — werde ich versuchen, mich auf die geschilderte 
Art der Menschheit nützlich zu erweisen.“ 
Frau Lotte gab ihr noch einige Verhaltungsmaßregeln, be- 
zeichnete ihr die Straßen, die sie passieren solle, und riet ihr, 
nur ja recht vorsichtig zu sein und sich den Redensarten der 
Dirnen nicht auszusetzen, bei denen das Laster aüf dem ge 
schminkten Gesicht gar zu aufdringlich ausgeprägt sei. Dann 
ging sic. 
Von der Wichtigkeit und der Ungewöhnlichkeit ihrer hohen 
Mission erfüllt, ersehnte Irene mit fiebernder Erwartung die 
späte Abendstunde, die sie auf die Straße rief. 
Endlich schlug es zehn Uhr. Sie hüllte sich in einen ein 
fachen Mantel, setzte ein billiges Hütchen auf, das sie zu 
diesem Zwecke am Nachmittag schnell noch gekauft, und 
machte sich auf den Weg. 
Langsam ging sie die Straßen entlang, die die Freundin ihr 
empfohlen hatte. Bei all ihrem Selbstbewußtsein vermochte 
sie doch nicht, ein beklemmendes Gefühl zu unterdrücken. 
Es war doch immerhin ein heikles Unternehmen. Indessen, 
was andere Frauen wagten, dessen sollte sie sich fürchten? 
Also, frisch darauf los! 
Ein Mädchen mit einem mächtigen Hut und einem bemalten 
Gesicht, das nach Patschuli roch, kam ihr entgegen. Diese 
aufgedonnerte Priesterin der Venus sprach sie an. 
„Fräulein“, sagte sie, „auf ein Wort!“ 
Das „Fräulein“ musterte sie argwöhnisch. „Wat willst’n?“ 
scholl es Irene mißtönig entgegen. Da verlor diese den Mut 
und machte, daß sie davon kam. Die Hebung der Sittlichkeit 
hatte sic sich doch etwas einfacher und leichter gedacht. Aber 
aller Anfang ist schwer — nur nicht den Mut verlieren! 
Ein sauber gekleidetes, hübsches, junges Mädchen ging 
schnellen Schrittes an ihr vorüber. „Auch eine!“ seufzte Frau 
Irene, machte kehrt und folgte ihr. Einige Minuten lang ging 
sie neben dem jungen Mädchen her, dessen bleiches, aber 
sympathisches Gesicht ihr Zutrauen und »Mitleid einflößte, 
dann sprach sie die Blasse an. 
„Mein Fräulein“, sagte sie eindringlich, „Sie sehen in mir 
eine Frau, die Ihnen helfen will. Lassen Sie ab von dem Laster, 
ich will Ihnen Arbeit verschaffen; aber werden Sie wieder 
anständig. Lassen Sie ab von dem Wege —“ 
„Was lassen — lassen! Nee, laß ich nich!“ unterbrach sie das 
junge Mädchen gereizt, „denn ich bin auf dem Wege nach 
Hause. Was denken Sie denn von mir! Ich bin ein anständiges 
Mädchen und werde Sie wegen Beleidigung verklagen! Ver 
stehen Sic!?“ 
Sprach’s und schwang sich auf die Elektrische, die gerade 
vorüberfuhr. 
Im Zustand grenzenloser Verblüffung sah Frau Irene ihr 
nach. Es währte einige Zeit, bis sie sich von ihrem Schrecken 
erholte und den Mut zu neuen Taten auf dem Gebiet der 
sozialen Fürsorge fand. Noch einen Versuch wollte sie machen, 
scheiterte auch dieser, so gedachte sie die Hebung der Sitt 
lichkeit als aussichtslos aufzugeben. 
Wieder begegnete ihr eine jener weiblichen Zeitgenossen, 
die sic retten wollte. Aber ehe sie dazu kam, sic anzureden, 
fixierte das Mädel sie scharf, wandte sich, auf Irene deutend, 
an eine hinter ihr spazierende Kollegin und rief in scharfem 
Diskant; „Du, Trude, neue Konkurrenz! Det Jeschäft wird 
immer schwerer. Eene miese Kiste!“ 
Aufs tiefste empört, überlegte Frau Irene, ob sie nicht doch 
besser daran täte, ein Auto zu nehmen und nun endlich nach 
Hause zu fahren. Aber nein, das wäre feige gewesen! So viel 
Energie mußte man doch aufweisen können, um noch den 
geplanten letzten Versuch zu wagen. 
Entschlossen hob sie das Haupt und ging weiter. Da hörte 
sie einen festen, harten Schritt hinter sich. Sie sah sich um. 
Kein Mädchen, sondern ein Herr — sehr elegant, das sagte 
ihr ein flinker Prüfungsblick, ein Herr, der sie mit unver 
hohlener Verwunderung anstarrte. Schnell wandte sie sich ab 
und eilte des Weges. Der Herr folgte ihr. Wenn sie es nicht 
gehört hätte, sie würde es gefühlt haben. Ein seltsam prickeln 
der Schauer überlief sie. Aber nein! O pfui!, sie war doch 
nicht auf die Straße gegangen, um ein Abenteuer zu erleben! 
Dann hätte ja die Dirne mit ihrer Konkurrenzfurcht, recht 
behalten. 
Mit aller Macht suchte sic sich von der seltsamen Erregung 
zu befreien. Es gelang ihr nicht vollkommen, sie vermochte 
nicht, jenes eigenartige, aufregende Gefühl zu bannen, ein 
Gefühl, wie sie es stets befallen, wenn sie den Boxkämpfen 
zugeschaut hatte. 
Ängstlich beschleunigte sie ihre Schritte, rief sich hart 
näckig ihre heilige Mission ins Gedächtnis zurück und sprach 
hastig die erste Kokotte an, die ihr wieder in den Weg kam. 
„Mein Fräulein, ich möchte einige Augenblicke . . .“ 
Das Mädchen, das sie verdutzt anschaute, ließ sie nicht 
weiter reden, drehte sich kurz um und rief einen daher 
schlendernden jungen Burschen an. „Du, Willem, komm’ mal 
her, det Mächen will wat!“ 
Willem näherte sich, aber ehe er in Aktion treten konnte, 
griff der elegante Herr tatkräftig ein. Er schob sich zwischen 
ihn und die junge Frau, die er, mit ehrerbietigem Gruß, aus 
dem Bereiche des edlen Paares führte. Einige anzügliche Ge 
meinheiten schollen hinter ihnen her. 
Irene zitterte vor Aufregung, ihre Glieder flogen. Ihr Be 
schützer wollte sie in das gegenüber liegende Restaurant führen. 
Dort sollte sie sich auffrischen und erholen. Hastig lehnte sie 
ab. „Um des Himmelswillcn, wenn uns da Bekannte von mir 
sehen würden!“ 
Endlich gelang es ihm, sie zu überreden, mit ihm eine ab 
gelegene, kleine Weinkneipe aufzusuchen. Schnell gewann Frau 
Irene ihr seelisches Gleichgewicht wieder, der schwere Bur 
gunder machte sie gesprächig, und in munterster Laune 
schilderte sie ihm die edlen Vorsätze, die sie gehabt, und deren 
gründliches Mißlingen. f 
Er lächelte still in sich hinein. Diesen Betätigungstrieb 
glaubte er richtig einzuschätzen, wenn er ihn auf andere Ur 
sachen, als auf die Nächstenliebe zurückführte. Der erfahrene 
Frauenkenner entfaltete all seine Liebenswürdigkeit,, um ihr 
zu gefallen, und mit Vergnügen entdeckte Irene, daß unter 
den Männern Galanterie und Leidenschaft denn doch nicht 
ganz ausgestorben sind. Ihre Zurückhaltung schwand, es war 
so entzückend behaglich in diesem heimlichen Rneipwinkel. 
Schließlich ganz charmant, so ein kleines Abenteuerchen! Mal 
was anderes. 
Kurz vor ihrem Manne erst kam sie nach Hause. 
Frau Irene hat Geschmack gefunden an der Hebung der 
Sittlichkeit. Sie setzt ihre Tätigkeit mit ungeschwächten 
Kräften fort und hat ihre Nervosität verloren.
        
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