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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jaßrg. 27 
Nr. S 
rau Irene befand sich nun im sechsunddrei 
ßigsten Jahre ihres Lebens und im vierzehnten 
ihrer Ehe. Dieser, durch Standesamt und 
Kirche besiegelte Bund, den feurige Leiden 
schaft einst geschlossen, war im Laufe der Zeit 
etwas brüchig geworden. Nicht, daß es zu 
irgend welchen ernsten Zwistigkeiten zwischen 
den Eheleuten gekommen wäre, — o nein, 
ii sehr gut, benahm sich, wie es sich für Leute 
schickt, die eine gute Kinderstube genossen, aber die einstige 
glühende Leidenschaft war einer abkühlenden Gleichgültig 
keit gewichen, man ging nebeneinander her, ohne sich inein 
ander zu versenken. 
Herr Peter, der um zwei Jahrzehnte älter war als die Frau 
seiner Wahl, war bequem geworden. Er hatte sich ein dickes 
Bäuchlein angemästet, und dem Genuß der Liebe zog er den 
einer guten Zigarre und eines guten Rotspons vor. Zudem 
nahm ihn sein Geschäft, das einen großen Umfang ange 
nommen hatte, stark in Anspruch; viele Abende mußte er 
wichtigen Konferenzen widmen, so daß Frau Irene oft genug 
auf sich allein angewiesen war. 
Eine immer heftigere Unzufriedenheit bemächtigte sich ihrer. 
Was nutzten ihr Glanz, Reichtum und Wohlleben, wenn die 
Langeweile ihre unzertrennliche Begleiterin war! Irene beklagte 
tief, daß ein ungnädiges Geschick ihr den Segen der Kinder 
vorenthalten; wenigstens hätte sie dann eine Ablenkung, wohl 
gar einen Lebenszweck gehabt. So aber — sie war frisch und 
kräftig, strotzte vor Gesundheit und mußte nun, ungeachtet 
aller Sehnsucht, sich zu betätigen, ihre Tage passiv verbringen 
wie eine pensionierte Exzellenz. 
Sie lachte bitter, als ihr dieser Vergleich kam. In der Tat, 
er stimmte haarscharf. Was war sie denn anderes, als eine 
Ehefrau a. D.! Nicht einmal z. D. Denn von ihrer Bereitschaft 
machte ihr Mann keinen Gebrauch. 
Je eingehender Frau Irene über ihr zweckloses Dasein naqlf- 
dachte, desto mehr verschärfte sich ihre Unzufriedenheit. So 
geschah es, daß sic nervös, ungeduldig, launenhaft wurde. Sm 
sehnte sich danach, aus diesem unerträglichen Zustand heraus 
geschleudert zu werden — durch irgend etwas. Mochte es sein, 
was es wolle! Sic schmachtete nach einer Ablenkung, um die 
innere Ruhe wieder zu erlangen. 
So fand sie ihre Freundin Lotte. Ihr klagte sie ihr Leid. 
Lotte hörte aufmerksam zu, dachte einige Minuten ernsthaft 
nach und sagte dann; „Ja, liebes Kind, da kann ich dir nur 
raten, mache dich neckisch, um die Liebe deines Mannes 
wieder zu erwecken, kokettiere mit ihm — reize seine Sinne —“ 
Frau Irene zuckte die Achseln und unterbrach die Freundin 
ungeduldig.; „Liebe Lotte, hat ja gar keinen Zweck! Mein 
Mann und ich, wir sind zwar verheiratet, — aber kein 
Ehepaar.“ 
Lotte nickte; sie begriff. „Aha, eure Ehe laboriert an Alters 
schwäche. Allerdings, da gibt cs kein Heilmittel; Verkalkung 
der Sinne.“ 
über Frau Irenes gerundetes Antlitz schoß eine Blutwclle. 
Die Freundinnen schwiegen, jede hing ihren Gedanken nach. 
Da griff Frau Lotte den Faden der Unterhaltung wieder auf. 
„Weißt du, Kind, ich will dir einen guten Rat geben, mache 
cs so, wie ich, als meine Ehe dieselben unangenehmen Merk 
male aufwies. Ich bin ja allerdings fast zehn Jahre älter als 
du, aber bei einem kommt’s eben früher, beim andern später. 
Also, liebe Irene, mein Rat ist der: betätige dich geistig und 
sozial.“ 
„Geistig? Sozial?“ Mit einem Gesicht, auf dem die absolute 
Verständnislosigkeit zu lesen war, sah Irene die Freundin an. 
Diese erklärte: „Irene, die Sache ist doch ganz einfach. Wir 
Frauen — das heißt alle jene, bei denen nicht die Liebe der 
Geschlechter alle anderen Triebe überwuchert —, wir erstreben 
es, gleichberechtigt neben dem Manne zu stehen. Nicht nur 
ideell politisch, denn das sind wir ja bereits unter der Republik 
geworden, sondern auch mit praktischer Betätigung. Zu diesem 
Zwecke heißt es, nicht nur sich geistig fortbilden, sondern 
auch auf sozialpolitischem Gebiet wirken. Ich zum Beispiel, bin 
Mitglied des Vereins „Fraucnstreben“, des „Mädchenhort“ 
und des Bundes für „Frauenstudium“. Tritt den Vereinen bei, 
ich werde dich gern einführen. Dort hast du Ablenkung, findest 
du Zerstreuung und vor allen Dingen weißt du, was du mit 
deiner Zeit anfangen sollst. Du wirst da sehr nette Menschen 
sehen. Willst du?“ , 
Sie hielt ihr die Hand hin; „Eingeschlagen?!“ 
Irene schüttelte den Kopf. „Nein, so sehr es micht lockt, 
aus meiner Untätigkeit herauszutreten, irgend etwas zu 
schaffen. Aber dieses Vereinsleben — diese endlosen Reden — 
diese Wichtigtuerei — nein, nein, ich will Gutes tun außer 
halb dieser Bunde und Klubs. Doch auf welche Weise?“ 
Ratlos sah sie die Freundin an. 
„Ja“, meinte Frau Lotte, „w’enn du etwas älter wärst — ich 
wüßte schon.“ 
„Ich bin alt genug, um mich den Menschen hilfreich zu er 
weisen“, warf Irene ein. „Also heraus mit der Sprache!“ 
Nun zögerte Frau Lotte nicht mehr. „Wenn du meinst — 
und keine Gefahren fürchtest — es böte sich schon ein Feld, 
wo du ganz allein, vollkommen selbständig, dich der Mensch 
heit nützlich .'rweisen könntest. Allerdings“, unterbrach sic 
sic&;T?eme heikle Sache ist und bleibt es. Es gehören Mut und 
Selbstverleugnung dazu.“ 
Irene war aufs höchste gespannt. „Nun sage mir doch schon 
— packe deine Worte doch nicht so in Watte — was ist es 
also, Lotte?“ 
„Nun, so hebe die Sittlichkeit!“ 
Irene fuhr zurück. „Ich ganz allein? Ich soll die Sittlichkeit 
heben? Wie mache ich denn das? Da habe ich wohl nicht 
recht gehört?“ 
„Gewiß hast du richtig gehört, liebe Irene. Wir haben 
bereits einige Damen — allerdings sind sie schon in den 
Jahren, — die ganz allein, in später Abendstunde, jene Straßen 
beobachtend entlanggchen, auf denen die Mädchen des Lasters 
wandeln. Manch eine ist wieder auf den Pfad der Tugend zu 
rückgekehrt, an Leib und Seele gerettet worden. Die Damen, 
deren kundiger Blick jene armen Geschöpfe herausfindet, die 
noch nicht ganz verloren sind, reden auf sie so lange ein, bis 
sie ihnen in ein schützendes Asyl folgen. Allerdings, liebe 
man vertrug si 
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